Windräder und Solaranlagen produzieren in Teilen Ostdeutschlands große Mengen Strom. Trotzdem zahlen Haushalte und Unternehmen vor Ort nicht automatisch weniger. Eine neue Forderung aus Sachsen-Anhalt stellt deshalb das bisherige deutsche Strompreissystem infrage.

Grünen-Politikerin fordert Initiative der Länder

Sachsen-Anhalts Grünen-Spitzenkandidatin Susan Sziborra-Seidlitz spricht sich für regionale Strompreiszonen aus. Strom solle dort günstiger angeboten werden können, wo er kostengünstig aus erneuerbaren Energien erzeugt werde.

Nach ihrer Vorstellung könnte Sachsen-Anhalt gemeinsam mit Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen eine eigene Preiszone bilden. Die betreffenden Länder sollten dazu eine gemeinsame Initiative auf Bundesebene starten.

Sziborra-Seidlitz verbindet den Vorschlag mit dem Versprechen, Verbraucher und Unternehmen in den Erzeugerregionen zu entlasten. Sachsen-Anhalt produziert zeitweise deutlich mehr erneuerbaren Strom, als im Land selbst verbraucht wird.

Deutschland hat bislang einen einheitlichen Börsenstrompreis

Deutschland und Luxemburg bilden gegenwärtig eine gemeinsame Stromgebotszone. Innerhalb dieses Gebietes gilt im Stromgroßhandel grundsätzlich derselbe Börsenpreis – unabhängig davon, ob der Strom in Sachsen-Anhalt, Brandenburg oder Bayern erzeugt wird.

Das führt dazu, dass reichlich vorhandener Windstrom im Norden und Osten den regionalen Preis nicht unmittelbar senkt. Sind die Leitungen in andere Landesteile ausgelastet, müssen Kraftwerke oder Windanlagen teilweise heruntergeregelt und andere Erzeugungsanlagen an anderer Stelle hochgefahren werden.

Diese sogenannten Redispatch-Maßnahmen verursachen zusätzliche Kosten. Regionale Preiszonen sollen solche Netzengpässe stärker im Strompreis abbilden und Investitionen dorthin lenken, wo ausreichend Energie verfügbar ist.

Niedrige Börsenpreise kommen nicht vollständig beim Haushalt an

Ob eine ostdeutsche Strompreiszone tatsächlich zu deutlich niedrigeren Rechnungen führen würde, ist allerdings offen.

Der Börsenstrompreis bildet nur einen Teil des Endpreises. Nach Angaben der Bundesnetzagentur entfallen bei Haushaltskunden erhebliche Anteile zusätzlich auf Netzentgelte, Steuern, Umlagen, Messkosten, Vertrieb und die Marge des Versorgers.

Ein niedrigerer regionaler Großhandelspreis würde deshalb nicht eins zu eins auf der Stromrechnung ankommen. Besonders Haushalte mit langfristigen oder festen Tarifen könnten eine Veränderung erst mit Verzögerung bemerken.

Für energieintensive Unternehmen könnte ein regional günstigerer Börsenpreis dagegen stärker ins Gewicht fallen. Eine solche Zone könnte Industrieansiedlungen in Regionen mit hoher Stromproduktion attraktiver machen.

Netzentgelte im Osten wurden bereits teilweise entlastet

Von regionalen Strompreiszonen zu unterscheiden sind die Netzentgelte. Sie finanzieren den Bau, Betrieb und die Instandhaltung der Stromnetze und unterscheiden sich bereits heute regional.

Regionen mit starkem Ausbau von Wind- und Solarenergie waren lange besonders belastet, weil vergleichsweise wenige Einwohner hohe Ausbaukosten tragen mussten. Seit 2025 werden diese Kosten stärker bundesweit verteilt. Dadurch sanken die Netzentgelte in mehreren stark von erneuerbaren Energien geprägten Regionen.

Die Bundesnetzagentur betont allerdings, dass Energieversorger diese Vorteile auch tatsächlich an ihre Kunden weitergeben müssen.

Bundesregierung will einheitliche Preiszone erhalten

Die Bundesregierung stellt sich bislang gegen eine Aufteilung. Das Bundeswirtschaftsministerium veröffentlichte Ende 2025 einen Aktionsplan zum Erhalt der einheitlichen deutsch-luxemburgischen Stromgebotszone.

Als Vorteile nennt das Ministerium einen liquiden gemeinsamen Strommarkt, einheitliche Wettbewerbsbedingungen und die Nutzung der jeweils günstigsten Erzeugungsmöglichkeiten innerhalb Deutschlands.

Kritiker regionaler Zonen warnen zudem vor steigenden Preisen im Süden und Westen, wirtschaftlichen Verwerfungen sowie zusätzlichen Unsicherheiten für Unternehmen. Befürworter halten dagegen, dass das bestehende System Netzengpässe und die tatsächliche regionale Verfügbarkeit von Energie verschleiere.

Energiepolitischer Konflikt zwischen Nord und Süd

Hinter der Debatte steht ein wachsender Interessenkonflikt. Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern stellen große Flächen für Wind- und Solarenergie sowie die notwendigen Netze bereit.

Viele Einwohner erwarten deshalb einen erkennbaren wirtschaftlichen Vorteil für ihre Region. Hohe Strompreise trotz sichtbarer Windparks werden zunehmend als ungerecht empfunden.

Süddeutsche Länder fürchten dagegen, dass eine Aufteilung ihre Unternehmen mit höheren Energiekosten belasten könnte. Damit ist die Frage regionaler Strompreise nicht nur eine technische Reform des Energiemarktes, sondern auch ein Verteilungskonflikt zwischen den Bundesländern.

Ob Verbraucher im Osten am Ende tatsächlich deutlich weniger zahlen würden, hängt von der konkreten Ausgestaltung ab. Klar ist jedoch: Die Forderung dürfte den Streit darüber verschärfen, wer von der Energiewende profitiert und wer ihre Kosten trägt.

Quellen

MDR Aktuell – „Grüne-Spitzenkandidatin fordert regionale Strompreiszonen“, veröffentlicht am 4. August 2026

Bundesministerium für Wirtschaft und Energie – Aktionsplan zum Erhalt der einheitlichen deutsch-luxemburgischen Stromgebotszone, veröffentlicht am 15. Dezember 2025

Bundesnetzagentur – Informationen zur Verteilung der Netzkosten und zu niedrigeren Netzentgelten in Regionen mit hohem Ausbau erneuerbarer Energien

Bundesnetzagentur – Zusammensetzung des Strompreises für Haushaltskunden