Bitterfeld-Wolfen. Der Chemiekonzern Evonik zieht sich aus Bitterfeld zurück. Das Werk soll Ende April 2027 geschlossen werden. Betroffen sind rund 40 Beschäftigte. Als Gründe nennt das Unternehmen schwierige Marktbedingungen, zunehmenden Wettbewerbsdruck aus Asien und eine seit längerer Zeit unzureichende Auslastung der Anlagen. Für die Chemieindustrie in Sachsen-Anhalt ist es der nächste schwere Rückschlag.
Am Standort Bitterfeld produziert Evonik hochreines Siliciumtetrachlorid. Der Stoff gehört zur Gruppe der Chlorsilane und wird unter anderem für die Herstellung von Mikrochips und Glasfaserkabeln benötigt.
Das Geschäft soll nach der Schließung des Werkes weitergeführt werden. Die Versorgung der Kunden werde künftig vor allem vom Evonik-Standort im baden-württembergischen Rheinfelden übernommen, teilte der Konzern mit.
Neben Bitterfeld will Evonik auch einen kleineren Standort in Hamburg mit rund 50 Beschäftigten schließen. Dort werden Produkte für die Kosmetik- und Körperpflegeindustrie hergestellt.
Evonik sieht keine wirtschaftliche Perspektive für Bitterfeld
Nach Angaben des Unternehmens wurde die Entscheidung erst nach der Prüfung verschiedener Möglichkeiten getroffen. Untersucht worden seien alternative Betriebskonzepte, eine Verkleinerung der Produktionskapazitäten, eine vorübergehende Stilllegung und ein möglicher Verkauf.
Keine dieser Varianten habe eine langfristig tragfähige wirtschaftliche Perspektive ergeben. Die Auslastung der Bitterfelder Anlagen sei bereits seit längerer Zeit zu gering gewesen, um die Produktion wirtschaftlich fortzuführen.
Als weiteren Grund nennt Evonik ein wachsendes Angebot aus Asien. Dadurch nehme der Wettbewerbsdruck auf dem Markt für hochreines Siliciumtetrachlorid zu.
Der Konzern bezeichnete die Schließung als notwendig, um seine Geschäfte und Produktionsstrukturen in Deutschland zu konzentrieren. Evonik wolle kleinere Standorte schließen und die Herstellung stärker an größeren Werken bündeln.
Rund 40 Beschäftigte verlieren ihren bisherigen Arbeitsplatz
Für die rund 40 Mitarbeiter in Bitterfeld beginnt eine Zeit großer Unsicherheit. Evonik kündigte an, in den kommenden Monaten gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretern nach möglichst sozialverträglichen Lösungen zu suchen.
Ob Beschäftigte an andere Evonik-Standorte wechseln können, Abfindungen erhalten oder vorzeitig aus dem Unternehmen ausscheiden müssen, ist bislang nicht bekannt. Konkrete Vereinbarungen sollen erst in den anstehenden Gesprächen ausgearbeitet werden.
„Diese Entscheidung ist uns nicht leichtgefallen. Wir wissen um die Bedeutung des Standorts für unsere Beschäftigten und die Region“, erklärte Emmanuel Auer, Leiter der Evonik-Geschäftslinie Smart Effects.
Die wirtschaftlichen Interessen des Konzerns ließen nach seiner Darstellung jedoch keine andere Entscheidung zu. Das Unternehmen sei verpflichtet, die langfristige Wettbewerbsfähigkeit des Geschäfts zu sichern.
Chemieindustrie in Sachsen-Anhalt unter wachsendem Druck
Die Schließung trifft eine Region, deren wirtschaftliche Entwicklung eng mit der chemischen Industrie verbunden ist. Bitterfeld, Leuna, Schkopau, Böhlen und weitere Standorte bilden gemeinsam das mitteldeutsche Chemiedreieck.
Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit sind dort rund 100 Unternehmen mit etwa 10.000 Beschäftigten ansässig. Viele Betriebe sind durch gemeinsame Versorgungsnetze und Lieferketten miteinander verbunden. Fällt ein Unternehmen aus, kann das deshalb auch Auswirkungen auf andere Produzenten haben.
Branchenvertreter warnen bereits seit einiger Zeit vor einem möglichen Dominoeffekt. Die Sorge besteht darin, dass sinkende Produktionsmengen die gemeinsam genutzte Infrastruktur verteuern und dadurch weitere Unternehmen unter Druck geraten könnten.
Evonik nennt für die Bitterfelder Entscheidung vor allem die internationale Marktlage und die geringe Auslastung. Die Schließung steht dennoch in einer Reihe weiterer Probleme, die den Chemiestandort Mitteldeutschland erschüttern.
Hunderte Arbeitsplätze in Leuna bereits verloren
Ende 2025 meldeten drei deutsche Tochterunternehmen des belgischen Chemiekonzerns Domo Chemicals Insolvenz an. Die Hoffnung, Teile der Anlagen in Leuna durch eine Nachfolgegesellschaft dauerhaft zu retten, hat sich inzwischen weitgehend zerschlagen.
Rund 400 Beschäftigte der Leuna Polyamid GmbH verlieren ihre Arbeitsplätze. Zuvor hatte Sachsen-Anhalt erhebliche Anstrengungen unternommen, um die Anlagen weiter betreiben und einen Investor finden zu können.
Auch der US-Chemiekonzern Dow hatte angekündigt, Teile seiner Anlagen in Schkopau und im sächsischen Böhlen bis Ende 2027 zu schließen. Damit stehen weitere Industriearbeitsplätze und Produktionskapazitäten in Mitteldeutschland auf dem Spiel.
Die einzelnen Entscheidungen haben unterschiedliche betriebswirtschaftliche Ursachen. Zusammengenommen zeigen sie jedoch, wie verletzlich der traditionsreiche Industriestandort geworden ist.
Werksschließung ist ein Warnsignal für die Landespolitik
Der Verlust von 40 Arbeitsplätzen erscheint im Vergleich zu den Beschäftigtenzahlen großer Chemiewerke zunächst begrenzt. Für Bitterfeld-Wolfen ist die Entscheidung trotzdem bedeutsam. Jede geschlossene Anlage schwächt den industriellen Verbund und verringert die Zahl gut bezahlter Facharbeitsplätze.
Besonders problematisch ist, dass die Produktion nicht vollständig verschwindet, sondern an einen größeren westdeutschen Standort verlagert wird. Bitterfeld verliert damit nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch industrielle Wertschöpfung und technologisches Wissen.
Die Landes- und Bundesregierung stehen vor der Aufgabe, die Wettbewerbsfähigkeit energieintensiver Betriebe zu verbessern. Dazu gehören bezahlbare und verlässlich verfügbare Energie, schnellere Genehmigungen, weniger Bürokratie und eine Infrastruktur, die industrielle Produktion dauerhaft ermöglicht.
Neue Förderprogramme und öffentlichkeitswirksame Zukunftsprojekte reichen nicht aus, wenn gleichzeitig bestehende Werke schließen. Industriepolitik muss sich daran messen lassen, ob Unternehmen tatsächlich produzieren, investieren und Beschäftigte halten.
Die Evonik-Schließung ist deshalb mehr als eine einzelne Unternehmensentscheidung. Sie ist ein weiteres Warnsignal aus dem mitteldeutschen Chemiedreieck. Bleibt es bei der gegenwärtigen Entwicklung, droht Sachsen-Anhalt Stück für Stück industrielle Substanz zu verlieren.
Quelle: Evonik Industries AG, Pressemitteilung vom 11. September 2026; MDR Sachsen-Anhalt, 13. September 2026,