Sachsens Polizei setzt bei schwierigen Ermittlungen verstärkt auf Menschen mit einem außergewöhnlichen Gedächtnis für Gesichter. Sechs sogenannte „Super Recognizer“ arbeiten inzwischen hauptamtlich im Freistaat. Sie können Personen selbst auf unscharfen Aufnahmen oder bei teilweiser Vermummung wiedererkennen.

Das Spezialteam besteht aus drei Frauen und drei Männern. Hinzu kommen weitere entsprechend befähigte Polizeibeschäftigte, die regulär in anderen Bereichen eingesetzt werden. Die Wiedererkenner sind auf die Polizeidirektionen Chemnitz, Dresden und Leipzig verteilt.

Seit 2022 nutzt die sächsische Polizei diese besondere Fähigkeit systematisch für Ermittlungen. Nun wird geprüft, ob künftig weitere Spezialisten ausgebildet und eingesetzt werden sollen.

Kleinste Gesichtspartien können zur Identifizierung genügen

Die Wiedererkenner werten vor allem Foto- und Videoaufnahmen von Straftaten aus. Dabei achten sie nicht nur auf ein vollständiges Gesicht. Unter Umständen reichen einzelne sichtbare Merkmale wie die Stirn, die Augenpartie oder Teile der Nase aus, um eine Person wiederzuerkennen.

Ihre Fähigkeiten können insbesondere bei Aufnahmen von Überwachungskameras, Mobiltelefonen oder sozialen Netzwerken wichtig werden. Die Spezialisten unterstützen außerdem bei der Identifizierung vermisster, unbekannter oder verstorbener Menschen.

Nicht jeder Mensch mit einem guten Namens- oder Personengedächtnis eignet sich für diese Aufgabe. Die sächsischen Wiedererkenner mussten einen umfangreichen Test der Universität Greenwich in Großbritannien bestehen. Dabei wird geprüft, wie zuverlässig die Teilnehmer Gesichter erfassen, unterscheiden und später wiedererkennen können.

„Super Recognizer“ identifizierten 33 Tatverdächtige

Einen größeren Fahndungserfolg erzielten die sächsischen Spezialisten nach Ausschreitungen am Rande eines Fußballspiels von Dynamo Dresden im Mai 2021. Auf den ausgewerteten Videoaufnahmen waren zahlreiche Beteiligte vermummt oder nur teilweise zu sehen.

Dennoch gelang es den Wiedererkennern nach Angaben der Polizei, 33 mutmaßliche Beteiligte zu identifizieren. In mehreren Fällen waren lediglich kleine Bereiche des Gesichts erkennbar.

Gerade bei großen Menschenansammlungen müssen die Spezialisten umfangreiches Bildmaterial durchsuchen. Sie vergleichen auffällige Personen über verschiedene Aufnahmen hinweg und achten dabei auf individuelle Merkmale.

Sachsen prüft Ausbau des Spezialteams

Großbritannien gilt als Vorreiter beim Einsatz von „Super Recognizern“. In Deutschland nutzen Sicherheitsbehörden diese Fähigkeit seit etwas mehr als zehn Jahren. Größere Bedeutung erhielt sie nach den Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht 2015 in Köln, als große Mengen an Videoaufnahmen ausgewertet werden mussten.

Die sächsische Polizei will nun untersuchen, ob es unter ihren Beschäftigten weitere Menschen mit einem außergewöhnlichen Wiedererkennungsvermögen gibt. Ein Ausbau könnte die Ermittlungsarbeit insbesondere bei Ausschreitungen, Serienkriminalität und der Auswertung großer Bildmengen unterstützen.

Die endgültige Identifizierung eines Tatverdächtigen bleibt Teil der polizeilichen Ermittlungen. Das Wiedererkennen durch einen Spezialisten liefert zunächst einen Hinweis, der anschließend mit weiteren Erkenntnissen und Beweismitteln abgeglichen werden muss.

Quelle: Polizei Sachsen, aktuelle Angaben zum Einsatz von „Super Recognizern“ vom 12. September 2026; Polizeipräsidium für Service und IT