Berlin. Die Berliner Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele steht vor dem Aus. Nach übereinstimmenden Berichten will die Hauptstadt ihr Konzept BERLIN+ noch vor der für Sonnabend geplanten Abstimmung des Deutschen Olympischen Sportbundes zurückziehen. Der Senat kündigte für Donnerstag eine Pressekonferenz an.

Dem Schritt war am Mittwoch eine Beratung zwischen dem noch amtierenden Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU), Sportsenatorin Iris Spranger (SPD) und Olympia-Beauftragtem Kaweh Niroomand vorausgegangen.

Damit bleiben für die deutsche Bewerbung voraussichtlich noch München und KölnRheinRuhr im Rennen.

Eralp hatte Olympia klar abgelehnt

Wenige Tage zuvor hatte Berlins Wahlsiegerin Elif Eralp von der Linken der Bewerbung eine klare Absage erteilt.

Sie kritisierte insbesondere die Kosten des bisherigen Bewerbungsprozesses. Rund sechs Millionen Euro seien bereits eingeplant beziehungsweise ausgegeben worden. Eralp bezeichnete diese Ausgaben als Steuergeldverschwendung und erklärte, sie sehe keinen ausreichenden Vorteil für Berlin.

Nach ihrer Interpretation habe das Wahlergebnis zugleich gezeigt, dass die Berliner einen politischen Kurswechsel wollten.

Allerdings war die Abgeordnetenhauswahl kein Referendum über Olympia. Die Wähler entschieden über Parteien und zahlreiche politische Themen. Einen direkten Bürgerentscheid zur Olympia-Bewerbung gab es in Berlin nicht.

Olympia-Beauftragter nennt Umgang „respektlos“

Niroomand kritisierte weniger Eralps grundsätzliche Ablehnung als die Art und Weise, wie sie das Thema kurz nach der Wahl behandelte.

Er hatte gefordert, dass die Linken-Politikerin zumindest noch einmal mit den Verantwortlichen der Bewerbung sprechen sollte. Ein solcher Austausch sei aus seiner Sicht eine Frage des respektvollen Umgangs mit den vielen Beteiligten.

Auch das Kuratorium der Berliner Bewerbung appellierte am Dienstag an Eralp, das Konzept noch einmal zu prüfen.

In dem Gremium sitzen Vertreter aus Sport, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Sozialverbänden. Es verwies darauf, dass sich zuletzt 132 Berliner Institutionen, Verbände, Vereine und Unternehmen öffentlich hinter BERLIN+ gestellt hatten.

Abgeordnetenhaus hatte mit Zweidrittelmehrheit zugestimmt

Die Bewerbung besaß bis zur Wahl eine breite parlamentarische Grundlage.

Das Berliner Abgeordnetenhaus hatte sich im Mai mit einer Zweidrittelmehrheit für die Bewerbung ausgesprochen. Ein Referendum wie in München oder KölnRheinRuhr gab es jedoch nicht.

Der bisherige Senat aus CDU und SPD hatte das Konzept anschließend weiter vorangetrieben.

BERLIN+ setzte dabei stark auf vorhandene Infrastruktur. Nach Angaben des Senats wären 97 Prozent der vorgesehenen Wettkämpfe in bestehenden Sportstätten ausgetragen worden.

Auch Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern betroffen

Der Rückzug betrifft nicht nur Berlin.

Das Konzept BERLIN+ war ausdrücklich als ostdeutsche Gemeinschaftsbewerbung angelegt. Neben Berlin sollten auch Brandenburg, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern Austragungsorte stellen.

Besonders relevant wäre das für Leipzig und Rostock-Warnemünde gewesen.

Warnemünde war bereits fest als Berliner Standort für die olympischen Segelwettbewerbe vorgesehen.

Bemerkenswert: Selbst wenn Berlin aussteigt, könnte Warnemünde weiterhin olympischer Austragungsort werden. Auch KölnRheinRuhr hat sich mittlerweile für Rostock-Warnemünde als Segelstandort entschieden. München setzt dagegen auf Kiel-Schilksee.

Berlin lag bei Bewertung deutlich zurück

Neben dem politischen Kurswechsel gab es einen zweiten schweren Rückschlag.

Die Evaluierungskommission des DOSB veröffentlichte am Dienstag ihre Bewertung der drei Bewerbungen.

Das Ergebnis:

München: 87,03 Punkte • KölnRheinRuhr: 85,02 Punkte • Berlin+: 74,64 Punkte

München und KölnRheinRuhr erhielten die Gesamtbewertung „sehr gut“, Berlin lediglich „gut“.

Damit ging Berlin bereits mit einem deutlichen Rückstand in die letzten Tage vor der Entscheidung.

Sechs Millionen Euro für Bewerbungsstrukturen

Die Kosten der bisherigen Bewerbung gehören zu den zentralen Kritikpunkten Eralps.

Der Berliner Senat hatte für die Jahre 2025 bis 2027 ein Gesamtbudget von bis zu sechs Millionen Euro für Steuerung, Kommunikation und Beteiligung beschlossen.

Befürworter argumentierten, die Spiele könnten Investitionen in Sportstätten, Infrastruktur und Breitensport beschleunigen.

Die Linke und auch Teile der Grünen hielten dagegen, Berlin habe dringendere Aufgaben und müsse Milliardenrisiken vermeiden.

Beide Positionen beruhen auf unterschiedlichen politischen Prioritäten. Eine abschließende Kostenrechnung für tatsächlich ausgerichtete Spiele gab es bislang nicht.

Sport und Politik prallen aufeinander

Der Fall zeigt zugleich ein grundsätzliches Problem langfristiger Großprojekte.

Eine Olympiabewerbung läuft über viele Jahre. Regierungen können in dieser Zeit wechseln.

Das bisherige Konzept wurde unter einem schwarz-roten Senat entwickelt. Nach der Wahl könnte jedoch eine neue Mehrheit entstehen, in der zwei der möglichen Koalitionspartner – Linke und Grüne – Olympia kritisch beziehungsweise ablehnend gegenüberstehen.

Der DOSB legt deshalb Wert auf politische und gesellschaftliche Stabilität während des Bewerbungsprozesses. München und KölnRheinRuhr hatten ihre Bewerbungen jeweils durch Bürgerentscheide mit deutlichen Mehrheiten abgesichert. In Berlin bestand diese Absicherung über den Beschluss des Abgeordnetenhauses.

Berlin verabschiedet sich kurz vor der Entscheidung

Am Sonnabend sollte ursprünglich zwischen drei deutschen Konzepten entschieden werden.

Nun wird daraus voraussichtlich ein Zweikampf zwischen München und KölnRheinRuhr.

Eine formelle Stellungnahme des Berliner Senats zum Rückzug stand am Mittwochnachmittag zunächst noch aus. Für Donnerstag wurde jedoch eine Pressekonferenz angekündigt.

Damit endet eine Bewerbung, die erst vor wenigen Monaten mit großem Aufwand präsentiert worden war, innerhalb weniger Tage nach der Berlin-Wahl.

Der politische Kurswechsel war dabei nicht der einzige Grund. Auch die deutlich schwächere Bewertung durch die DOSB-Kommission spielte eine Rolle.

Fest steht aber:

Der Wahlsieg der Linken hat der Berliner Olympia-Bewerbung die politische Grundlage entzogen, auf die sie langfristig angewiesen gewesen wäre. Das ist eine Beschreibung der veränderten Mehrheitsverhältnisse – nicht die Feststellung, dass das Wahlergebnis allein den Rückzug verursacht hat.