Polen treibt sein erstes Atomkraftwerk mit großflächigen Erdarbeiten an der Ostseeküste voran. Der US-Konzern Bechtel hat die Verantwortung für das Baufeld übernommen, während in Mecklenburg-Vorpommern die Debatte über mögliche Auswirkungen des Milliardenprojektes beginnt.

Der künftige Kraftwerksstandort Lubiatowo-Kopalino liegt in der pommerschen Gemeinde Choczewo, rund 250 Kilometer östlich der deutschen Grenze. Noch wird kein Reaktor gebaut. Die Übergabe des Geländes markiert jedoch den Wechsel von der Planungsphase zu umfangreichen vorbereitenden Bauarbeiten.

Polen veranschlagt für die Anlage rund 45 Milliarden Euro. Nach Angaben des NDR handelt es sich damit um die größte Einzelinvestition des Landes seit 1989. Die Summe entspricht ungefähr vier Jahresetats des Landes Mecklenburg-Vorpommern.

Bechtel übernimmt 300 Hektar großes Baufeld

Bechtel soll die Arbeiten auf dem Gelände koordinieren, die beteiligten Unternehmen steuern und die Einhaltung der Sicherheitsvorgaben überwachen. Das vorbereitete Baufeld umfasst nach Unternehmensangaben rund 300 Hektar.

Zunächst wird das Gelände eingeebnet. Außerdem müssen Entwässerungsanlagen, Baustellenbüros, Lagerflächen, Werkstätten und Logistikbereiche entstehen. Allein für die Erschließung sind etwa 16 Kilometer vorübergehende Straßen vorgesehen.

Mehr als 400 Menschen arbeiten bereits an dem Projekt. Rund ein Drittel von ihnen wurde nach Angaben von Bechtel in Polen eingestellt. Während der Hauptbauphase könnten zeitweise bis zu 3.000 Arbeitskräfte in die bislang dünn besiedelte Küstenregion kommen.

Die vorbereitenden Erdarbeiten übernimmt das polnische Bauunternehmen Budimex. Seit 2020 hat der staatliche Projektentwickler Polskie Elektrownie Jądrowe nach eigenen Angaben Aufträge an etwa 475 polnische Firmen vergeben.

Drei amerikanische Reaktoren geplant

Das Kraftwerk soll aus drei Druckwasserreaktoren des Typs AP1000 bestehen. Die Technik liefert das US-Unternehmen Westinghouse, während Bechtel als zentraler Baupartner eingesetzt wird.

Zusammen sollen die Reaktoren eine Leistung von rund 3.750 Megawatt erreichen. Das wäre deutlich mehr als die Leistung des früheren Kernkraftwerkes Greifswald bei Lubmin.

Der erste Reaktor soll nach den bisherigen Planungen im Jahr 2036 ans Netz gehen. Die beiden weiteren Blöcke sollen anschließend folgen. Mit der vollständigen Inbetriebnahme der Anlage wird bis 2038 gerechnet.

Ob dieser Zeitplan eingehalten werden kann, bleibt offen. Große Kernkraftwerksprojekte in Europa waren in der Vergangenheit mehrfach von Bauverzögerungen und erheblichen Kostensteigerungen betroffen.

Küstenwald für Baustelle gerodet

Für das Projekt wurde ein großer Teil des Küstenwaldes bei Słajszewo gerodet. Nach Schätzungen des NDR entspricht die freigelegte Fläche ungefähr 500 Fußballfeldern.

Der Standort liegt nur wenige Kilometer vom Ostseestrand entfernt. Polen begründet die Wahl unter anderem mit den Transportmöglichkeiten über das Meer und der Nutzung von Ostseewasser zur Kühlung der Reaktoren. Dadurch seien keine rund 200 Meter hohen Kühltürme erforderlich.

Das erwärmte Kühlwasser soll mehrere Hundert Meter vor der Küste wieder in die Ostsee eingeleitet werden. Kritiker befürchten Auswirkungen auf das empfindliche Küstenökosystem sowie auf den Tourismus.

Die Bürgerinitiative „Bałtyckie-SOS“ warnt außerdem vor weiterem Flächenverbrauch, zusätzlichem Schwerlastverkehr und steigenden Baukosten. Erste Urlauber sollen ihre Buchungen in der Region bereits storniert haben.

Andere Einwohner hoffen dagegen auf Arbeitsplätze, neue Straßen und zusätzliche Einnahmen. Während der Bauphase werden Unterkünfte, Verpflegung und zahlreiche Dienstleistungen benötigt. Die Gemeinde Choczewo rechnet deshalb mit erheblichen Investitionen.

Polen setzt auf Atom und Wind

Polen erzeugt noch immer einen großen Teil seines Stroms aus Kohle. Mit dem Atomkraftwerk will die Regierung ihre Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen verringern und gleichzeitig eine verlässliche Stromversorgung für Industrie und Haushalte sichern.

Unweit des künftigen Kraftwerks entsteht zusätzlich der Offshore-Windpark „Baltic Power“. Dessen geplante Leistung von 1.140 Megawatt entspricht ungefähr der Leistung eines einzelnen Atomreaktors in Lubiatowo-Kopalino.

Für Polen sind Kernkraft und Windenergie deshalb keine Gegensätze. Beide Technologien sollen die schrittweise Ablösung der Kohleverstromung ermöglichen. Das Kernkraftwerk soll unabhängig von Wetter und Tageszeit eine gleichmäßige Strommenge liefern.

Der Windpark kostet etwa fünf Milliarden Euro. Für die drei Atomreaktoren werden dagegen rund 45 Milliarden Euro angesetzt. Befürworter verweisen auf die lange Laufzeit der Anlage, Kritiker auf das finanzielle Risiko und die ungelöste Frage der dauerhaften Lagerung radioaktiver Abfälle.

Projekt betrifft auch Vorpommern

Für Mecklenburg-Vorpommern ist die Entwicklung von besonderer Bedeutung. Das neue Kraftwerk entsteht an derselben Ostseeküste wie das stillgelegte Kernkraftwerk Greifswald bei Lubmin und liegt nur wenige Hundert Kilometer von der deutschen Grenze entfernt.

Deutschland hat seine letzten Atomkraftwerke 2023 abgeschaltet. Polen schlägt nun den entgegengesetzten Weg ein und beginnt mit dem Aufbau einer eigenen Kernenergiewirtschaft.

Damit entsteht unmittelbar östlich von Vorpommern ein neues energiepolitisches Schwergewicht. Neben Sicherheits- und Umweltfragen geht es auch um Strompreise, Netze und die künftige Wettbewerbsfähigkeit beider Regionen.

Die Übergabe des Baufeldes an Bechtel bedeutet noch nicht, dass die drei Reaktoren bereits gebaut werden. Sie zeigt jedoch, dass Polen das über Jahrzehnte diskutierte Vorhaben nun praktisch umsetzt.

Quelle: Bechtel, Projektinformation vom 7. August 2026; Polskie Elektrownie Jądrowe, Angaben zum Kraftwerksprojekt Lubiatowo-Kopalino; Westinghouse, technische Angaben zum Reaktortyp AP1000