Berlin. Die deutschen Industriezahlen erzählen derzeit zwei völlig unterschiedliche Geschichten.
Auf der einen Seite stehen hohe Auftragsbestände und milliardenschwere Investitionen des Staates. Auf der anderen Seite kämpfen klassische deutsche Schlüsselbranchen wie die Automobilindustrie und der Maschinenbau mit sinkenden Bestellungen und wachsendem internationalen Wettbewerb.
Im Juli stiegen die Auftragseingänge im Verarbeitenden Gewerbe gegenüber dem Vormonat preisbereinigt um 2,5 Prozent.
Doch ohne Großaufträge gingen die Bestellungen gleichzeitig um 1,4 Prozent zurück.
Plus kommt fast vollständig aus einem Bereich
Besonders auffällig ist, woher der statistische Anstieg stammt.
Im sogenannten Sonstigen Fahrzeugbau – dazu gehören Flugzeuge, Schiffe, Eisenbahnfahrzeuge und Militärfahrzeuge – erhöhten sich die Auftragseingänge gegenüber dem Vormonat um 126,4 Prozent.
Das Statistische Bundesamt spricht von einem außergewöhnlich hohen Volumen an Großaufträgen insbesondere im Schiff-, Schienenfahrzeug- und Flugzeugbau.
Der Bund selbst weist zusätzlich darauf hin, dass die stärkere Inlandsnachfrage nach Investitionsgütern vermutlich teilweise mit öffentlichen Beschaffungen zur Modernisierung der Bundeswehr sowie mit Projekten des Sondervermögens für Infrastruktur und Klimaneutralität zusammenhängt.
Damit stützt staatliche Nachfrage derzeit sichtbar Teile der deutschen Industrie.
Autoindustrie mit deutlichem Minus
Ganz anders sieht die Entwicklung bei Deutschlands traditioneller Schlüsselindustrie aus.
Die Auftragseingänge bei Kraftfahrzeugen und Kfz-Teilen gingen im Juli gegenüber dem Vormonat um 12,5 Prozent zurück. Im Maschinenbau lag das Minus nach Angaben des Wirtschaftsministeriums bei 8,4 Prozent.
Auch die Produktionszahlen zeigen die Schwierigkeiten.
Die gesamte Produktion des Produzierenden Gewerbes sank im Juli um 1,1 Prozent gegenüber Juni. In der Automobilindustrie betrug der Rückgang sogar 9,2 Prozent.
Der industrielle Aufschwung ist damit deutlich weniger breit, als die Gesamtzahl der Auftragseingänge zunächst vermuten lässt.
Auftragsbestand auf Rekordhöhe – aber verzerrtes Bild
Noch deutlicher zeigt sich dieses Auseinanderdriften beim Auftragsbestand.
Dieser erreichte im Juli ein neues Allzeithoch. Doch auch dieser Rekord geht überwiegend auf den Sonstigen Fahrzeugbau zurück.
Ohne diesen Bereich lag der Auftragsbestand deutlich unter seinem historischen Höchststand. In der Automobilindustrie sank der Bestand an offenen Aufträgen gegenüber dem Vormonat um weitere 1,7 Prozent.
Die Statistik beschreibt deshalb keine allgemeine Renaissance der deutschen Industrie.
Vielmehr entstehen derzeit Wachstumsinseln – während andere große Bereiche unter Druck bleiben.
China wird zum immer stärkeren Konkurrenten
Hinzu kommt der internationale Wettbewerb.
Eine aktuelle Analyse der Europäischen Zentralbank kommt zu dem Ergebnis, dass besonders Deutschland vom industriellen Aufstieg Chinas getroffen wird. China produziert zunehmend selbst hochwertige Maschinen, Fahrzeuge und Technologieprodukte, die früher in großem Umfang aus Europa importiert wurden.
Deutschland ist davon besonders betroffen, weil sein Exportprofil dem chinesischen Industriespektrum stärker ähnelt als das vieler anderer europäischer Länder.
Das Bundeswirtschaftsministerium spricht entsprechend von zunehmendem internationalen Wettbewerbsdruck auf die Automobilindustrie und den Maschinenbau. Die Aussichten für eine breitere Erholung der Industrie bewertet das Ministerium weiterhin zurückhaltend.
Eine Industrie verändert ihre Gewichte
Damit zeichnet sich eine Verschiebung ab.
Öffentliche Investitionen in Verteidigung, Infrastruktur, Bahn, Flugzeuge und andere Großprojekte sorgen für volle Auftragsbücher in bestimmten Unternehmen.
Gleichzeitig verlieren jene Branchen an Dynamik, auf denen ein großer Teil des deutschen industriellen Wohlstands der vergangenen Jahrzehnte beruhte.
Für Ostdeutschland ist das besonders relevant. Sachsen, Brandenburg und Thüringen hängen stark an Automobilwerken und deren Zulieferern. Gleichzeitig befinden sich dort zunehmend Unternehmen aus Verteidigungs-, Bahn-, Batterie- und Luftfahrtindustrie.
Die zentrale wirtschaftliche Frage lautet deshalb weniger, ob Deutschland derzeit ausreichend Industrieaufträge hat.
Entscheidend ist, welche Industrie in einigen Jahren noch wächst – und wo dauerhaft Arbeitsplätze verloren gehen könnten.