HALLE (SAALE). Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen ist im August 2026 gegenüber dem Vormonat gesunken. Wer darin bereits ein Zeichen für eine wirtschaftliche Erholung sieht, könnte sich jedoch täuschen. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle, kurz IWH, wertet den Rückgang lediglich als kurze Verschnaufpause. Die Zahl der Firmenpleiten liegt weiterhin deutlich über dem Niveau der Jahre vor der Corona-Krise.
Mehr als 1.500 Unternehmen insolvent
Nach der aktuellen Auswertung des IWH wurden im August 1.525 Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften registriert. Das waren zehn Prozent weniger als im Juli. Gegenüber August 2025 stieg die Zahl jedoch um neun Prozent.
Noch deutlicher wird die wirtschaftliche Belastung beim Vergleich mit den Jahren vor der Corona-Pandemie. Gegenüber einem durchschnittlichen August der Jahre 2016 bis 2019 lag die Zahl der Firmeninsolvenzen um 63 Prozent höher. Der Rückgang gegenüber Juli verändert somit nichts daran, dass Deutschland weiterhin mit einer außergewöhnlich hohen Pleitewelle konfrontiert ist.
Das IWH warnt deshalb vor einer vorschnellen Entwarnung. Die Frühindikatoren des Instituts sprechen dafür, dass die Insolvenzzahlen auch in den kommenden beiden Monaten hoch bleiben werden. Eine nachhaltige Trendwende ist bislang nicht erkennbar.
Mehr Arbeitsplätze als im Juli betroffen
Besonders schwer wiegt die Entwicklung für die Beschäftigten. Bei den größten zehn Prozent der im August insolvent gewordenen Unternehmen waren mehr als 16.000 Arbeitsplätze betroffen. Gegenüber Juli ist das ein Anstieg um 21 Prozent. Im Vergleich zum Vorjahresmonat beträgt das Plus 33 Prozent.
Gegenüber einem durchschnittlichen August vor der Corona-Krise hat sich die Zahl der betroffenen Arbeitsplätze sogar mehr als verdoppelt. Sie liegt um 103 Prozent über dem damaligen Vergleichswert. Damit zeigt sich, dass im August zwar weniger Unternehmen Insolvenz anmeldeten, darunter aber offenbar mehrere größere Arbeitgeber waren.
Eine Insolvenz bedeutet nicht automatisch, dass sämtliche Arbeitsplätze verloren gehen. Unternehmen können saniert, verkauft oder unter einem neuen Eigentümer weitergeführt werden. Trotzdem beginnt für die Beschäftigten regelmäßig eine Phase erheblicher Unsicherheit. Löhne, Standorte und berufliche Perspektiven hängen vom Verlauf des Verfahrens ab.
Mittelstand kämpft mit hohen Belastungen
Die Statistik nennt nicht für jedes Unternehmen dieselbe Ursache. In vielen Branchen treffen jedoch mehrere Belastungen aufeinander. Hohe Energie- und Personalkosten, teure Finanzierungen, schwache Investitionen und eine zurückhaltende Nachfrage setzen insbesondere mittelständische Betriebe unter Druck.
Hinzu kommen strukturelle Veränderungen in der Automobilindustrie, im Handel und im Baugewerbe. Unternehmen, die bereits während der Pandemie Rücklagen verbraucht haben, können neue Belastungen häufig kaum noch auffangen. Steigende Kosten lassen sich zudem nicht immer vollständig an die Kunden weitergeben.
Für Ostdeutschland ist diese Entwicklung besonders brisant. Viele Regionen sind auf wenige größere Arbeitgeber und ein Netz kleiner Zulieferer angewiesen. Gerät ein wichtiger Betrieb in Schwierigkeiten, können auch Handwerker, Transportunternehmen, Dienstleister und örtliche Händler betroffen sein. Eine einzelne Insolvenz kann damit weit über den betroffenen Betrieb hinausreichen.
Rückgang ist noch keine Trendwende
Der August liefert deshalb ein widersprüchliches Bild. Die Zahl der Verfahren sank gegenüber Juli, gleichzeitig waren mehr Arbeitsplätze betroffen. Entscheidend wird sein, ob sich der Rückgang in den kommenden Monaten fortsetzt oder lediglich eine statistische Schwankung bleibt.
Die Wirtschaft benötigt vor allem verlässliche Energiepreise, schnellere Genehmigungen, weniger Bürokratie und bessere Investitionsbedingungen. Ohne eine spürbare Verbesserung dieser Rahmenbedingungen dürfte die Zahl gefährdeter Unternehmen hoch bleiben.
Die aktuellen Zahlen aus Halle sind damit kein Signal für eine überstandene Krise. Sie zeigen vielmehr, dass sich die wirtschaftliche Substanz vieler Unternehmen weiter abschwächt. Für mehr als 16.000 Beschäftigte ist diese Entwicklung bereits im August zur persönlichen Zukunftsfrage geworden.
Quelle
Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle, IWH-Insolvenztrend, 8. September 2026