Die Wut an den Tankstellen wächst. Rund 2,40 Euro kostet ein Liter Diesel derzeit im bundesweiten Durchschnitt. Energiesteuer, Mehrwertsteuer und CO₂-Preis summieren sich dabei auf mehr als einen Euro. Die Behauptung, nur 95 Cent seien der eigentliche Kraftstoff und alles andere kassiere der Staat, ist zwar rechnerisch zu grob. Der politische Kern der Kritik ist dennoch berechtigt: Berlin verdient an jedem Liter kräftig mit.
Für Millionen Menschen ist Tanken keine freiwillige Konsumentscheidung. Wer auf dem Land lebt, im Schichtdienst arbeitet, Angehörige versorgt oder täglich viele Kilometer zum Arbeitsplatz fahren muss, kann sein Auto nicht einfach stehen lassen.
Trotzdem behandelt die Politik Kraftstoff zunehmend wie ein Luxusgut, das beliebig verteuert werden könne. Das ist besonders in Ostdeutschland realitätsfern. Wo Busse selten fahren, Bahnstrecken fehlen und Arbeitsplätze über weite Entfernungen verteilt sind, ist das Auto Teil der elementaren Infrastruktur.
Mehr als ein Euro ist staatlich verursacht
Bei einem angenommenen Dieselpreis von 2,40 Euro je Liter ergibt sich ungefähr folgende Zusammensetzung:
PreisbestandteilBetrag je LiterEnergiesteuer47,04 CentCO₂-Kosten einschließlich Mehrwertsteuerrund 19 CentMehrwertsteuer auf den übrigen Verkaufspreisrund 38 CentSteuern und staatlich veranlasste Belastungen insgesamtrund 1,04 EuroKraftstoff, Verarbeitung, Transport und Unternehmensmargenrund 1,36 EuroDie Berechnung ist eine Momentaufnahme. Der genaue CO₂-Anteil hängt vom Preis der Emissionszertifikate ab. Der CO₂-Preis ist zudem juristisch keine klassische Steuer. Für den Autofahrer macht diese Unterscheidung an der Kasse jedoch keinen Unterschied: Er muss bezahlen.
Damit sind bei einem Dieselpreis von 2,40 Euro ungefähr 43 Prozent des Endpreises unmittelbar steuerlich oder staatlich verursacht. Bei einer Tankfüllung von 50 Litern entspricht das rund 52 Euro.
Ein Pendler, der jährlich 20.000 Kilometer fährt und dabei durchschnittlich 6,5 Liter auf 100 Kilometer verbraucht, zahlt allein über diese Preisbestandteile ungefähr 1.350 Euro im Jahr.
Die 95-Cent-Behauptung hat einen wahren Kern
Die oft verbreitete Aussage, lediglich 95 Cent eines Liters Diesel seien der eigentliche Warenpreis, während der Staat den gesamten Rest kassiere, stimmt beim aktuellen Preis von 2,40 Euro nicht. Der marktbedingte Anteil liegt derzeit deutlich höher.
Die Zahl von rund 95 Cent passt allerdings erstaunlich gut zur staatlich verursachten Belastung bei einem Dieselpreis von etwa 1,75 Euro, wie er vor der jüngsten Preiskrise üblich war. Damals entfielen je nach CO₂-Preis ungefähr 93 bis 96 Cent auf Energiesteuer, Mehrwertsteuer und CO₂-Kosten.
Die 95 Cent waren also nicht der reine Dieselpreis. Sie waren ungefähr der staatlich bestimmte Anteil. Die Behauptung verdreht die beiden Seiten der Rechnung – macht aber sichtbar, warum viele Autofahrer das Gefühl haben, an der Zapfsäule vor allem den Staat zu finanzieren.
Mehrwertsteuer auch auf staatliche Belastungen
Besonders schwer vermittelbar ist die Berechnung der Mehrwertsteuer. Sie wird auf den gesamten Nettopreis erhoben. In dieser Grundlage stecken auch die Energiesteuer und die an den Kunden weitergegebenen CO₂-Kosten.
Autofahrer zahlen damit faktisch Mehrwertsteuer auf bereits staatlich verursachte Preisbestandteile. Politisch lässt sich das mit dem geltenden Steuersystem erklären. Für Verbraucher wirkt es trotzdem wie eine zusätzliche Belastung auf eine Belastung.
Steigen Rohölpreis, Raffineriekosten oder Unternehmensmargen, steigen außerdem automatisch die Mehrwertsteuereinnahmen je Liter. Der Staat profitiert somit auch von einem höheren Marktpreis, ohne die Steuersätze verändern zu müssen.
Nicht jeder Cent landet beim Staat
Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Der gegenwärtige Preis von rund 2,40 Euro ist nicht allein das Werk der Bundesregierung. Rohölpreise, geopolitische Konflikte, Wechselkurse, Transportkosten, Raffineriekapazitäten und die Gewinnmargen der Mineralölwirtschaft beeinflussen den Preis erheblich.
Diesel ist in Deutschland zudem besonders abhängig von Importen. Der Kraftstoff wird auch in Industrie, Landwirtschaft und Transportwirtschaft eingesetzt und reagiert deshalb empfindlich auf internationale Krisen.
Wer ausschließlich den Staat verantwortlich macht, lässt einen großen Teil der Rechnung weg. Umgekehrt darf sich die Politik aber auch nicht hinter Weltmarkt und Mineralölkonzernen verstecken. Mehr als ein Euro je Liter bleibt politisch verursacht.
Polen und Tschechien zeigen den Preisunterschied
Wie groß die Belastung deutscher Autofahrer ist, zeigt der Vergleich mit den östlichen Nachbarländern. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes kostete Diesel am 7. September 2026 in Deutschland durchschnittlich 2,33 Euro je Liter.
In Polen waren es 1,98 Euro, in Tschechien 1,96 Euro. Diesel war dort damit 35 beziehungsweise 37 Cent günstiger. Nicht jeder Cent dieses Unterschieds lässt sich mit Steuern erklären. Dennoch zeigen die Zahlen, wie stark nationale Abgaben, Marktstrukturen und politische Entscheidungen den Endpreis beeinflussen.
Für Menschen in den ostdeutschen Grenzregionen ist die Differenz täglich sichtbar. Während Autofahrer in Sachsen, Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern hohe deutsche Preise zahlen, kostet derselbe Kraftstoff wenige Kilometer weiter deutlich weniger.
Die kurze Steuersenkung entlarvt die Ausreden
Dass die Bundesregierung den Preis entlasten kann, hat sie selbst bewiesen. Zwischen Mai und Juni 2026 wurde die Energiesteuer auf Diesel vorübergehend um 14,04 Cent je Liter gesenkt. Einschließlich der geringeren Mehrwertsteuer betrug die mögliche Entlastung rund 17 Cent.
Nach zwei Monaten lief die Maßnahme aus. Seitdem zahlen Autofahrer wieder den vollen Satz von 47,04 Cent Energiesteuer. Der zeitlich begrenzte Rabatt wirkte damit weniger wie eine dauerhafte Lösung als wie ein politisches Beruhigungsmittel.
Zwar setzen europäische Vorgaben einer vollständigen Abschaffung der Energiesteuer Grenzen. Innerhalb dieser Grenzen besitzt die Bundesregierung aber durchaus Handlungsspielraum. Die Behauptung, Berlin könne nichts tun, ist deshalb falsch.
Pendler brauchen Entlastung statt Belehrungen
Eine verantwortliche Politik müsste drei Dinge leisten: Sie müsste bei extremen Preissprüngen automatisch gegensteuern, die Abhängigkeit der Menschen vom Auto realistisch anerkennen und die CO₂-Einnahmen nachvollziehbar an die Bürger zurückgeben.
Denkbar wäre eine zeitlich befristete Senkung der Energiesteuer, sobald der bundesweite Durchschnittspreis eine festgelegte Grenze überschreitet. Zusätzlich könnten Pendler mit langen Arbeitswegen eine direkte Entlastung erhalten, von der auch Menschen mit niedrigen Einkommen profitieren.
Gleichzeitig müssen Raffinerien und Mineralölkonzerne ihre Preisbildung transparenter machen. Eine Steuersenkung darf nicht unbemerkt in höheren Unternehmensmargen verschwinden. Staat und Konzerne müssen gleichermaßen erklären, welcher Anteil des Preises wohin fließt.
Das Auto ist im Osten kein Luxus
Der Staat kann den Ausstoß von Kohlendioxid bepreisen. Er darf dabei aber nicht ignorieren, dass Millionen Menschen keine praktikable Alternative zum Auto haben. Wer Mobilität verteuert, bevor zuverlässige Alternativen vorhanden sind, betreibt keine sozial ausgewogene Klimapolitik.
Gerade im ländlichen Ostdeutschland wird das Auto zur Melkkuh einer Politik, die von gut ausgebauten Verkehrsnetzen redet, während Busverbindungen gestrichen, Bahnstrecken stillgelegt und Arbeitswege länger werden.
Die Parole von der vollständigen staatlichen „Abzocke“ ist rechnerisch falsch. Die Empörung dahinter ist es nicht. Mehr als ein Euro staatlich verursachte Belastung je Liter Diesel ist kein Nebeneffekt. Es ist das Ergebnis politischer Entscheidungen.
Wer den Bürgern diese Rechnung zumutet, muss ihnen mehr anbieten als Appelle zum Umsteigen. Pendler sind keine Geldautomaten der Klima- und Haushaltspolitik.
Quelle: ADAC, Kraftstoffpreisentwicklung und Preiszusammensetzung, Stand September 2026; Statistisches Bundesamt, europäischer Kraftstoffpreisvergleich vom 10. September 2026; Bundesministerium der Finanzen, Angaben zur befristeten Energiesteuersenkung 2026; Bundesumweltministerium, Angaben zum nationalen CO₂-Preis 2026