Das Bundeskriminalamt hat bis Ende August 2026 bundesweit 165 mögliche Sabotagefälle registriert. Hinzu kamen 747 verdächtige Drohnensichtungen mit insgesamt 1.068 Fluggeräten, während jüngste Vorfälle an Stromanlagen bei Jänschwalde die Verwundbarkeit der Energieversorgung sichtbar machen.

165 Verdachtsfälle in acht Monaten

Die Zahlen stammen aus einem internen Lagebild des Bundeskriminalamtes, über das NDR, WDR und „Süddeutsche Zeitung“ berichteten. Erfasst wurden unter anderem manipulierte Stromleitungen und Bahnanlagen, mutmaßlich vorbereitete Brandanschläge sowie verdächtige Beobachtungen in der Nähe sensibler Einrichtungen.

Die hohe Zahl bedeutet allerdings nicht, dass in allen Fällen tatsächlich eine Sabotagehandlung nachgewiesen wurde. Ebenso wenig ist damit belegt, dass hinter jedem Ereignis ein ausländischer Nachrichtendienst steht. Das Lagebild führt Hinweise und Ermittlungsverfahren zusammen, deren Hintergründe teilweise noch ungeklärt sind.

Gerade diese Ungewissheit erschwert die Reaktion der Behörden: Ein technischer Defekt, gewöhnlicher Vandalismus und eine gezielte Einflussoperation können anfangs ein ähnliches Schadensbild hinterlassen.

Mehr als 1.000 Drohnen über Anlagen

Besonders auffällig ist die Zahl verdächtiger Drohnenflüge. Behörden registrierten 747 Sichtungen mit insgesamt 1.068 Fluggeräten über oder in der Nähe kritischer Infrastruktur. Betroffen waren demnach unter anderem Energieanlagen, militärische Einrichtungen, Häfen und Verkehrswege.

Nur selten gelingt es, die Steuernden der Drohnen zu identifizieren. Moderne Fluggeräte können aus größerer Entfernung gestartet, programmiert oder nach einer Beobachtung rasch zurückgezogen werden. Damit eignen sie sich sowohl für harmlose Aufnahmen als auch für die systematische Erkundung von Sicherheitsvorkehrungen.

Eine Drohnensichtung allein beweist deshalb noch keine Spionage. Häufen sich Flüge jedoch über besonders geschützten Anlagen, entsteht ein Muster, das die Sicherheitsbehörden nicht ignorieren können.

Jänschwalde zeigt die Verwundbarkeit

Wie schnell ein zunächst kleiner Eingriff Auswirkungen auf die Energieversorgung haben kann, zeigten Vorfälle im Umfeld des Kraftwerks Jänschwalde. In Hochspannungsleitungen wurden Gegenstände beziehungsweise Vorrichtungen entdeckt, die mit leitfähigem Material versehen waren. Es kam zu Kurzschlüssen, zeitweise fiel ein Kraftwerksblock aus.

Zudem wurden Brandvorrichtungen gefunden. Brandenburgs Innenminister schloss weder eine ausländische Beteiligung noch eine Tat aus der linksextremistischen Szene aus. Belastbare Beweise für eine konkrete Urheberschaft lagen zunächst jedoch nicht vor.

Auch in Nordrhein-Westfalen untersuchten die Behörden auffällige Eingriffe an Energieanlagen. Die räumliche Verteilung der Ereignisse wirft die Frage auf, ob einzelne Täter unabhängig handeln oder ob zumindest ein Teil der Fälle koordiniert sein könnte.

Wahltermine erhöhen den Druck

Das Bundesinnenministerium spricht von einer anhaltend hohen abstrakten Gefährdung kritischer Infrastruktur. Besondere Aufmerksamkeit gilt den bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sowie der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus.

Störungen der Stromversorgung, des Bahnverkehrs oder digitaler Netze könnten in einem Wahlkampf nicht nur wirtschaftlichen Schaden verursachen. Sie könnten auch genutzt werden, um Unsicherheit zu erzeugen, staatliche Handlungsfähigkeit infrage zu stellen und vorhandene gesellschaftliche Konflikte zu verschärfen.

Mit dem Gesetz zum Schutz kritischer Infrastrukturen wurden Melde-, Risiko- und Schutzpflichten für Betreiber erweitert. In der Praxis bleiben jedoch viele Anlagen schwer vollständig zu sichern. Stromtrassen, Bahnstrecken und Versorgungsleitungen verlaufen über Hunderte Kilometer durch frei zugängliches Gelände.

Verdacht ist noch kein Beweis

Die große politische Gefahr liegt in vorschnellen Zuschreibungen. Solange Ermittlungen laufen, muss zwischen bestätigten Angriffen, konkreten Verdachtsmomenten und ungeklärten Vorfällen unterschieden werden. Andernfalls könnten Täter gerade jene Verunsicherung erreichen, auf die hybride Operationen abzielen.

Gleichzeitig dürfen die Zahlen nicht verharmlost werden. Schon wenige erfolgreiche Eingriffe können erhebliche Folgen für Haushalte, Unternehmen und öffentliche Einrichtungen haben. Entscheidend wird sein, ob Bund, Länder und Betreiber Erkenntnisse schneller austauschen und besonders gefährdete Anlagen besser überwachen können.

Die 165 Fälle ergeben noch kein eindeutiges Gesamtbild. Sie zeigen aber, dass die Sicherung der Infrastruktur längst nicht mehr nur eine technische Aufgabe ist, sondern zu einer zentralen Frage der inneren und äußeren Sicherheit geworden ist.

Quelle: Bundeskriminalamt; Bundesministerium des Innern; Polizei Brandenburg; NDR; WDR; Süddeutsche Zeitung; Reuters; Deutscher Bundestag