In Oberwiera im Landkreis Zwickau wird eine der größten jemals in Sachsen errichteten Windkraftanlagen nach nur zweieinhalb Jahren Betriebszeit wieder zurückgebaut.

Die drei Rotorblätter sind bereits demontiert und liegen am Boden. Der knapp 170 Meter hohe Turm mit dem Maschinenhaus steht derzeit noch. Damit ist der Rückbau der rund zehn Millionen Euro teuren Anlage sichtbar angelaufen.

Der ungewöhnliche Schritt folgt auf lang anhaltende Beschwerden von Anwohnern. Sie berichteten seit der Inbetriebnahme über ein dauerhaftes, tieffrequentes Brummen, das auch bei geschlossenen Fenstern wahrnehmbar gewesen sei und vor allem nachts die Lebensqualität beeinträchtigt habe.

Windrad ging Ende 2023 ans Netz

Die Windkraftanlage wurde im Dezember 2023 in Betrieb genommen. Mit einer Nennleistung von sechs Megawatt sollte sie rechnerisch genügend Strom für bis zu 5.000 Privathaushalte erzeugen.

Die Anlage verfügte über eine Nabenhöhe von 169 Metern. Zusammen mit den jeweils 81 Meter langen Rotorblättern erreichte sie eine Gesamthöhe von rund 250 Metern. Zum Zeitpunkt der Errichtung galt sie als höchste Windkraftanlage Sachsens.

Für die kleine Gemeinde mit gut 1.000 Einwohnern verbanden sich mit dem Projekt zunächst wirtschaftliche Hoffnungen. Neben klimafreundlich erzeugtem Strom sollte die Anlage auch zusätzliche Einnahmen für die Region bringen.

Kurz nach dem Start änderte sich die Stimmung jedoch deutlich.

Anwohner berichteten von dauerhaftem Brummton

Mehrere Einwohner aus Oberwiera und den umliegenden Ortsteilen klagten über einen tiefen, gleichmäßigen Ton. Bürgermeister Holger Quellmalz erklärte, er habe das Geräusch bei nächtlichen Rundgängen selbst deutlich wahrgenommen.

Betroffene beschrieben den Klang als vergleichbar mit einer laufenden Flugzeugturbine. Der Ton sei nicht nur im Freien, sondern auch innerhalb von Wohnhäusern zu hören gewesen. Einzelne Anwohner berichteten von Schlaf- und Konzentrationsproblemen.

Die Beschwerden richteten sich dabei nicht grundsätzlich gegen die Nutzung der Windkraft. Im Mittelpunkt stand die konkrete Belastung durch diese Anlage und ihre besonderen Geräuscheigenschaften.

Getriebe wurde bereits ausgetauscht

Hersteller und Betreiber versuchten zunächst, die Geräuschbelastung technisch zu verringern. Die Anlage lief nach Angaben der Deutschen Presse-Agentur von Beginn an im reduzierten Betrieb, obwohl eine uneingeschränkte Betriebserlaubnis vorlag.

Zeitweise wurde das Windrad nachts abgeschaltet. Außerdem wurde im vergangenen Jahr mit erheblichem technischem Aufwand das Getriebe ausgetauscht. Der Wechsel brachte jedoch nur eine teilweise Verbesserung und löste das Problem nicht dauerhaft.

Der Hersteller Vestas führte die Schwierigkeiten auf eine nach eigenen Angaben ungewöhnliche Kombination aus standortspezifischen Bedingungen und besonderen Eigenschaften der Anlage zurück.

Betreiber und Hersteller einigen sich auf Rückbau

Betreiber Andreas Berger teilte mit, dass seine Firma eine Einigung mit dem Windradhersteller Vestas erzielt habe. Der Rückbau wurde dem Umweltamt des Landkreises Zwickau am 16. Juni 2026 entsprechend den gesetzlichen Vorgaben angezeigt.

Seit Juli wird die Anlage fachgerecht demontiert. Zu den Kosten des Rückbaus und der Frage, wer diese übernimmt, äußerten sich Betreiber und Hersteller nicht näher. Berger erklärte jedoch, dass für den Rückbau keine Steuergelder verwendet würden.

Bereits die Demontage und der Abtransport der 81 Meter langen Rotorblätter erfordern einen erheblichen logistischen Aufwand. Dazu gehören Spezialtransporte, geeignete Fahrzeuge und zeitweise Straßensperrungen.

Bundesweit offenbar ungewöhnlicher Vorgang

Nach Angaben des Bundesverbandes WindEnergie ist kein vergleichbarer Fall bekannt, bei dem eine moderne Windkraftanlage allein wegen dauerhafter Geräuschbeschwerden vollständig zurückgebaut wurde.

Der Verband verweist zugleich darauf, dass die große Mehrheit der mehr als 29.000 Windkraftanlagen an Land über viele Jahre ohne vergleichbare Auffälligkeiten arbeite. Beschwerden über deutlich hörbare tieffrequente Brummgeräusche seien selten.

Der Fall Oberwiera erhält deshalb überregionale Aufmerksamkeit. Er zeigt, dass die Einhaltung formaler Genehmigungswerte nicht zwangsläufig bedeutet, dass sich alle Anwohner durch eine Anlage unbeeinträchtigt fühlen.

Kein zweites Windrad geplant

Ursprünglich sollte in Oberwiera eine zweite Anlage des gleichen Typs errichtet werden. Diese Pläne werden derzeit nicht weiterverfolgt.

Rein rechtlich wäre nach Angaben des Betreibers am bisherigen Standort auch künftig eine neue Windkraftanlage möglich. Eine solche Planung gebe es derzeit jedoch nicht.

In der Gemeinde ist die Zustimmung zu weiteren Großprojekten deutlich gesunken. Bürgermeister Quellmalz kündigte an, sich gegen zusätzliche Windkraftflächen in der Umgebung zu wehren. Nach seiner Auffassung müsse bei künftigen Planungen das „Schutzgut Mensch“ stärker berücksichtigt werden.

Auch ein geplantes großflächiges Solarprojekt fand im Gemeinderat keine Mehrheit.

Rückbau trifft auf langsamen Windkraftausbau in Sachsen

Der Abbau erfolgt ausgerechnet in einem Bundesland, das beim Ausbau der Windenergie bundesweit zu den Schlusslichtern gehört.

Im Jahr 2025 gingen in Sachsen lediglich 13 neue Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von rund 64,8 Megawatt ans Netz. Ende des Jahres standen im Freistaat 858 Anlagen. Das entsprach etwa 2,1 Prozent aller Windräder in Deutschland.

Hinzu kommt, dass Sachsens Windkraftanlagen im Durchschnitt vergleichsweise alt sind. Nach Angaben des Bundesverbandes WindEnergie lag das mittlere Alter zuletzt bei rund 20,8 Jahren.

Der Rückbau in Oberwiera wird deshalb auch als Rückschlag für die Energiewende betrachtet. Zugleich macht der Fall deutlich, wie wichtig eine frühzeitige Prüfung örtlicher Bedingungen, eine transparente Kommunikation und ein konsequenter Umgang mit Beschwerden sind.

Turm und Maschinenhaus stehen noch

Nachdem die Rotorblätter bereits entfernt wurden, müssen nun noch das Maschinenhaus und der Turm demontiert werden.

Wann der Rückbau vollständig abgeschlossen ist und wie die Fläche anschließend genutzt wird, wurde bislang nicht öffentlich mitgeteilt. Ebenso offen ist, ob Teile der Anlage an einem anderen Standort erneut eingesetzt oder verwertet werden.

Fest steht: Das Windrad, das Ende 2023 als technisches Großprojekt gestartet war, wird das Landschaftsbild von Oberwiera schon nach kurzer Zeit wieder verlassen.

Quellen

Radio Zwickau: Aktueller Bericht zum begonnenen Rückbau und zur Demontage der Rotorblätter, aktualisiert am 27. Juli 2026.