Zwickau, 5. September 2026. Die industrielle Zukunft des Volkswagen-Werks in Zwickau steht auf dem Spiel. Der Konzern kann dem Standort nach 2031 keine neuen Fahrzeugmodelle garantieren, nachdem der Aufsichtsrat den bislang tiefgreifendsten Umbau in der Geschichte von Volkswagen gebilligt hat.

VW Zwickau fehlt ein Modell nach 2031

Volkswagen spricht offiziell nicht von einer beschlossenen Werksschließung. Fest steht jedoch: Für die Standorte Zwickau, Emden, Hannover und Neckarsulm gibt es nach dem Auslaufen der derzeitigen Modellprogramme keine garantierte Folgeproduktion.

Der Konzern will deshalb alternative Nutzungen für die vier Werke untersuchen. Was darunter konkret zu verstehen ist, blieb zunächst offen. Ohne ein neues Fahrzeugmodell könnten die Produktionslinien in Zwickau ab 2031 schrittweise zum Stillstand kommen.

Ein zuvor bekannt gewordenes internes Papier soll für Zwickau und Emden ein Ende der Fahrzeugproduktion im Jahr 2031 vorsehen. Hannover könnte demnach 2032 und der Audi-Standort Neckarsulm 2034 folgen. Volkswagen hatte die Einzelheiten des internen Dokuments nicht kommentiert.

Nach Medienberichten könnte der Nachfolger des derzeit in Zwickau produzierten Audi Q4 e-tron künftig in Bratislava gebaut werden. Eine verbindliche Bestätigung dieser Modellverlagerung liegt bislang nicht vor.

Milliardenumbau trifft Sachsens Industrie

Volkswagen ist der größte private Arbeitgeber in Sachsen. An den drei sächsischen Standorten des Konzerns arbeiten insgesamt rund 10.000 Menschen. Zehntausende weitere Arbeitsplätze bei Zulieferern und Dienstleistern hängen mittelbar von Volkswagen ab.

Zwickau besitzt dabei eine besondere Bedeutung. Der Standort wurde vollständig auf die Produktion von Elektroautos umgestellt. Volkswagen bezeichnet das Werk selbst als sein größtes und effizientestes Elektrofahrzeugwerk in Europa.

Gerade deshalb trifft die fehlende Zukunftszusage die Region empfindlich. Beschäftigte hatten die Umstellung von Verbrennungsmotoren auf Elektromobilität mitgetragen. Nun droht ausgerechnet dem einstigen Vorzeigewerk eine Zukunft ohne eigenes Fahrzeugmodell.

Ein Produktionsende würde nicht nur die Belegschaft betreffen. Weniger Beschäftigung könnte sich auf Zulieferer, Handwerksbetriebe, Einzelhandel, Wohnungsmarkt und kommunale Steuereinnahmen in der gesamten Region auswirken.

VW hat Kapazitäten für 500.000 Autos zu viel

Volkswagen begründet den Umbau mit hohen Kosten, schwacher Nachfrage, amerikanischen Zöllen und der wachsenden Konkurrenz chinesischer Hersteller. Nach Angaben des Konzerns verfügen die europäischen Werke über Kapazitäten für mehr als 500.000 Fahrzeuge, die derzeit nicht benötigt werden.

Der Aufsichtsrat hat deshalb den sogenannten Zukunftsplan 2030 gebilligt. Zusätzlich zum bereits laufenden Stellenabbau sollen weltweit rund 50.000 weitere Arbeitsplätze wegfallen. Wie sich diese Kürzungen auf einzelne Marken, Länder und Standorte verteilen, teilte Volkswagen nicht mit.

Bis 2035 soll die Zahl der angebotenen Modelle ungefähr halbiert werden. Gleichzeitig will der Konzern die technische und organisatorische Komplexität um rund 75 Prozent reduzieren. Weniger Modelle sollen in größeren Stückzahlen gebaut werden und dadurch die Kosten pro Fahrzeug senken.

Zwischen 2027 und 2031 plant Volkswagen Investitionen und Forschungsausgaben von insgesamt 135 Milliarden Euro. Die entscheidende Frage für Sachsen lautet, welcher Anteil davon in Zwickau ankommt.

Region fordert Klarheit von Volkswagen

Landrat Carsten Michaelis verlangt vom Volkswagen-Vorstand eine eindeutige Aussage zur Zukunft des Werks. Aus Sicht des Landkreises macht es für die Beschäftigten kaum einen Unterschied, ob Volkswagen formal von einem Produktionsende, einer fehlenden Folgebelegung oder einer möglichen Standortschließung spricht.

Der Landkreis fordert deshalb Antworten auf drei zentrale Fragen: Ist das Produktionsende 2031 das Basisszenario des Konzerns? Welche reale Chance besitzt Zwickau auf ein neues Modell? Und welche Bedingungen muss das Werk erfüllen, um den Zuschlag zu erhalten?

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer hatte zuvor erklärt, dass eine schnelle Entscheidung notwendig sei. Er brachte unter anderem eine Verlängerung der tariflichen Wochenarbeitszeit von 35 auf 40 Stunden ins Gespräch. Die IG Metall betrachtet den Erhalt der 35-Stunden-Woche dagegen als zentrale Forderung.

Für Zwickau beginnt damit ein Wettlauf gegen die Zeit. Bis 2031 bleiben zwar mehrere Jahre, doch neue Fahrzeugmodelle, Lieferketten und Produktionsanlagen werden lange im Voraus geplant. Ohne eine verbindliche Folgebelegung könnte das Werk bereits deutlich früher Investitionen, Fachkräfte und Zulieferer verlieren.

Quelle: Volkswagen AG; Reuters; Landkreis Zwickau