Nach dem Aus für Bohai Automotive kämpft eine ganze Region um ihre Zukunft

Harzgerode vor der Industriekatastrophe: Bis zu 1.000 Menschen droht die Arbeitslosigkeit

Industriearbeitsplätze vor dem Aus

Von Andreas Feldmann 8 Min. Lesezeit

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Luftaufnahme des Industrieparks in Harzgerode in Sachsen-Anhalt mit weitläufigen Produktionshallen, Lagerflächen und Zufahrtsstraßen. Im Hintergrund sind die Wohngebiete der Stadt, Felder und bewaldete Hügel des Harzes zu sehen.
Luftaufnahme des Industrieparks in Harzgerode in Sachsen-Anhalt mit weitläufigen Produktionshallen, Lagerflächen und Zufahrtsstraßen. Im Hintergrund sind die Wohngebiete der Stadt, Felder und bewaldete Hügel des Harzes zu sehen. Foto: BOHAI Automotive Holding GmbH

Harzgerode. Für eine Kleinstadt mit rund 7.500 Einwohnern ist es eine wirtschaftliche Erschütterung von gewaltigem Ausmaß: Am 31. Januar 2027 soll das traditionsreiche Werk des Automobilzulieferers Bohai Automotive in Harzgerode endgültig schließen. Rund 550 Beschäftigte verlieren damit ihre bisherigen Arbeitsplätze. Einschließlich der ebenfalls von Insolvenzen betroffenen Unternehmen der Schlote-Gruppe stehen etwa 750 Stellen im Industriepark vor einer ungewissen Zukunft. Die Bundesagentur für Arbeit rechnet sogar mit rund 1.000 Arbeitslosmeldungen. Während die Beschäftigten nach neuen Stellen suchen, arbeitet Bürgermeister Marcus Weise an einem ungewöhnlichen Rettungsplan: Die Stadt könnte das Industriegelände selbst übernehmen und damit die Grundlage für einen industriellen Neuanfang schaffen.

Ende Januar gehen in Harzgerode die Lichter aus

Die Entscheidung fiel Ende September.

Insolvenzverwalter Olaf Spiekermann teilte den Beschäftigten von Bohai Automotive mit, dass das Werk zum 31. Januar 2027 geschlossen wird.

Zuvor hatte es über Monate Bemühungen gegeben, den Standort doch noch zu erhalten.

Seit dem Insolvenzantrag im April 2025 wurde nach neuen Aufträgen, Investoren und Möglichkeiten zur Fortführung gesucht.

Doch die wirtschaftliche Lage ließ nach Angaben des Insolvenzverwalters keine tragfähige Lösung zu.

Fehlende Aufträge und eine dauerhaft unzureichende Auslastung machten den Betrieb unrentabel.

Damit steht das Ende eines bedeutenden Industriestandorts im Harz bevor.

Die Nachricht betrifft nicht nur die rund 550 Beschäftigten von Bohai Automotive.

Auch weitere Unternehmen aus dem Umfeld der Schlote-Gruppe befinden sich in wirtschaftlichen Schwierigkeiten.

Insgesamt sind im Industriepark etwa 750 Arbeitsplätze betroffen.

Eine ganze Region ist von den Werksschließungen betroffen

Viele Beschäftigte wohnen nicht unmittelbar in Harzgerode.

Sie pendeln aus dem Landkreis Harz, dem Salzlandkreis oder dem Landkreis Mansfeld-Südharz zu ihren Arbeitsplätzen.

Unter ihnen befinden sich Gießer, Schlosser, Mechatroniker, Instandhaltungsmechaniker und kaufmännische Angestellte.

Zahlreiche Mitarbeiter haben über viele Jahre oder sogar Jahrzehnte für die Unternehmen gearbeitet.

Teilweise sind mehrere Mitglieder einer Familie im selben Industriepark beschäftigt.

Für sie bedeutet das bevorstehende Ende der Produktion einen besonders tiefen Einschnitt.

Denn mit einem Arbeitsplatz geht häufig weit mehr verloren als ein regelmäßiges Einkommen.

Auch berufliche Gemeinschaften, langjährige Arbeitsbeziehungen und vertraute Lebensabläufe brechen auseinander.

Hinzu kommt die Sorge, ob sich in erreichbarer Entfernung eine ähnlich gut bezahlte Beschäftigung finden lässt.

Gerade für ältere Mitarbeiter kann die Suche nach einer neuen Stelle zu einer erheblichen Herausforderung werden.

Arbeitsagentur rechnet mit rund 1.000 Arbeitslosmeldungen

Die Bundesagentur für Arbeit bereitet sich auf eine außergewöhnlich hohe Zahl betroffener Beschäftigter vor.

Nach aktuellen Einschätzungen könnten infolge der Insolvenzen und Werksschließungen rund 1.000 Arbeitslosmeldungen entstehen.

Diese Zahl umfasst die erwarteten Auswirkungen über den unmittelbaren Personalbestand einzelner Betriebe hinaus.

Damit wird deutlich, dass die wirtschaftlichen Folgen möglicherweise noch größer ausfallen als die zunächst genannten 750 betroffenen Arbeitsplätze im Industriepark.

Schon Anfang Oktober richtete die Arbeitsagentur deshalb ein eigenes Büro in Harzgerode ein.

Ziel ist es, die Beschäftigten möglichst frühzeitig über berufliche Alternativen zu informieren.

Dabei geht es nicht nur um die klassische Vermittlung neuer Stellen.

Auch Umschulungen, Weiterbildungen und eine mögliche Neuorientierung in anderen Industriezweigen spielen eine wichtige Rolle.

Die Bundesagentur versucht insbesondere, einen direkten Übergang von der bisherigen Beschäftigung in einen neuen Arbeitsplatz zu ermöglichen.

Damit soll verhindert werden, dass die Betroffenen zunächst längere Zeit arbeitslos werden.

21 Unternehmen suchen gezielt nach Fachkräften

Am 21. Oktober organisierte die Arbeitsagentur eine besondere Vermittlungsveranstaltung in Harzgerode.

An der sogenannten Arbeitsmarkt-Drehscheibe beteiligten sich 21 Unternehmen aus der Harzregion und aus Schönebeck.

Die Firmen suchten gezielt nach erfahrenen Fachkräften aus der Industrie.

Rund 350 Beschäftigte des Industrieparks besuchten die Veranstaltung im Creativitäts- und Competenz Centrum Harzgerode.

Viele kamen direkt von ihrer Arbeit.

Einige hatten bereits Bewerbungsunterlagen vorbereitet, andere informierten sich zunächst über mögliche Alternativen.

Vertreten waren Unternehmen aus dem Fahrzeugbau, der Logistik, der Industrieproduktion und dem Eisenbahnsektor.

Besonders deutlich wurde dabei, dass qualifizierte Fachkräfte auch in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise weiterhin gesucht werden.

So warb die Nanostone Water GmbH aus Halberstadt um neue Mitarbeiter.

Das Unternehmen stellt keramische Anlagen zur Wasseraufbereitung her und plant eine Ausweitung seiner Produktion.

Dafür werden nach Unternehmensangaben rund 40 zusätzliche Produktionsmitarbeiter benötigt.

Solche Angebote könnten zumindest einem Teil der Beschäftigten eine neue Perspektive eröffnen.

140 mögliche neue Arbeitsverträge machen Hoffnung

Nach der Vermittlungsveranstaltung zog die Arbeitsagentur eine erste Bilanz.

Insgesamt wurden rund 800 qualifizierte Gespräche geführt.

Aus etwa 140 dieser Kontakte könnten nach den bisherigen Einschätzungen neue Arbeitsverträge entstehen.

Das ist ein ermutigendes Signal.

Es bedeutet jedoch noch nicht, dass bereits 140 verbindliche Einstellungen erfolgt sind.

Für viele Beschäftigte bleibt die Suche nach einer neuen Tätigkeit schwierig.

Ein Problem sind die vergleichsweise guten Löhne, die in den bisherigen Industriebetrieben gezahlt wurden.

Andere Arbeitgeber können diese Vergütung nicht immer bieten.

Ein Wechsel würde für manche Beschäftigte daher erhebliche Einkommensverluste bedeuten.

Hinzu kommen längere Anfahrtswege.

Gerade im ländlich geprägten Harz kann die Entfernung zwischen Wohnort und Arbeitsplatz eine entscheidende Rolle spielen.

Nicht jeder Mitarbeiter kann täglich weite Pendelstrecken zurücklegen.

Deshalb ist trotz der Vermittlungsbemühungen davon auszugehen, dass nicht sämtliche Arbeitsplätze kurzfristig ersetzt werden können.

Bürgermeister will den Industriepark übernehmen

Während die Arbeitsagentur nach neuen Stellen sucht, verfolgt Harzgerodes Bürgermeister Marcus Weise einen anderen Ansatz.

Er möchte verhindern, dass aus dem Industriepark eine dauerhaft ungenutzte Gewerbefläche wird.

Sein Plan sieht vor, dass die Stadt das Gelände mit seinen Hallen und Grundstücken über eine kommunale Gesellschaft übernimmt.

Anschließend könnten die Flächen gezielt für neue Unternehmen entwickelt werden.

Dabei muss nicht unbedingt ein einzelner Großbetrieb das gesamte Areal übernehmen.

Denkbar wäre auch die Ansiedlung mehrerer Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen.

Für Harzgerode könnte eine solche Lösung das wirtschaftliche Risiko breiter verteilen.

Statt erneut von einem großen Arbeitgeber abhängig zu sein, könnten mehrere kleinere und mittelständische Firmen Arbeitsplätze schaffen.

Der Bürgermeister führt nach eigenen Angaben bereits Gespräche mit möglichen Investoren.

Eine verbindliche Entscheidung über den Erwerb des Geländes oder konkrete neue Ansiedlungen ist bislang allerdings nicht bekannt.

Stadt will ihre industrielle Zukunft selbst gestalten

Der Plan einer kommunalen Übernahme ist ambitioniert.

Denn der Kauf eines großen Industrieparks bedeutet erhebliche finanzielle Verpflichtungen.

Neben dem Kaufpreis können Kosten für Gebäudeunterhaltung, Erschließung, Modernisierung und mögliche Altlasten entstehen.

Hinzu kommt das wirtschaftliche Risiko, falls sich nicht genügend Unternehmen ansiedeln lassen.

Gleichzeitig bietet eine kommunale Entwicklung die Möglichkeit, die künftige Nutzung des Geländes stärker selbst zu beeinflussen.

Die Stadt könnte Flächen für unterschiedliche Branchen anbieten und die Ansiedlung von Unternehmen koordinieren.

Voraussetzung wäre ein tragfähiges Finanzierungskonzept.

Ob der Landkreis, das Land Sachsen-Anhalt oder weitere Partner die Pläne unterstützen, wird für die Umsetzung von Bedeutung sein.

Für die Bürger geht es dabei um eine grundsätzliche Entscheidung: Soll die Stadt aktiv in die Entwicklung des ehemaligen Industrieparks eingreifen oder dessen Zukunft überwiegend privaten Investoren überlassen?

Warum die Krise der Automobilindustrie Harzgerode besonders trifft

Die Probleme von Bohai Automotive und den Unternehmen der Schlote-Gruppe stehen im Zusammenhang mit den tiefgreifenden Veränderungen der deutschen Automobilindustrie.

Viele Zulieferer sind auf bestimmte Bauteile und Produktionsverfahren spezialisiert.

Wenn große Fahrzeughersteller weniger bestellen, ihre Produktion verlagern oder neue technische Lösungen einsetzen, kann dies erhebliche Folgen für die Zulieferbetriebe haben.

Besonders gefährdet sind Unternehmen mit wenigen großen Kunden und einem hohen Anteil fixer Produktionskosten.

Industrieanlagen, Schmelzöfen und Fertigungshallen verursachen auch dann Ausgaben, wenn die Aufträge zurückgehen.

Sinkt die Auslastung dauerhaft, wird ein wirtschaftlicher Betrieb zunehmend schwierig.

Für Harzgerode kommt hinzu, dass mehrere Unternehmen derselben Branche gleichzeitig betroffen sind.

Dadurch verstärken sich die wirtschaftlichen Auswirkungen.

Die Krise ist deshalb nicht allein das Problem eines einzelnen Betriebs.

Sie betrifft die industrielle Struktur einer ganzen Region.

Sinkende Kaufkraft bedroht weitere Unternehmen

Wenn Hunderte Beschäftigte ihren Arbeitsplatz verlieren, sind auch andere Wirtschaftszweige betroffen.

Menschen mit unsicherem Einkommen reduzieren häufig größere Anschaffungen und verschieben geplante Ausgaben.

Das kann sich auf den Einzelhandel, Handwerksbetriebe, Gaststätten und Dienstleistungsunternehmen auswirken.

Die Arbeitsagentur befürchtet deshalb zusätzliche wirtschaftliche Schwierigkeiten im Umfeld der Werksschließungen.

Auch weitere Insolvenzen können nicht ausgeschlossen werden.

Solche Folgewirkungen sind für kleinere Städte besonders problematisch.

Harzgerode hat rund 7.500 Einwohner.

Die Zahl der möglicherweise betroffenen Beschäftigten ist im Verhältnis zur Größe der Stadt außergewöhnlich hoch, auch wenn nicht alle Arbeitnehmer dort wohnen.

Der Verlust der industriellen Arbeitsplätze könnte deshalb langfristige Auswirkungen auf die gesamte Region haben.

Dazu gehören sinkende Kaufkraft, ein geringeres örtliches Steueraufkommen und möglicherweise die Abwanderung von Fachkräften.

Der Harz braucht neue industrielle Perspektiven

Die Entwicklung in Harzgerode steht beispielhaft für die Herausforderungen zahlreicher ostdeutscher Industriestandorte.

Viele Unternehmen verfügen über hoch qualifizierte Beschäftigte und jahrzehntelange Erfahrung in der Metallverarbeitung.

Gleichzeitig stehen sie unter zunehmendem internationalen Wettbewerbsdruck.

Für einen erfolgreichen Strukturwandel reicht es nicht aus, lediglich neue Firmen auf leer gewordene Flächen zu holen.

Entscheidend ist, ob dort langfristig wirtschaftlich tragfähige Arbeitsplätze entstehen.

Die vorhandenen Fachkräfte könnten dabei ein wichtiger Standortvorteil sein.

Unternehmen aus der Metallverarbeitung, dem Maschinenbau oder der industriellen Fertigung könnten von der Erfahrung der Beschäftigten profitieren.

Allerdings müssen mögliche Neuansiedlungen auch zum verfügbaren Qualifikationsprofil passen.

Nicht jeder industrielle Arbeitsplatz lässt sich ohne zusätzliche Weiterbildung durch eine Tätigkeit in einer anderen Branche ersetzen.

Die kommenden Monate entscheiden über Harzgerodes Zukunft

Bis zur geplanten Schließung Ende Januar bleiben den Beschäftigten nur noch wenige Monate.

In dieser Zeit müssen neue Arbeitsverhältnisse gefunden, mögliche Qualifizierungen vorbereitet und wirtschaftliche Alternativen entwickelt werden.

Für die Arbeitsagentur steht die unmittelbare Unterstützung der Betroffenen im Mittelpunkt.

Für Bürgermeister Marcus Weise geht es zusätzlich um die langfristige Zukunft der Stadt.

Sein Plan, den Industriepark kommunal zu übernehmen, könnte einen neuen Entwicklungsweg eröffnen.

Ob daraus tatsächlich ein industrieller Neustart wird, ist allerdings noch offen.

Der bisherige Stand zeigt, dass die Region den wirtschaftlichen Einschnitt nicht einfach hinnehmen will.

Arbeitnehmer, Unternehmen, Arbeitsagentur und Kommunalpolitik suchen nach Lösungen.

Doch die Dimension der Krise bleibt erheblich.

Wenn rund 750 bestehende Arbeitsplätze im Industriepark vor dem Aus stehen und bis zu 1.000 Arbeitslosmeldungen erwartet werden, lässt sich der Verlust nicht innerhalb weniger Wochen ausgleichen.

Für Harzgerode beginnt damit eine entscheidende Phase.

Die Stadt muss nicht nur die Folgen einer großen Werksschließung bewältigen, sondern zugleich die Grundlagen für ihre wirtschaftliche Zukunft neu schaffen.

Themen: StrukturwandelAutomobilindustrieWerksschließungArbeitsplätzeLandkreis HarzArbeitslosigkeitInsolvenzHarzgerodeBohai AutomotiveSchlote-Gruppe

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