Rund 30 Schülerinnen und Schüler aus Deutschland, Polen und der Ukraine haben sich in dieser Woche auf dem Golm bei Kamminke mit einem der dunkelsten Kapitel der europäischen Geschichte beschäftigt.

In mehreren Workshops ging es um den Zweiten Weltkrieg, die Geschichte der Kriegsgräberstätte Golm und die Frage, welche Bedeutung Erinnerungskultur für junge Menschen heute noch hat. Dabei stand nicht nur die Vergangenheit im Mittelpunkt. Die Jugendlichen sollten auch miteinander ins Gespräch kommen, unterschiedliche Sichtweisen kennenlernen und über ein friedliches Zusammenleben in Europa nachdenken.

Geschichte dort kennenlernen, wo sie sichtbar ist

Der Golm liegt im Osten der Insel Usedom unweit der deutsch-polnischen Grenze. Die Kriegsgräberstätte gehört zu den größten ihrer Art in Deutschland. Dort ruhen mehr als 20.000 überwiegend zivile Opfer des Luftangriffs auf Swinemünde vom 12. März 1945.

Für die Jugendlichen ist der Ort damit weit mehr als ein gewöhnlicher Unterrichtsraum. Geschichte wird dort nicht nur über Bücher, Zahlen und Jahreszahlen vermittelt. Die Gräber, Gedenkzeichen und persönlichen Schicksale machen sichtbar, welche Folgen Krieg für einzelne Menschen und ganze Familien hat.

Gerade die Zusammensetzung der Gruppe gibt dem Projekt eine besondere Bedeutung. Junge Menschen aus Deutschland, Polen und der Ukraine treffen an einem historischen Ort zusammen, sprechen über Krieg und Erinnerung und lernen sich zugleich persönlich kennen.

Workshops über Krieg, Flucht und Verantwortung

Die Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte Golm arbeitet seit vielen Jahren mit Gruppen aus Deutschland, Polen und anderen europäischen Ländern. Die unmittelbare Nähe zur polnischen Grenze und zur Kriegsgräberstätte bildet den Ausgangspunkt für zahlreiche Bildungsangebote.

Zu den Themen der Einrichtung gehören unter anderem die Bombardierung Swinemündes, Jugend im Nationalsozialismus, Flucht und Migration sowie die deutsch-polnische Geschichte. In Workshops werden historische Dokumente, Zeitzeugenberichte und persönliche Lebensgeschichten einbezogen.

Bei dem aktuellen Jugendprojekt setzten sich die Teilnehmer ebenfalls in verschiedenen Arbeitsgruppen mit der Geschichte des Ortes und der Bedeutung des Erinnerns auseinander. Dabei ging es nicht darum, fertige Antworten vorzugeben. Vielmehr sollten die Jugendlichen selbst Fragen stellen, miteinander diskutieren und Verbindungen zur Gegenwart herstellen.

Bundesjugendministerin besucht die Gruppe

Zum Abschluss des Projekts besuchte Bundesjugendministerin Karin Prien die Internationale Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte Golm. Sie informierte sich über die Arbeit der Jugendlichen und kam mit ihnen ins Gespräch.

Prien bezeichnete die Arbeit an diesem Ort als besonders wertvoll. Der Golm sei einerseits ein bedrückender Erinnerungsort. Gleichzeitig sei es ermutigend, dass mehr als 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs junge Menschen aus mehreren Ländern dort gemeinsam an historischen Themen arbeiten und Freundschaften schließen könnten.

Der Besuch unterstrich die Bedeutung solcher Begegnungen. Internationale Verständigung entsteht nicht allein durch politische Erklärungen. Sie wächst auch dann, wenn junge Menschen gemeinsam Zeit verbringen, Fragen stellen und erfahren, wie unterschiedlich Geschichte in den jeweiligen Familien und Ländern wahrgenommen wird.

Begegnung zwischen Deutschland, Polen und der Ukraine

Die Teilnahme ukrainischer Jugendlicher verleiht dem Projekt eine besondere Aktualität. Während sie sich auf dem Golm mit den Folgen des Zweiten Weltkriegs beschäftigen, erleben viele Familien in der Ukraine erneut Krieg, Verlust und Vertreibung.

Der historische Ort verbindet damit Vergangenheit und Gegenwart auf eine Weise, die für die Teilnehmer unmittelbar spürbar sein dürfte. Das Projekt zeigt, dass Erinnerung nicht nur dem Blick zurück dient. Sie kann auch dabei helfen, Verantwortung für die Gegenwart zu übernehmen.

Die Jugendlichen sollen zugleich erleben, dass nationale Herkunft kein Hindernis für persönliche Begegnungen sein muss. Gemeinsame Workshops, Ausflüge und Freizeitangebote schaffen Gelegenheiten, Vorurteile abzubauen und Freundschaften zu entwickeln.

Golm als Lernort an der Grenze

Die Jugendbegegnungsstätte befindet sich in Kamminke, nur wenige Kilometer von Polen entfernt. Ihre Bildungsarbeit hat deshalb einen klaren deutsch-polnischen Schwerpunkt. Programme werden in deutscher und polnischer Sprache angeboten.

Die Lage macht den Ort besonders geeignet, um über Grenzen, Nachbarschaft und die gemeinsame europäische Geschichte zu sprechen. Neben der Kriegsgräberstätte gehören auch die polnische Nachbarstadt Świnoujście und das Historisch-Technische Museum Peenemünde zu möglichen Zielen von Bildungsprogrammen.

So entsteht ein Gesamtbild, das über einen einzelnen historischen Ort hinausgeht. Die Jugendlichen erfahren, wie eng deutsche, polnische und europäische Geschichte miteinander verbunden sind.

Erinnerung darf nicht zur Pflichtübung werden

Mehr als acht Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es immer weniger Zeitzeugen, die aus eigener Erfahrung berichten können. Umso wichtiger wird die Frage, wie Erinnerung an jüngere Generationen weitergegeben werden kann.

Projekte wie auf dem Golm setzen dabei nicht allein auf Gedenkveranstaltungen. Sie verbinden historische Bildung mit persönlicher Begegnung. Die Jugendlichen sollen nicht nur erfahren, was geschehen ist. Sie sollen verstehen, was Krieg, Diktatur und Vertreibung für Menschen bedeuten.

Das kann besonders dann gelingen, wenn Geschichte nicht als trockene Pflichtübung vermittelt wird. Gemeinsame Arbeit, Gespräche und Erlebnisse schaffen einen anderen Zugang als der klassische Schulunterricht.

Ein Zeichen für Verständigung

Das Jugendprojekt auf dem Golm ist deshalb mehr als eine historische Bildungsreise. Es ist ein Zeichen dafür, dass Erinnerung und Verständigung zusammengehören.

Junge Menschen aus drei Ländern kommen an einem Ort zusammen, der für Tod, Krieg und Verlust steht. Gleichzeitig lernen sie einander kennen, verbringen Zeit miteinander und entwickeln neue Freundschaften.

Gerade darin liegt die Stärke des Projekts: Die Vergangenheit wird nicht verdrängt. Sie wird gemeinsam betrachtet – mit dem Ziel, die Zukunft friedlicher zu gestalten.