Schwerin, 8. September 2026. Mecklenburg-Vorpommern ist längst nicht mehr nur ein Urlaubs- und Agrarland. Bei der Erzeugung erneuerbarer Energie gehört das Bundesland zu den großen Stromlieferanten Deutschlands. Neue Zahlen des Statistischen Amtes verdeutlichen das Ausmaß: Die heimische Ökostromproduktion deckte den Strombedarf der Letztverbraucher im Jahr 2024 rechnerisch fast dreifach.

Insgesamt wurden in Mecklenburg-Vorpommern rund 19,59 Millionen Megawattstunden Strom erzeugt. Davon stammten 17,59 Millionen Megawattstunden aus erneuerbaren Energien. Der Ökostromanteil erreichte damit 89,8 Prozent. Im Bundesdurchschnitt waren es 57,3 Prozent.

Nur gut ein Drittel des Ökostroms würde für MV reichen

An Letztverbraucher in Mecklenburg-Vorpommern wurden im selben Jahr rund 6,23 Millionen Megawattstunden Strom abgegeben. Rein rechnerisch hätten bereits 35,4 Prozent der im Land erzeugten erneuerbaren Strommenge ausgereicht, um diesen Bedarf zu decken.

Der übrige Strom wird allerdings nicht als fest abgegrenzter Überschuss in Mecklenburg-Vorpommern gelagert. Er fließt über das Stromnetz in andere Regionen oder wird zu Zeiten produziert, in denen die Nachfrage geringer ist. Erzeugung und Verbrauch müssen im Stromsystem zu jedem Zeitpunkt ausgeglichen werden.

Die mit Abstand wichtigste Energiequelle ist die Windkraft. Sie lieferte 2024 rund 12,02 Millionen Megawattstunden und damit 61,4 Prozent der gesamten Stromproduktion des Landes. Photovoltaikanlagen erzeugten knapp 3,08 Millionen Megawattstunden. Weitere 2,48 Millionen Megawattstunden kamen aus Biogas, festen Brennstoffen, Klärgas und anderen biogenen Quellen.

Warum sinkt der Strompreis nicht automatisch?

Aus der hohen Produktion folgt kein eigener Strompreis für Mecklenburg-Vorpommern. Strom wird überregional gehandelt. Der Preis für Haushalte besteht zudem nicht nur aus den Kosten der Erzeugung. Hinzu kommen Netzentgelte, Steuern, Abgaben, Umlagen, Messkosten sowie die Kosten und Margen des jeweiligen Versorgers.

Ein Windrad in Sichtweite führt deshalb nicht automatisch zu einer niedrigeren Stromrechnung in der Nachbarschaft. Auch an besonders windreichen Tagen können Haushalte einen vertraglich festgelegten Arbeitspreis zahlen, während der kurzfristige Preis an der Strombörse erheblich niedriger liegt.

Gerade darin liegt ein Akzeptanzproblem. Die Menschen erleben Windräder, Stromleitungen und neue Umspannwerke unmittelbar vor ihrer Haustür. Der wirtschaftliche Vorteil auf der privaten Stromrechnung bleibt für sie dagegen häufig unsichtbar.

Erzeugerländer tragen einen großen Teil der Infrastruktur

Für den Transport des Stroms müssen Verteil- und Übertragungsnetze ausgebaut werden. In dünn besiedelten Regionen verteilen sich die Kosten auf vergleichsweise wenige Anschlussnehmer. Regionen mit besonders vielen Wind- und Solaranlagen waren deshalb lange überdurchschnittlich mit Netzkosten belastet.

Die Regeln zur Verteilung dieser Kosten wurden zwar verändert. Der grundsätzliche Konflikt bleibt jedoch bestehen: Mecklenburg-Vorpommern stellt Flächen bereit, trägt Eingriffe in das Landschaftsbild und produziert weit mehr Strom als benötigt. Über den Strompreis allein entsteht daraus bislang kein verlässlicher regionaler Vorteil.

Mehr Wertschöpfung statt bloßer Stromdurchleitung

Ein pauschaler Sonderpreis für alle Einwohner wäre rechtlich und wirtschaftlich nicht einfach umzusetzen. Dennoch gibt es Möglichkeiten, den Nutzen stärker im Land zu halten. Denkbar sind örtliche Stromtarife, direkte Lieferverträge für Unternehmen, kommunale Beteiligungen, Bürgerenergieprojekte und verbindliche Einnahmen für Standortgemeinden.

Besonders wichtig wäre die Ansiedlung von Betrieben, die große Mengen Strom benötigen und ihre Produktion zeitlich an das Angebot anpassen können. Dazu gehören Rechenzentren, Speicher, Elektrolyseure sowie energieintensive Industrieunternehmen. Sie könnten den Strom vor Ort nutzen, Arbeitsplätze schaffen und die Netze entlasten.

Auch große Batteriespeicher gewinnen an Bedeutung. Sie nehmen Strom auf, wenn Wind- und Solaranlagen besonders viel erzeugen, und geben ihn bei höherem Bedarf wieder ab. Ohne Speicher, zusätzliche Verbraucher und leistungsfähige Netze bleibt ein Teil des ostdeutschen Energiepotenzials wirtschaftlich ungenutzt.

Die Energiewende muss vor Ort einen sichtbaren Nutzen haben

Mecklenburg-Vorpommern hat beim Ausbau erneuerbarer Energien einen beachtlichen Vorsprung erreicht. Die Zahlen zeigen jedoch auch, dass hohe Stromproduktion allein noch keine regionale Erfolgsgeschichte garantiert.

Entscheidend ist, ob aus den Anlagen dauerhaft Arbeitsplätze, kommunale Einnahmen, Unternehmensansiedlungen und spürbare Vorteile für die Einwohner entstehen. Wer die Belastungen einer Energie- und Industrieregion trägt, sollte nicht nur Strom für andere Landesteile liefern. Die Menschen müssen erkennen können, welchen konkreten Nutzen ihre Region davon hat.

Quelle: Statistisches Amt Mecklenburg-Vorpommern, Bundesnetzagentur