Die Thüringer Schulcloud entstand 2019 als landeseigene Variante der vom Hasso-Plattner-Institut entwickelten Schulcloud. Während der Corona-Pandemie wurde sie allen Schulen angeboten, um digitalen Unterricht und den Austausch von Lernmaterialien zu ermöglichen.
Von der Pilotphase bis einschließlich Oktober 2024 flossen rund 10,3 Millionen Euro in Entwicklung und Betrieb. Bis Ende 2026 wird das Angebot über den Digitalpakt Schule finanziert. Danach muss Thüringen die laufenden Kosten abhängig vom Nachfolgeprogramm zumindest teilweise selbst tragen.
Damit gewinnt die Frage an Bedeutung, ob die Plattform von Schulen, Lehrkräften und Lernenden tatsächlich intensiv genug genutzt wird.
Jede vierte Schule äußerte Kritik
Für seine Untersuchung befragte der Thüringer Rechnungshof gemeinsam mit dem zuständigen Landesinstitut die Schulen. Von den angeschriebenen Einrichtungen antworteten 288 und damit 37 Prozent.
Rund 79 Prozent dieser Schulen gaben an, die Schulcloud zu verwenden. Etwa jede vierte teilnehmende Schule war jedoch mit der Bedienbarkeit, dem Funktionsumfang oder der Nutzbarkeit unzufrieden oder sehr unzufrieden.
Mehr als ein Drittel nutzte zusätzlich oder stattdessen eine andere Plattform. Als häufigster Grund wurde deren bessere Bedienungsfreundlichkeit genannt. Gewünscht wurden unter anderem eine App, eine Chatfunktion und automatische Benachrichtigungen.
Auch wichtige Verwaltungsfunktionen wie Stunden-, Vertretungs- oder Notenpläne fehlen. Aufgrund der Förderbedingungen des Digitalpaktes durfte die Schulcloud solche Funktionen bislang nicht anbieten.
Registrierung bedeutet nicht regelmäßige Nutzung
Fast alle Schulen waren zwar bei der Thüringer Schulcloud angemeldet, außerdem verfügten ungefähr drei Viertel der Schülerinnen und Schüler über einen Zugang. Daraus lässt sich jedoch keine regelmäßige Nutzung ableiten.
Nach den Feststellungen des Rechnungshofes verwendeten die Schulen die Plattform sehr unterschiedlich. Einige Grundschulen sahen für sich kaum geeignete Einsatzmöglichkeiten. Andere Einrichtungen nannten fehlende Endgeräte und technische Schwierigkeiten als Hindernisse.
Nach dem Ende der pandemiebedingten Schulschließungen wurde die Plattform vielerorts offenbar nicht dauerhaft in den Unterrichtsalltag integriert. Parallel entstand eine uneinheitliche Landschaft aus verschiedenen Lern- und Verwaltungsprogrammen. Dadurch steigen Betriebs-, Wartungs- und Lizenzkosten für Schulen und Schulträger.
Dienstleister war schwer zu steuern
Besonders kritisch bewertet der Rechnungshof die Zusammenarbeit mit dem bisherigen IT-Dienstleister. Nach Angaben des zuständigen Landesinstitutes wurden Aufträge teilweise zu langsam oder unvollständig erledigt.
Die 2021 geschlossenen Verträge hätten die Möglichkeiten zur wirksamen Steuerung des Dienstleisters erheblich eingeschränkt. Klare Ziele, eine umfassende Bedarfsermittlung und besser überprüfbare Leistungen fehlten.
Zum 31. Juli 2026 erfolgte deshalb ein Dienstleisterwechsel. Thüringen, Niedersachsen und Brandenburg, die ihre Schulclouds gemeinsam weiterentwickeln, erhoffen sich davon eine bessere Leistung und mögliche Synergieeffekte.
Ob der Wechsel die vorhandenen Probleme tatsächlich löst, ist bislang offen. Das Bildungsministerium erklärte selbst, kurzfristige Ergebnisse seien nicht zu erwarten.
Ab 2027 wird die Kostenfrage wichtiger
Das Ministerium verweist auf umfangreiche Fortbildungen, die jedoch nicht ausreichend genutzt worden seien. Zugleich soll die Schulcloud sichtbarer und benutzerfreundlicher werden. Gespräche über eine stärkere Vereinheitlichung der Schulsoftware und eine zentrale Verwaltungssoftware sind angekündigt.
Der Rechnungshof verlangt eine zeitnahe Evaluierung, eine stärkere Orientierung an den Bedürfnissen der Schulen und klare Ziele für künftige Verträge. Auch die verschiedenen Lern- und Verwaltungsprogramme sollen stärker standardisiert werden.
Spätestens mit dem Auslaufen der bisherigen Finanzierung Ende 2026 steht Thüringen vor einer grundlegenden Entscheidung: Entweder gelingt es, die Schulcloud fest im Schulalltag zu verankern, oder das Land finanziert dauerhaft eine Plattform, die viele Einrichtungen nur unregelmäßig oder parallel zu anderen Lösungen verwenden.