Rechtsterrorismus und Aufarbeitung

15 Jahre nach dem NSU: Jena stellt sich erneut seiner rechtsextremen Vergangenheit

Erinnern und Fragen stellen

Von Philipp Mertens 3 Min. Lesezeit

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2024/2025 wurde das Dokumentationszentrum mit je zwei Millionen Euro durch den Freistaat Sachsen und den Bundesbeauftragten für Kultur und Medien gefördert.
2024/2025 wurde das Dokumentationszentrum mit je zwei Millionen Euro durch den Freistaat Sachsen und den Bundesbeauftragten für Kultur und Medien gefördert. Foto: SMS Sachsen

15 Jahre nach der Selbstenttarnung des rechtsterroristischen Nationalsozialistischen Untergrunds beginnt in Jena eine Veranstaltungsreihe zur Geschichte der Terrorgruppe. Ausstellungen, Gespräche und öffentliche Diskussionen sollen an die Opfer erinnern und die bis heute nicht vollständig aufgearbeiteten Hintergründe der Mordserie beleuchten.

Jena war Ausgangspunkt der Radikalisierung

Am 29. Oktober 2026 begann im StadtLab Jena die Reihe „Jena erinnert! 15 Jahre (danach) – Jena und der NSU-Komplex“.

Die Stadt arbeitet dabei mit zahlreichen Initiativen, wissenschaftlichen Einrichtungen und zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammen.

Jena nimmt in der Geschichte des NSU eine besondere Rolle ein.

Hier radikalisierten sich in den 1990er-Jahren die späteren Haupttäter Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe im Umfeld der rechtsextremen Szene.

Aus diesem Milieu entwickelte sich ein terroristisches Netzwerk, das über Jahre unentdeckt blieb und schwere Verbrechen beging.

Die Veranstaltungsreihe soll deshalb nicht nur historische Ereignisse darstellen, sondern auch untersuchen, welche gesellschaftlichen und politischen Bedingungen die Entwicklung des NSU ermöglichten.

Jena Rathaus

Zehn Menschen wurden ermordet

Dem NSU werden zehn Morde zugerechnet, darunter neun rassistisch motivierte Tötungen von Menschen mit Migrationsgeschichte und die Ermordung einer Polizistin.

Zu den Opfern gehören Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter.

Über Jahre wurden die Hintergründe der Taten nicht richtig erkannt. Teilweise gerieten Angehörige der Opfer selbst in den Fokus polizeilicher Ermittlungen.

Erst im November 2011 wurde das rechtsterroristische Netzwerk öffentlich bekannt, nachdem Mundlos und Böhnhardt in Eisenach tot aufgefunden worden waren und Zschäpe die gemeinsame Wohnung in Zwickau in Brand gesetzt hatte.

Der Fall löste eine bundesweite Diskussion über Fehler der Sicherheitsbehörden, den Umgang mit rechtsextremen Netzwerken und die Rolle staatlicher Informanten aus.

Ausstellungen zeigen den Weg in den Untergrund

Im StadtLab Jena werden zwei Ausstellungen gezeigt.

Die Ausstellung „Die Opfer und die Aufarbeitung der Verbrechen“ dokumentiert die Taten des NSU und beschäftigt sich mit den Folgen für die Angehörigen sowie der gesellschaftlichen Aufarbeitung.

Auf insgesamt 27 Tafeln werden die Verbrechen aus den Jahren 1999 bis 2011 und ihre Hintergründe dargestellt.

Die zweite Ausstellung trägt den Titel „Der Weg in den Untergrund – Die Jenaer Spuren“.

Sie wurde vom Journalisten Frank Döbert im Auftrag von JenaKultur erarbeitet.

Anhand von Zeitungsberichten, Dokumenten und Fotografien zeichnet sie nach, wie sich die rechtsextreme Szene in Jena entwickelte und welche Strukturen zur Radikalisierung der späteren Täter beitrugen.

Die Ausstellungen sind vom 29. Oktober bis zum 20. November 2026 im StadtLab am Markt 1 zu sehen. Der Eintritt ist frei.

StadtLab

Warum die Aufarbeitung noch nicht abgeschlossen ist

Obwohl der NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München 2018 mit Urteilen endete, sind nicht alle Fragen zur Geschichte des Netzwerks abschließend beantwortet.

Insbesondere die Rolle möglicher Unterstützer, das Wissen staatlicher Sicherheitsbehörden und die Fehler bei den Ermittlungen beschäftigen weiterhin Wissenschaft, Politik und Angehörige.

Die Jenaer Veranstaltungsreihe will deshalb auch auf strukturelle Probleme aufmerksam machen.

Dabei geht es unter anderem um Rechtsextremismus, Rassismus und die Frage, wie demokratische Institutionen mit solchen Gefahren umgehen.

Erinnerung als Auftrag für die Gegenwart

Die Organisatoren wollen den Blick nicht ausschließlich auf die Vergangenheit richten.

Die Geschichte des NSU zeigt, welche Folgen es haben kann, wenn rechtsextreme Gewalt unterschätzt und Warnsignale übersehen werden.

Mit Ausstellungen und Diskussionsveranstaltungen schafft Jena einen öffentlichen Raum, um Verantwortung, Versäumnisse und Konsequenzen zu diskutieren.

15 Jahre nach der Selbstenttarnung des NSU bleibt die Auseinandersetzung mit dem Terrornetzwerk damit eine Aufgabe für Politik, Behörden und Gesellschaft.

Themen: ThüringenJenaErinnerungskulturNSURechtsterrorismusNationalsozialistischer UntergrundZeitgeschichte

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