Von Chemnitz über Dresden und Kamenz bis nach Zwickau, Brandenburg und Berlin gehen heute Beschäftigte der Automobil- und Zulieferindustrie auf die Straße. Hinter dem bundesweiten Aktionstag steht eine Sorge, die im Osten besonders schwer wiegt: Wenn Fahrzeugwerke und Zulieferer Arbeitsplätze abbauen, trifft das nicht nur einzelne Unternehmen – sondern ganze Industrieregionen.

Proteste an zahlreichen ostdeutschen Autostandorten

Bereits am Morgen versammelten sich Beschäftigte am Volkswagen-Motorenwerk in Chemnitz. Nach Angaben der IG Metall beteiligten sich dort Mitarbeiter von Volkswagen und weiteren Unternehmen aus der Region. Bundesweit sind für den heutigen Montag mehr als 280 Aktionen im Bereich von rund 100 IG-Metall-Geschäftsstellen angekündigt. Allein in Berlin, Brandenburg und Sachsen sollen Beschäftigte aus mehr als 50 Betrieben beteiligt sein.

In Sachsen folgen im Laufe des Tages weitere Aktionen. Vor den Karosseriewerken Dresden in Radeberg war für die Mittagspause eine Veranstaltung angesetzt. Bei Accumotive in Kamenz ist um 13 Uhr eine Aktion auf dem Werksgelände geplant. Vor der Gläsernen Manufaktur in Dresden wollen Beschäftigte von 15 bis 15.30 Uhr demonstrieren.

Auch Brandenburg und Berlin sind Teil des Aktionstages. Aktionen sind unter anderem bei ZF in Brandenburg an der Havel, Mahle in Wustermark, Mercedes-Benz in Ludwigsfelde sowie am Mercedes-Werk in Berlin vorgesehen. Beschäftigte von IAV, CARIAD und MBition wollen in Berlin gemeinsam demonstrieren.

Den größten ostdeutschen Termin hat die IG Metall für den Nachmittag in Zwickau angekündigt.

Zwickau: Großkundgebung auf dem Hauptmarkt

Um 15.30 Uhr soll auf dem Zwickauer Hauptmarkt eine Großkundgebung beginnen. Die IG Metall erwartet mehrere Tausend Teilnehmer aus Volkswagen und zahlreichen Betrieben der regionalen Zulieferindustrie.

Zwickau steht dabei beispielhaft für die Abhängigkeit ganzer Regionen von der Automobilindustrie. Das Volkswagen-Fahrzeugwerk in Mosel gehört zu den wichtigsten industriellen Arbeitgebern Südwestsachsens. Um das Werk herum arbeiten zahlreiche Unternehmen aus Zulieferindustrie, Logistik und Dienstleistungen.

Genau dort sind die Folgen des Umbruchs nach Angaben der Gewerkschaft bereits sichtbar. Florian Hartmann, Zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Zwickau, spricht davon, dass in den vergangenen Monaten bei Zulieferern und in der Kontraktlogistik rund um das Werk bereits „mehrere hundert bis tausend Jobs“ weggefallen seien. Eine unabhängige amtliche Regionalstatistik, die diese von der Gewerkschaft genannte Größenordnung für das unmittelbare VW-Umfeld bestätigt, liegt bislang nicht vor.

Die Gewerkschaft warnt vor weiterem Stellenabbau und möglichen Standortschließungen. Sie fordert Investitionen in neue Produkte und Technologien sowie langfristige Zusagen für die bestehenden Werke. Diese Forderungen sind Positionen der Arbeitnehmervertretung und Teil der laufenden Auseinandersetzung über die Zukunft der Branche.

Deutschlands Autoindustrie verliert Zehntausende Arbeitsplätze

Dass die Sorge um Beschäftigung nicht allein auf gewerkschaftlichen Prognosen beruht, zeigen aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamtes.

Zum Ende des ersten Halbjahres 2026 arbeiteten in der deutschen Automobilindustrie 42.300 Menschen weniger als ein Jahr zuvor. Das entspricht einem Rückgang von 5,8 Prozent. Mit rund 691.500 Beschäftigten erreichte die Branche den niedrigsten Stand seit Beginn der vergleichbaren Statistik im Jahr 2005.

Besonders stark trifft der Stellenabbau Teile der Zulieferindustrie. Bei Herstellern von Fahrzeugteilen und Zubehör sank die Beschäftigtenzahl binnen eines Jahres um 7,6 Prozent auf 219.500. Bei den Fahrzeug- und Motorenherstellern ging die Beschäftigung um 6,1 Prozent zurück.

Damit verliert die Automobilindustrie schneller Arbeitsplätze als andere große deutsche Industriebranchen. Zum Vergleich: Im gesamten Verarbeitenden Gewerbe sank die Beschäftigung im selben Zeitraum um 2,7 Prozent.

Zwickau wartet weiter auf eine Perspektive nach 2030

Hinzu kommt in Sachsen die offene Frage nach der langfristigen Zukunft der Volkswagen-Standorte.

Nach Entscheidungen des VW-Aufsichtsrates Anfang September erklärte der Betriebsrat, die entscheidende Frage nach der langfristigen Perspektive des Zwickauer Fahrzeugwerkes sei weiterhin offen. Arbeitnehmervertreter verlangen Klarheit darüber, welche Produkte nach 2030 in Sachsen gefertigt werden sollen.

Auch für Chemnitz und Dresden verlangen IG Metall und Betriebsräte langfristige Produktionszusagen. Die Gewerkschaft hat Volkswagen zudem zu einem im Zukunftstarifvertrag vorgesehenen Überprüfungsgespräch aufgefordert. Dabei geht es insbesondere um zugesagte Investitionen, neue Modelle und Zukunftsprodukte. Die bestehende tarifliche Beschäftigungssicherung läuft nach Angaben der Gewerkschaft bis Ende 2030.

Für die Beschäftigten reicht dieser Zeitraum jedoch nicht aus, wenn unklar bleibt, was anschließend produziert werden soll. In einer Branche mit langen Entwicklungs- und Investitionszyklen werden Entscheidungen über die Zeit nach 2030 bereits heute vorbereitet.

Der Strukturwandel trifft den Osten besonders empfindlich

Die Schwierigkeiten der Autoindustrie haben mehrere Ursachen. Absatzmärkte verändern sich, der Wettbewerb insbesondere aus China ist schärfer geworden, Elektromobilität verändert Produktionsprozesse und Lieferketten, zugleich belasten Kosten und Handelskonflikte die Unternehmen. Selbst der Verband der Automobilindustrie und die IG Metall hatten bereits gemeinsam auf internationale Konkurrenz, hohe Standortkosten und ein schwaches europäisches Marktumfeld hingewiesen.

Für Ostdeutschland bekommt dieser Wandel eine zusätzliche Dimension. Standorte wie Zwickau, Chemnitz, Ludwigsfelde oder Brandenburg an der Havel sind nicht nur Fabriken. Um sie herum entstanden über Jahrzehnte Netzwerke aus Zulieferern, Logistikunternehmen, Handwerk und Dienstleistungen.

Fällt in einem großen Werk Produktion weg, endet die Rechnung deshalb nicht am Werkstor. Weniger Aufträge können auch kleinere Unternehmen treffen, die unmittelbar von den großen Herstellern abhängig sind.

Genau darum geht es bei den heutigen Protesten: Nicht nur um die Zahl der Beschäftigten bei Volkswagen, Mercedes oder einzelnen Zulieferern, sondern um die Frage, wie viel industrielle Wertschöpfung künftig noch in den ostdeutschen Regionen stattfindet.

Am Nachmittag richtet sich der Blick deshalb besonders nach Zwickau. Dort soll die Kundgebung um 15.30 Uhr auf dem Hauptmarkt beginnen.