Anklam, 8. September 2026. Mecklenburg-Vorpommern prüft höhere Gewichtsgrenzen für Lastwagen, die Zuckerrüben zur Fabrik nach Anklam transportieren. Ein zulässiges Gesamtgewicht von 44 statt 40 Tonnen könnte nach ersten Berechnungen rund 11.500 Fahrten und 1,5 Millionen Straßenkilometer einsparen.
Die Rechnung klingt überzeugend: mehr Ladung pro Fahrzeug, weniger Verkehr und niedrigere Transportkosten. Doch bevor das Land ein Pilotprojekt startet, müssen die Belastbarkeit von Straßen und Brücken sowie die Auswirkungen auf betroffene Ortschaften untersucht werden.
Mehr als 300 Betriebe liefern nach Anklam
Auf rund 26.400 Hektar wachsen in Mecklenburg-Vorpommern in diesem Jahr Zuckerrüben. Ausreichende Niederschläge und ein vergleichsweise geringer Schädlingsdruck lassen mittlere bis gute Erträge erwarten.
Im Vorjahr wurden auf 28.500 Hektar durchschnittlich 82,7 Tonnen je Hektar geerntet. Das Ergebnis lag etwa elf Prozent über dem langjährigen Mittel. Einzelne Betriebe erreichten sogar Erträge von bis zu 100 Tonnen.
In der Zuckerfabrik Anklam wurden während der vergangenen Kampagne mehr als 1,8 Millionen Tonnen Rüben von 311 landwirtschaftlichen Betrieben verarbeitet. Die durchschnittliche Tagesleistung der Fabrik lag bei mehr als 13.500 Tonnen.
Auch in diesem Jahr beteiligen sich wieder über 300 Landwirte. Nach Einschätzung des Landwirtschaftsministeriums könnte der Zuckerertrag erstmals die Marke von 15 Tonnen je Hektar überschreiten.
Vier Millionen Euro für die Fabrik
Die Zuckerfabrik gehört seit mehr als 140 Jahren zum Industriestandort Anklam. Neben Zucker werden dort Bioethanol und Biomethan hergestellt. Reststoffe aus der Verarbeitung bleiben dadurch Teil einer regionalen Wertschöpfungskette.
Vor der neuen Kampagne investierte das Unternehmen rund vier Millionen Euro in die Erneuerung und Erweiterung der Rübenwäsche. Die Modernisierung soll die Verarbeitung effizienter machen und die langfristige Wettbewerbsfähigkeit des Standortes stärken.
Die Fabrik kann jedoch nur wirtschaftlich arbeiten, wenn während weniger Monate große Mengen Rohstoff zuverlässig angeliefert werden. Genau hier entstehen hohe Kosten und erheblicher Verkehr auf den Straßen im Nordosten des Landes.
11.500 Fahrten könnten entfallen
Das Landwirtschafts- und das Wirtschaftsministerium prüfen deshalb, ob Rübentransporte künftig ein Gesamtgewicht von bis zu 44 Tonnen erreichen dürfen. Bislang liegt die Grenze grundsätzlich bei 40 Tonnen.
Nach den vorliegenden Berechnungen könnten vier zusätzliche Tonnen Zuladung pro Fahrzeug die Zahl der Fahrten deutlich verringern. Das Ministerium nennt ein mögliches Einsparpotenzial von rund 11.500 Touren und etwa 1,5 Millionen gefahrenen Kilometern pro Kampagne.
Weniger Fahrten würden Kraftstoff sparen, Fahrer entlasten und die Zahl der Begegnungen mit schweren Lastwagen in den Dörfern verringern. Auch für die Landwirte und die Zuckerfabrik könnten die Transportkosten sinken.
Ein höheres Gesamtgewicht bedeutet jedoch nicht automatisch eine geringere Belastung der Infrastruktur. Entscheidend sind unter anderem Achszahl, Achslast, Fahrzeugtechnik, Streckenführung und Zustand der Fahrbahn.
Sachsen-Anhalt testet das Modell bereits
In Sachsen-Anhalt läuft seit August ein vergleichbares Pilotprojekt. Dort dürfen Rübentransporte auf einer etwa 30 Kilometer langen Strecke zwischen Alsleben und Eisleben ein Gesamtgewicht von bis zu 44 Tonnen erreichen.
Die Ausgangslage in Mecklenburg-Vorpommern ist schwieriger. Die Lieferbetriebe verteilen sich auf ein großes Gebiet, weshalb deutlich mehr Straßen, Brücken und Ortsdurchfahrten betroffen sein könnten.
Ein möglicher Versuch sollte daher nicht als pauschale Freigabe für alle Strecken beginnen. Sinnvoll wäre ein festgelegtes Routennetz mit geprüften Brücken, klaren Zeiträumen, technischen Fahrzeugvorgaben und einer wissenschaftlichen Begleitung.
Auch Kommunen und Anwohner müssen einbezogen werden. Wenn Landes- oder Kreisstraßen durch schwerere Fahrzeuge schneller verschleißen, dürfen die späteren Sanierungskosten nicht allein bei den Gemeinden hängen bleiben.
Eine nüchterne Rechnung ist nötig
Das Vorhaben kann für Landwirtschaft und Verarbeitung einen echten Fortschritt bringen. Es verbindet geringere Transportkosten mit weniger Fahrten und kann dadurch die regionale Zuckerproduktion wettbewerbsfähiger machen.
Ob die Rechnung am Ende aufgeht, hängt aber von mehr als der eingesparten Kilometerzahl ab. Den Vorteilen müssen mögliche zusätzliche Schäden an Fahrbahnen und Brücken sowie die notwendigen Kontrollen gegenübergestellt werden.
Mecklenburg-Vorpommern sollte deshalb vor einer Entscheidung veröffentlichen, welche Strecken infrage kommen, wie hoch die erwartete Kostenersparnis ist und wer für mögliche Folgeschäden aufkommt. Erst dann lässt sich beurteilen, ob vier Tonnen mehr tatsächlich eine Entlastung für das Land werden.
Quellen
Landwirtschaftsministerium Mecklenburg-Vorpommern, Rübenkampagne vom 7. September