Forst wird am Montag zum Treffpunkt der Energiewirtschaft
Während Berlin am Montagmorgen noch über die Folgen zweier Landtagswahlen diskutiert, geht es in der Lausitz um eine andere Zukunftsfrage.
Um 10 Uhr soll in Forst die LEAG-GigawattFactory eröffnet werden. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke wird nach Angaben der Landesregierung ein Grußwort halten.
Hinter dem Namen steht allerdings keine einzelne klassische Fabrikhalle.
Die GigawattFactory ist das übergreifende Zukunftsprogramm der LEAG für den Umbau ihres bisherigen Kohle- und Kraftwerksgeschäfts. Windkraft, Photovoltaik, Batteriespeicher und flexible Kraftwerke sollen zu einem neuen Energiesystem verbunden werden.
Aus dem Kohlekonzern soll ein neuer Energieversorger werden
Die Dimension des Vorhabens ist für die Lausitz erheblich.
Über Generationen war die Region durch Braunkohletagebaue und große Kraftwerke geprägt. Die bestehende Energieinfrastruktur ist bis heute einer ihrer wichtigsten industriellen Standortfaktoren.
Genau diese Strukturen will die LEAG nun für den nächsten Abschnitt nutzen.
Das Unternehmen beschreibt die GigawattFactory als Zentrum seiner Neuausrichtung. Aus dem traditionellen Bergbau- und Kraftwerksbetreiber soll schrittweise ein Energieunternehmen mit wachsendem Anteil erneuerbarer Erzeugung, großen Speichern und flexibler Kraftwerksleistung werden.
Dabei sollen vorhandene Stromnetze, Industrieflächen und qualifizierte Fachkräfte weiter genutzt werden.
Wind und Solar allein reichen dem Konzept nicht
Die GigawattFactory basiert auf mehreren Bausteinen.
Neue Wind- und Solarparks sollen große Mengen Strom liefern. Batteriespeicher sollen überschüssige Energie aufnehmen und bei Bedarf wieder ins Netz einspeisen.
Darüber hinaus plant die LEAG sogenannte H₂-ready-Gaskraftwerke, die zunächst mit Gas und perspektivisch mit Wasserstoff betrieben werden könnten. Vorgesehen sind solche Anlagen unter anderem an den Standorten Schwarze Pumpe, Lippendorf und Leipheim.
Das Unternehmen argumentiert, dass diese flexiblen Kraftwerke einspringen sollen, wenn Wind- und Solarstrom zeitweise nicht ausreichend zur Verfügung stehen.
Ob und wann alle geplanten Kraftwerksprojekte tatsächlich realisiert werden, hängt allerdings auch von politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen ab.
Milliardenprojekt Batteriespeicher wächst bereits
Ein zentraler Baustein der Strategie entsteht derzeit in Sachsen.
Am Kraftwerksstandort Boxberg hat die LEAG Ende August den Bau der GigaBattery Boxberg 400 gestartet. Der Speicher soll über eine Anschlussleistung von 400 Megawatt und eine Speicherkapazität von 1.600 Megawattstunden verfügen.
Nach Unternehmensangaben entspricht die gespeicherte Energiemenge rechnerisch dem Strombedarf von rund 640.000 Haushalten für vier Stunden.
Die Anlage entsteht auf sechs Hektar einer sanierten früheren Kraftwerksfläche.
Solche Speicher sollen künftig eine immer wichtigere Rolle spielen: Wenn Solar- oder Windanlagen mehr Strom produzieren als gerade benötigt wird, kann Energie zwischengespeichert und später wieder abgegeben werden.
Auch rund um Forst entstehen neue Anlagen
Die Transformation ist in der Lausitz längst sichtbar.
Zum GigawattFactory-Portfolio gehört unter anderem der Windpark Forst-Briesnig II mit 105 Megawatt Leistung. In unmittelbarer Nähe entwickelt die LEAG außerdem Solarprojekte. Beim Energiepark Bohrau ist für den ersten Bauabschnitt eine Photovoltaikleistung von 133 Megawattpeak vorgesehen.
Allein am Standort Jänschwalde sieht das Unternehmen ein Potenzial von mehr als zwei Gigawatt erneuerbarer Erzeugungsleistung.
Damit bekommt der Begriff GigawattFactory seinen eigentlichen Sinn: Es geht nicht um eine einzelne Anlage, sondern um eine Vielzahl miteinander verbundener Energieprojekte im Gigawattmaßstab.
Strukturwandel entscheidet sich auch an Arbeitsplätzen
Für die Lausitz hat der Umbau eine zusätzliche Dimension.
Der gesetzlich festgelegte Ausstieg aus der Braunkohleverstromung verändert einen Wirtschaftsraum, dessen industrielle Identität über Jahrzehnte eng mit Tagebauen und Kraftwerken verbunden war.
Deshalb wird der Erfolg neuer Energieprojekte in der Region nicht nur daran gemessen werden, wie viel Strom sie produzieren.
Entscheidend ist ebenfalls, wie viel Wertschöpfung, Industrie und Beschäftigung dauerhaft in der Lausitz bleiben.
Die LEAG verweist darauf, dass bestehende Standorte, Netzanschlüsse und qualifizierte Mitarbeiter einen Vorteil gegenüber völlig neu entwickelten Energieprojekten darstellen.
Für Kommunen wie Forst, Cottbus, Spremberg oder Weißwasser ist diese Frage unmittelbar mit der wirtschaftlichen Zukunft nach der Kohle verbunden.
Speicher werden zum neuen Standortfaktor
Gerade die Batteriespeicher könnten dabei eine zunehmend wichtige Rolle spielen.
Neben Boxberg baut die LEAG ihr Speicherportfolio auch an weiteren Standorten aus. Nach Angaben des Unternehmens sollen die großen Anlagen Ende 2027 beziehungsweise Anfang 2028 in Betrieb gehen.
Sie sollen Stromnetze stabilisieren und Schwankungen aus Wind- und Solarproduktion ausgleichen.
Gleichzeitig entstehen damit neue technische Anlagen genau dort, wo bislang Kohlekraftwerke die Versorgung abgesichert haben.
Die Lausitz bleibt damit Energieregion – nur die Technik verändert sich grundlegend.
Montag beginnt ein neues Kapitel – aber nicht das Ende des Umbaus
Die Eröffnung in Forst ist deshalb vor allem ein symbolischer Punkt in einem deutlich längeren Transformationsprozess.
Viele der geplanten Anlagen befinden sich noch im Bau oder in der Projektierung. Auch regulatorische Fragen bei Speichern, neuen Kraftwerken und Wasserstoff bleiben für die weitere Entwicklung entscheidend.
Trotzdem zeigt der Termin am Montag, wohin sich eines der größten Energieunternehmen Ostdeutschlands bewegen will.
Aus Wind, Sonne, Batteriespeichern und flexibler Kraftwerksleistung soll in der Lausitz ein neues Energiesystem entstehen.
Ob daraus langfristig tatsächlich ein industrieller Ersatz für die wirtschaftliche Bedeutung der Braunkohle wird, dürfte zu den entscheidenden Fragen des Strukturwandels der kommenden Jahre gehören.