Rostock. Kein Knall, keine Rakete und kein sichtbarer Angriff – und trotzdem kann plötzlich die Position eines Schiffes falsch sein oder ganz verschwinden.

Die Deutsche Marine beobachtet in der Ostsee eine zunehmende Zahl elektronischer Störungen bei der satellitengestützten Navigation. Besonders brisant für Mecklenburg-Vorpommern: Die Auswirkungen reichen nach Angaben der Marineschifffahrtleitung inzwischen bis in den Raum Rostock.

Fregattenkapitän Steffen Lange, Leiter der Marineschifffahrtleitung der Bundeswehr, beschrieb die Situation beim Hamburger Schifffahrtsdialog ungewöhnlich deutlich:

> „Die Ostsee ist mittlerweile ein Schlaraffenland geworden für elektronische Anomalien.“

Nach seinen Angaben werden Funksignale zunehmend gestört oder manipuliert. Lange ordnet zumindest einen Teil dieser Vorgänge Russland zu und spricht von zunehmender elektronischer Kriegsführung.

Passagierschiff konnte eigene Position nicht mehr bestimmen

Wie konkret das Problem werden kann, zeigt ein von Lange geschilderter Vorfall.

Ein Passagierschiff befand sich auf dem Weg Richtung Finnland, als die Besatzung ihre eigene Position nicht mehr zuverlässig über Satellitendaten bestimmen konnte. Zur gleichen Zeit fand in dem Gebiet eine NATO-Übung statt.

Lange sieht darin einen russischen Störversuch. Die Auswirkungen solcher Maßnahmen beschränkten sich jedoch nicht auf Kriegsschiffe. Sie könnten ebenso zivile Fähren, Frachter und andere Schiffe treffen.

Eine technische öffentliche Dokumentation, mit der jede einzelne Störung eindeutig einem Verursacher zugeordnet werden könnte, wurde dabei nicht vorgelegt. Klar ist jedoch, dass Störungen von Satellitennavigation im Ostseeraum seit Jahren deutlich zunehmen.

Deutschland hatte bereits 2024 erklärt, Russland sei sehr wahrscheinlich für zahlreiche GPS-Störungen im Ostseeraum verantwortlich. Damals wurde insbesondere Kaliningrad als möglicher Ausgangspunkt genannt.

Was passiert beim sogenannten Jamming?

Das Problem betrifft längst nicht mehr nur das Militär.

Moderne Schiffe nutzen globale Satellitennavigationssysteme wie GPS oder das europäische Galileo nicht nur für die Anzeige einer Position auf einer Karte.

Die Daten fließen in zahlreiche weitere Systeme ein.

Beim sogenannten Jamming werden Satellitensignale durch stärkere Störsignale überlagert. Der Empfänger kann dann möglicherweise keine zuverlässige Position mehr errechnen.

Noch problematischer ist das sogenannte Spoofing.

Dabei wird ein falsches Navigationssignal erzeugt. Das System funktioniert scheinbar weiter – zeigt dem Nutzer aber eine falsche Position an.

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt warnt, dass solche Manipulationen neben der Schifffahrt auch Logistik, Energieversorgung, Telekommunikation und andere kritische Infrastruktur betreffen können.

Im schlimmsten Fall zeigt das System den falschen Ort

Gerade Spoofing kann gefährlicher sein als ein vollständiger Ausfall.

Wenn auf einer Schiffsbrücke offensichtlich kein GPS-Signal mehr vorhanden ist, weiß die Besatzung, dass sie auf andere Navigationsmittel ausweichen muss.

Zeigt das System dagegen eine scheinbar plausible, aber falsche Position an, kann die Manipulation zunächst unbemerkt bleiben.

Das DLR nennt als mögliche Folgen ein erhöhtes Risiko von Grundberührungen und Kollisionen. Besonders kritisch sind enge Fahrwasser, Küstenregionen und Hafeneinfahrten.

Damit bekommt das Problem für Mecklenburg-Vorpommern eine unmittelbare wirtschaftliche Dimension.

Rostock ist mehr als ein Ferienhafen

Rostock ist einer der wichtigsten deutschen Ostseehäfen.

Fähr- und Frachtschiffe verbinden Mecklenburg-Vorpommern unter anderem mit Dänemark, Schweden und weiteren Ostseeanrainern. Gleichzeitig befindet sich in Warnemünde ein bedeutender Marinestützpunkt.

Der Seeweg vor Rostock wird damit gleichzeitig von:

• Passagierfähren, • Handelsschiffen, • Kreuzfahrtschiffen, • Marineschiffen und • Versorgungseinheiten

genutzt.

Je stärker Navigation und Kommunikation gestört werden, desto wichtiger werden unabhängige Ersatzsysteme.

Genau daran wird ausgerechnet in Mecklenburg-Vorpommern bereits gearbeitet.

Rostock wird Testgebiet für Navigation ohne GPS

Das DLR betreibt im Forschungshafen Rostock ein Testfeld für eine Technologie namens R-Mode.

Das Prinzip: Ein Schiff soll seine Position auch dann bestimmen können, wenn GPS, Galileo oder andere Satellitensysteme nicht zur Verfügung stehen.

Statt Signalen aus dem Weltall nutzt R-Mode vorhandene terrestrische maritime Funkstationen im Mittel- und Ultrakurzwellenbereich.

Das Verfahren ist damit nicht vollständig von Satelliten abhängig.

Das ist inzwischen weit mehr als ein Forschungsprojekt für den Schreibtisch.

Zwischen Helgoland und Stockholm entstand in den vergangenen Jahren ein Testfeld mit mehreren R-Mode-Sendern. Das System wird inzwischen Richtung Finnland und Estland erweitert – gerade in jene Gebiete, in denen besonders häufig Störungen der Satellitennavigation auftreten.

Mecklenburg-Vorpommern entwickelt Technik gegen eine reale Gefahr

Auch der DLR-Standort Neustrelitz spielt dabei eine wichtige Rolle.

Dort arbeitet das Institut für Kommunikation und Navigation an widerstandsfähigen Navigationssystemen. Im Rahmen des Projektes ORMOBASS soll R-Mode bis Ende 2026 wesentliche Funktionen für einen späteren operativen Betrieb erhalten.

Das Ziel ist klar:

Schiffe sollen auch bei künstlich verursachten Ausfällen von GPS und Galileo weiter eine verlässliche Position bestimmen können.

Damit wird aus einer abstrakten militärischen Bedrohung zugleich ein Forschungs- und Technologiethema für Mecklenburg-Vorpommern.

Russische Fregatte feuert Leuchtkörper vor Gedser

Parallel zu den elektronischen Störungen hat sich die Lage auf der Ostsee auch militärisch verschärft.

Am 14. September beobachtete ein Hubschrauber der dänischen Luftwaffe eine russische Fregatte in internationalen Gewässern vor Gedser.

Gedser liegt auf der dänischen Insel Falster – direkt gegenüber der Küste Mecklenburg-Vorpommerns und nordwestlich von Rostock.

Nach Angaben der dänischen Streitkräfte feuerte die russische Fregatte zwei Leuchtkörper in Richtung des Fennec-Hubschraubers. Einer davon passierte das Luftfahrzeug in geringer Entfernung.

Der Hubschrauber befand sich nach dänischer Darstellung auf einem routinemäßigen Fotoaufklärungsflug.

Russland stellte den Ablauf anschließend anders dar. Der russische Botschafter in Dänemark warf dem dänischen Hubschrauber gefährliche Manöver vor. Der dänische Verteidigungsminister wies diese Darstellung zurück.

Der Vorfall ereignete sich in internationalen Gewässern.

Ostsee wird militärisch immer wichtiger

Die Ostsee hat sich seit Beginn des Ukraine-Krieges strategisch grundlegend verändert.

Mit Finnland und Schweden gehören inzwischen nahezu alle Staaten rund um die Ostsee – mit Ausnahme Russlands – der NATO an.

Gleichzeitig befinden sich mit Kaliningrad und dem Raum Sankt Petersburg zwei militärisch bedeutende russische Gebiete an der Ostsee.

Die NATO trainiert entsprechend intensiver.

Bei der Übung BALTOPS 2026 waren rund 6.000 Soldaten, 20 Schiffe aus 15 Nationen sowie weitere Luft- und Landkräfte beteiligt. Ein deutscher Verband lief dafür Anfang Juni aus Rostock aus. Nach Angaben der Bundeswehr stand unter anderem der Schutz des freien Seeverkehrs in der Ostsee im Mittelpunkt.

Damit wächst allerdings auch die Zahl der Situationen, in denen russische und NATO-Einheiten räumlich dicht aufeinandertreffen.

Elektronische Kriegsführung funktioniert ohne Grenzübertritt

Gerade das macht Störungen von Navigationssignalen sicherheitspolitisch so interessant.

Für eine solche Aktion müssen weder Soldaten eine Grenze überschreiten noch Raketen abgefeuert werden.

Ein ausreichend starkes elektronisches Signal kann Navigation und Kommunikation über größere Entfernungen beeinflussen.

Und die Grenze zwischen militärischen und zivilen Auswirkungen ist dabei kaum kontrollierbar.

Wenn ein Störsender gegen ein NATO-Manöver eingesetzt wird, können gleichzeitig zivile Schiffe im selben Seegebiet betroffen sein.

Genau darauf weist die Marineschifffahrtleitung hin.

Nicht jede GPS-Störung ist automatisch ein Angriff

Trotz der angespannten Lage ist bei der Einordnung Vorsicht erforderlich.

Navigationsstörungen können unterschiedliche Ursachen haben. Nicht jedes fehlende oder fehlerhafte GPS-Signal ist automatisch ein gezielter russischer Angriff.

Auch technische Fehler, atmosphärische Einflüsse und andere Störquellen können Navigationsprobleme verursachen.

Anders sieht es bei systematischen und großflächigen Störmustern aus. Gerade diese werden im Ostseeraum zunehmend untersucht.

Das DLR spricht ausdrücklich von einer wachsenden Gefahr bewusster Jamming- und Spoofing-Angriffe.

Was bedeutet das für Mecklenburg-Vorpommern?

Für die Menschen an Land dürfte eine GPS-Störung auf See zunächst weit entfernt wirken.

Tatsächlich hängt jedoch ein erheblicher Teil moderner Wirtschaftsinfrastruktur von präzisen Zeit- und Positionsdaten ab.

Betroffen sein können unter anderem:

• Hafenlogistik, • Fährverbindungen, • Güterverkehr, • Kommunikationssysteme, • Energieinfrastruktur, • Offshore-Anlagen und • militärische Bewegungen.

Rostock ist gleichzeitig Hafenstadt, Fährstandort, Marinestützpunkt und Forschungsstandort.

Damit liegt Mecklenburg-Vorpommern unmittelbar an einer der Regionen Europas, in denen elektronische Störungen derzeit besonders aufmerksam beobachtet werden.

Der Kampf um Navigation hat längst begonnen

Noch handelt es sich nicht um einen offenen militärischen Konflikt vor der deutschen Ostseeküste.

Doch die Entwicklung zeigt, wie sehr sich moderne Auseinandersetzungen verändert haben.

Ein Angriff muss heute nicht zwangsläufig durch eine Rakete sichtbar werden.

Er kann auch daraus bestehen, dass ein Schiff plötzlich nicht mehr weiß, wo es sich befindet – oder noch gefährlicher: glaubt, an einem anderen Ort zu sein.

Dass die Deutsche Marine inzwischen Störungen bis Rostock registriert und Wissenschaftler in Mecklenburg-Vorpommern parallel an einer Navigation ohne Satelliten arbeiten, zeigt deshalb vor allem eines:

Die elektronische Auseinandersetzung auf der Ostsee ist für Ostdeutschland keine theoretische Frage mehr.