Schweizer Lebensmittelkonzern verlagert Produktion nach Lutherstadt Eisleben

Aus für Großbäckerei in Nordhausen: Aryzta schließt Werk – rund 165 Arbeitsplätze betroffen

Nächster Verlust für Nordhausen

Von Stefan Neubert 5 Min. Lesezeit

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Industrielle Backwarenproduktion: Der Schweizer Lebensmittelkonzern Aryzta plant, sein Werk in Nordhausen bis 2027 zu schließen und die Produktion nach Lutherstadt Eisleben zu verlagern. Rund 165 Arbeitsplätze sind betroffen.
Industrielle Backwarenproduktion: Der Schweizer Lebensmittelkonzern Aryzta plant, sein Werk in Nordhausen bis 2027 zu schließen und die Produktion nach Lutherstadt Eisleben zu verlagern. Rund 165 Arbeitsplätze sind betroffen. Foto: © 2026 Aryzta Food Solutions GmbH

Nordhausen. Der Wirtschaftsstandort Nordhausen verliert einen weiteren Industriebetrieb. Der Schweizer Backwarenhersteller Aryzta will seine Produktion in der nordthüringischen Stadt bis 2027 einstellen. Betroffen sind nach bisherigen Angaben rund 165 Beschäftigte. Die bislang in Nordhausen hergestellten Tiefkühlbackwaren sollen künftig überwiegend am Standort Lutherstadt Eisleben in Sachsen-Anhalt produziert werden. Das Unternehmen begründet den Schritt mit einer veränderten Nachfrage und der geplanten Neuordnung seiner deutschen Produktion. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) reagiert mit scharfer Kritik. Wie es für die Beschäftigten weitergeht, ist noch offen.

Werksschließung am Montag bekannt gegeben

Die Entscheidung des Unternehmens wurde am Montag, dem 26. Oktober 2026, bekannt.

Aryzta plant, die Produktion in Nordhausen im kommenden Jahr vollständig einzustellen.

Das Werk gehört seit mehr als zwei Jahrzehnten zur industriellen Lebensmittelproduktion der Stadt.

Seit 2005 werden hier verschiedene Tiefkühlbackwaren hergestellt. Dazu zählen Brötchen, Baguettes, Ciabatta und süße Backwaren.

Die Produkte sind für den weiteren Vertrieb und die Zubereitung außerhalb des Werks bestimmt.

Mit der angekündigten Schließung verliert Nordhausen einen Betrieb, der über Jahre hinweg feste Arbeitsplätze in der Lebensmittelindustrie bereitgestellt hat.

Ein genauer Termin für das endgültige Produktionsende wurde zunächst nicht genannt.

Produktion soll in Eisleben gebündelt werden

Nach Angaben des Konzerns sollen die Produktionskapazitäten künftig am Standort Lutherstadt Eisleben zusammengeführt werden.

Das Werk in Sachsen-Anhalt liegt rund 40 Straßenkilometer von Nordhausen entfernt.

Für Aryzta bedeutet die Zusammenlegung eine Konzentration der Produktion auf weniger Standorte.

Gleichzeitig will das Unternehmen sein Angebot für den deutschen Markt verkleinern und sich stärker auf wirtschaftlich erfolgreiche Produkte ausrichten.

Neben Nordhausen soll auch das Werk im bayerischen Gerolzhofen geschlossen werden.

Der Konzern rechnet für die damit verbundenen Maßnahmen mit Aufwendungen zwischen 56 und 61 Millionen Euro.

Langfristig sollen dadurch Kosten gesenkt und die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit verbessert werden.

Wie viele zusätzliche Arbeitsplätze durch die Verlagerung in Eisleben entstehen könnten, wurde bislang nicht mitgeteilt.

Zukunft von 165 Beschäftigten ungewiss

Für die Menschen im Nordhäuser Werk beginnt mit der Ankündigung eine schwierige Phase.

Nach Angaben des Unternehmens sind rund 165 Beschäftigte betroffen. Die Gewerkschaft NGG spricht von etwa 170 Mitarbeitern.

Noch ist unklar, ob einzelne Beschäftigte ein Angebot erhalten, künftig in Eisleben zu arbeiten.

Auch konkrete Regelungen zu möglichen Abfindungen, Weiterbeschäftigung oder Qualifizierungsmaßnahmen wurden zunächst nicht bekannt gegeben.

Für die Betroffenen geht es um die Frage, ob sie am bisherigen Wohnort eine vergleichbare Beschäftigung finden können.

Ein Arbeitsplatzwechsel nach Eisleben wäre für manche Beschäftigte grundsätzlich denkbar. Allerdings können längere Arbeitswege und unterschiedliche Arbeitsbedingungen eine Rolle spielen.

Entscheidend wird deshalb sein, welche Angebote das Unternehmen tatsächlich unterbreitet.

Gewerkschaft kritisiert Entscheidung

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten reagierte verärgert auf die Schließungspläne.

Sie kritisiert, dass Beschäftigte die wirtschaftlichen Folgen der Unternehmensstrategie tragen sollen.

Besonders problematisch ist aus Sicht der Gewerkschaft, dass Aryzta trotz der geplanten Werksschließungen weiterhin erhebliche operative Gewinne erwartet.

Nach aktuellen Angaben strebt der Konzern für 2026 weltweit ein operatives Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen von rund 300 Millionen Euro an.

Ab 2027 sollen zudem wieder Ausschüttungen an Aktionäre möglich werden.

Die NGG sieht darin einen Widerspruch zur Aufgabe bestehender Arbeitsplätze.

Dabei ist allerdings zwischen der wirtschaftlichen Entwicklung des gesamten Konzerns und der Rentabilität eines einzelnen Werks zu unterscheiden.

Konkrete wirtschaftliche Ergebnisse des Standorts Nordhausen wurden im Zusammenhang mit der Schließungsankündigung nicht veröffentlicht.

Erst im Frühjahr gab es eine Tarifeinigung

Die Nachricht trifft die Belegschaft nur wenige Monate nach einer tariflichen Vereinbarung.

Im März 2026 hatten die Beschäftigten mit Unterstützung der NGG eine Lohnerhöhung von 2,5 Prozent ausgehandelt.

Zusätzlich wurde eine Einmalzahlung in Höhe von 156 Euro vereinbart.

Mit der jetzigen Ankündigung rückt die Frage nach der weiteren Beschäftigung in den Mittelpunkt.

Für die Gewerkschaft dürfte es nun vor allem darum gehen, die wirtschaftlichen Folgen für die betroffenen Arbeitnehmer zu begrenzen.

Welche konkreten Gespräche zwischen Unternehmensführung und Arbeitnehmervertretung vorgesehen sind, wurde zunächst nicht abschließend mitgeteilt.

Bereits 2019 wurden Werke in Mitteldeutschland geschlossen

Die Neuordnung der Produktion ist nicht die erste Standortentscheidung dieser Art bei Aryzta.

Bereits 2019 schloss das Unternehmen Werke in Artern im Kyffhäuserkreis und in Mansfeld in Sachsen-Anhalt.

Damals waren zusammen rund 200 Beschäftigte betroffen.

Die jetzige Entscheidung trifft damit erneut einen ostdeutschen Industriestandort.

Während Nordhausen seine Produktion verlieren soll, wird Eisleben innerhalb des deutschen Produktionsnetzes gestärkt.

Für die beiden Städte bedeutet dies eine unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklung innerhalb desselben Unternehmens.

Eine Verlagerung von Produktion kann für einen Standort zusätzliche Auslastung bringen, während andernorts Arbeitsplätze wegfallen.

Was bedeutet das für Nordhausens Wirtschaft?

Nordhausen ist traditionell ein wichtiger Industrie- und Gewerbestandort in Nordthüringen.

Neben dem Handel und Dienstleistungssektor besitzt die Stadt verschiedene produzierende Unternehmen.

Die Schließung der Großbäckerei ist deshalb auch für die regionale Wirtschaft von Bedeutung.

Neben den direkt betroffenen Arbeitnehmern können Zulieferer, Dienstleister und weitere Geschäftspartner von Veränderungen im Produktionsbetrieb betroffen sein.

Ob durch die Schließung größere indirekte Arbeitsplatzverluste entstehen, lässt sich bislang nicht abschätzen.

Auch über eine mögliche Nachnutzung des Werksgeländes liegen keine konkreten Angaben vor.

Entscheidung soll 2027 umgesetzt werden

Für Aryzta ist die Zusammenlegung der Produktion Teil einer umfassenderen wirtschaftlichen Neuordnung.

Der Konzern will seine deutschen Werke stärker aufeinander abstimmen und das Produktangebot entsprechend der Nachfrage anpassen.

Die Maßnahmen sollen überwiegend in den Jahren 2026 und 2027 umgesetzt werden.

Für Nordhausen bedeutet dies, dass die Produktion nach den bisherigen Planungen im kommenden Jahr endet.

Offen bleiben die Einzelheiten des zeitlichen Ablaufs, mögliche Beschäftigungsangebote in Eisleben und die Zukunft des bisherigen Betriebsgeländes.

Die Ankündigung ist damit eine schwere Nachricht für die Beschäftigten und den Industriestandort Nordhausen.

Ob wenigstens ein Teil der Arbeitsplätze innerhalb des Konzerns erhalten werden kann, wird sich erst in den kommenden Gesprächen zeigen.

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