Thüringen startet mit ungewöhnlich niedrigen Gasreserven in den Herbst. Die Speicher in Allmenhausen und Kirchheilingen waren zuletzt lediglich zu 43 Prozent gefüllt. Gleichzeitig hat sich der europäische Großhandelspreis für Erdgas seit Juli nahezu verdoppelt. Für Verbraucher und Unternehmen wächst damit das Risiko eines teuren Winters.
Die beiden Thüringer Speicher werden von der Thüringer Energie AG betrieben und verfügen über eine gemeinsame Anlage zur Ein- und Ausspeicherung. Nach Angaben des Unternehmens sind vor allem die hohen Einkaufspreise dafür verantwortlich, dass bislang weniger Gas als üblich eingelagert wurde.
Viele Versorger warten offenbar darauf, dass die Preise wieder sinken. Die Teag geht dennoch davon aus, dass ihre Speicher bis zum Beginn des Winters zu mindestens 80 Prozent gefüllt werden können.
Gaspreis steigt auf mehr als 79 Euro
Europäisches Erdgas kostete zuletzt mehr als 79 Euro je Megawattstunde. Im Juli waren es noch rund 40 Euro. Damit hat sich der Großhandelspreis innerhalb von etwa zwei Monaten beinahe verdoppelt.
Der Großhandelspreis ist nicht mit dem Tarif auf der Gasrechnung gleichzusetzen. Wie schnell die Entwicklung bei den Haushalten ankommt, hängt unter anderem von der Beschaffungsstrategie des jeweiligen Versorgers, bestehenden Lieferverträgen und Preisbindungen ab.
Verbraucher mit auslaufenden Verträgen oder variablen Tarifen könnten die höheren Kosten jedoch früher zu spüren bekommen. Auch energieintensive Unternehmen müssen mit steigenden Ausgaben rechnen, wenn sie kurzfristig Gas nachkaufen müssen.
Deutsche Gasspeicher auf historischem Tiefstand
Die Situation beschränkt sich nicht auf Thüringen. Deutschlands Gasspeicher waren Anfang September nur zu rund 53 bis 54 Prozent gefüllt. Nach Angaben des Branchenverbandes Initiative Energien Speichern ist das der niedrigste Stand zu diesem Zeitpunkt seit Beginn der Aufzeichnungen vor 15 Jahren.
Normalerweise wird während der Sommermonate Gas eingelagert, wenn die Nachfrage und die Preise geringer sind. In diesem Jahr ist dieses Geschäftsmodell kaum aufgegangen. Hohe Preise infolge des Iran-Krieges und geringe Unterschiede zwischen Sommer- und Winterpreisen machen die Einlagerung für Unternehmen wirtschaftlich wenig attraktiv.
Nach Berechnungen des Speicherverbandes könnten die deutschen Anlagen bis zum 1. November bestenfalls einen Füllstand von etwa 77 Prozent erreichen. Dafür müsste die tägliche Einspeicherung allerdings erheblich beschleunigt werden.
Bleibt das Tempo auf dem Niveau der vergangenen Wochen, wären nach Angaben des Verbandes lediglich rund 63 Prozent erreichbar.
Reicht das Gas für einen kalten Winter?
Für einen durchschnittlich kalten Winter hält der Speicherverband einen Füllstand von 77 Prozent für ausreichend. In diesem Szenario wären die deutschen Speicher am 1. April 2027 noch zu rund 38 Prozent gefüllt.
Anders fällt die Modellrechnung für einen außergewöhnlich kalten Winter aus. Dann könnten die vorhandenen Mengen nicht ausreichen. An einzelnen Januartagen wäre nach Einschätzung des Verbandes rechnerisch eine Versorgungslücke von bis zu 25 Prozent möglich.
Dabei handelt es sich um ein Extrem-Szenario und nicht um eine Vorhersage. Der Erfurter Energieexperte Andreas Goldthau bezeichnete die niedrigen Füllstände zwar als kritisch, rechnet derzeit jedoch nicht mit Versorgungsengpässen.
Bundesregierung sieht keinen Grund zum Eingreifen
Das Bundeswirtschaftsministerium hält staatliche Maßnahmen zur stärkeren Befüllung der Speicher gegenwärtig nicht für erforderlich. Nach Einschätzung des Ministeriums reichen Speicherstände zwischen 60 und 70 Prozent zu Beginn des Winters zusammen mit weiteren Importmöglichkeiten aus, um den erwarteten Bedarf zu decken.
Deutschland kann inzwischen neben Pipelinegas auch Flüssigerdgas über mehrere LNG-Terminals beziehen. Diese Importmöglichkeiten standen während der Energiekrise des Jahres 2022 noch nicht in der heutigen Form zur Verfügung.
Das Ministerium unterscheidet deshalb zwischen einer tatsächlichen Gasknappheit und einem Preisrisiko. Die physische Versorgung sei nach gegenwärtiger Einschätzung gesichert. Länger anhaltende hohe Großhandelspreise könnten Haushalte und Unternehmen dennoch erheblich belasten.
Thüringer Verbraucher müssen Preise beobachten
Für die Menschen in Thüringen bedeutet der niedrige Speicherstand zunächst keine unmittelbare Gefahr, dass Heizungen im Winter kalt bleiben. Die deutlich gestiegenen Einkaufspreise können sich jedoch mit Verzögerung auf neue Gastarife und Vertragsverlängerungen auswirken.
Die Verbraucherzentrale rät dazu, die eigene Preisbindung, Vertragslaufzeit und Kündigungsfrist zu überprüfen. Auch kleinere Einsparungen beim Heizen können den Verbrauch und damit die Kosten reduzieren.
Ob die Thüringer Speicher tatsächlich wie angekündigt zu mindestens 80 Prozent gefüllt werden, hängt vor allem von der weiteren Preisentwicklung und dem Tempo der Einlagerung ab. Entscheidend werden damit die kommenden Wochen vor Beginn der Heizperiode.
Quelle: Angaben der Thüringer Energie AG, der Initiative Energien Speichern und des Bundeswirtschaftsministeriums 10.09.2026