Bei immer mehr Kindern und Jugendlichen in Sachsen wird eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung diagnostiziert. Nach einer Hochrechnung der DAK-Gesundheit erhielten 2024 rund 6.400 junge Menschen erstmals eine entsprechende Diagnose. Das waren sieben Prozent mehr als im Jahr zuvor.
Damit fällt die Zunahme in Sachsen allerdings geringer aus als im bundesweiten Durchschnitt. Deutschlandweit stieg die Zahl der Neudiagnosen nach Angaben der Krankenkasse innerhalb eines Jahres um 16 Prozent.
Grundlage der sächsischen Sonderanalyse sind Abrechnungsdaten von rund 19.100 Kindern und Jugendlichen bis einschließlich 17 Jahren, die bei der DAK-Gesundheit versichert sind. Ausgewertet wurden die Daten durch ein Wissenschaftsteam des Analyseunternehmens Vandage und der Universität Bielefeld.
Rund 4.700 Jungen erhalten neue ADHS-Diagnose
Deutliche Unterschiede zeigen sich zwischen den Geschlechtern. Von den hochgerechnet rund 6.400 Neudiagnosen entfielen etwa 4.700 auf Jungen und rund 1.600 auf Mädchen. Damit erhielten mehr als doppelt so viele Jungen wie Mädchen erstmals eine ADHS-Diagnose.
Bei der Entwicklung gegenüber dem Vorjahr zeigt sich jedoch ein anderes Bild. Während die Zahl der Neudiagnosen bei Jungen um sechs Prozent stieg, betrug die Zunahme bei Mädchen elf Prozent.
Charlotte Ballauf, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Städtischen Klinikum Dresden, spricht von einem Erkenntnisrückstand bei Mädchen. ADHS werde bei ihnen in jüngeren Jahren häufig übersehen. Erst im Jugendalter könnten dann deutliche Folgen sichtbar werden.
Nach Angaben der Ärztin werden in der Dresdner Klinik unter anderem Mädchen behandelt, deren ADHS bereits während der Grundschulzeit unentdeckt geblieben sei. Einige von ihnen litten später unter Erschöpfung, psychosomatischen Beschwerden oder längeren Fehlzeiten in der Schule. Durch eine frühere Diagnose hätten sich manche dieser Entwicklungen möglicherweise verhindern oder zumindest abmildern lassen.
Sachsen liegt unter dem bundesweiten Durchschnitt
Insgesamt werden in Sachsen 3,5 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen drei und 17 Jahren aufgrund einer ADHS-Diagnose medizinisch betreut. Bundesweit beträgt der entsprechende Anteil nach Angaben der DAK 5,2 Prozent.
Der niedrigere Wert bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass ADHS in Sachsen tatsächlich deutlich seltener auftritt. Die ausgewerteten Abrechnungsdaten erfassen nur Kinder und Jugendliche, die medizinisch untersucht und behandelt wurden. Nicht erkannte oder noch nicht abgeklärte Fälle erscheinen in der Statistik nicht.
Auch die steigende Zahl der Diagnosen lässt allein keinen sicheren Rückschluss darauf zu, dass heute mehr Kinder an ADHS erkranken als früher. Möglich sind ebenso nachgeholte Untersuchungen, eine größere Aufmerksamkeit für die Erkrankung und eine verbesserte Erkennung bislang übersehener Fälle.
Fachärztin vermutet Nachholeffekt nach Corona-Zeit
Charlotte Ballauf hält einen Zusammenhang mit der Corona-Pandemie für möglich. Während des zeitweisen Homeschoolings seien manche Auffälligkeiten im Schulalltag weniger sichtbar gewesen. Untersuchungen und Diagnosen könnten deshalb aufgeschoben und später nachgeholt worden sein.
Gerade Lehrkräfte erleben Kinder regelmäßig in größeren Gruppen und können beobachten, ob Konzentrationsprobleme, starke Impulsivität oder ausgeprägte Unruhe über längere Zeit auftreten. Während der Schulschließungen und des Distanzunterrichts fiel diese alltägliche Vergleichsmöglichkeit zeitweise weg.
Ob der derzeitige Anstieg lediglich ein vorübergehender Nachholeffekt ist oder sich die Entwicklung in den kommenden Jahren fortsetzt, lässt sich aus den bislang vorliegenden Zahlen nicht ableiten.
Unaufmerksamkeit allein ist noch keine ADHS
ADHS gehört nach Angaben der DAK zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im Kindesalter. Als typische Merkmale gelten starke Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Die Ausprägung kann sich jedoch von Kind zu Kind deutlich unterscheiden.
Gelegentliche Unruhe, Vergesslichkeit oder Konzentrationsprobleme reichen für eine Diagnose nicht aus. Solche Verhaltensweisen können im Kindes- und Jugendalter zahlreiche Ursachen haben und vorübergehend auftreten.
Eine fachliche Abklärung ist vor allem dann sinnvoll, wenn Auffälligkeiten über einen längeren Zeitraum bestehen, in unterschiedlichen Lebensbereichen auftreten und Schule, Familie oder soziale Beziehungen erheblich beeinträchtigen. Ansprechpartner können zunächst Kinder- und Jugendärzte sein. Je nach Befund werden weitere Fachstellen einbezogen.
Die aktuellen Zahlen zeigen deshalb zweierlei: In Sachsen erhalten mehr junge Menschen Zugang zu einer Diagnose und damit möglicherweise zu geeigneter Unterstützung. Gleichzeitig bleibt insbesondere bei Mädchen die Gefahr bestehen, dass eine ADHS erst erkannt wird, wenn bereits erhebliche schulische oder gesundheitliche Probleme entstanden sind.
Quelle: DAK-Gesundheit, Kinder- und Jugendreport, Sonderanalyse Sachsen auf Grundlage der Abrechnungsdaten für 2024; Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit