Rostock. Warnemünde soll weit mehr bleiben als Kreuzfahrthafen, Ostseebad und touristisches Aushängeschild. Rostock arbeitet daran, den traditionsreichen Hafenstandort langfristig zu einem Zentrum für maritime Wirtschaft, Offshore-Windenergie und neue Energietechnologien auszubauen.
Am Montag steht dabei der nächste Schritt an: Mecklenburg-Vorpommerns Wirtschaftsminister Wolfgang Blank hat für Warnemünde die Übergabe von Zuwendungsbescheiden an Rostocks Oberbürgermeisterin Eva-Maria Kröger angekündigt.
Gefördert werden sollen gleich drei Projekte: der Hafenentwicklungsplan 2050, eine Potenzialstudie zum Offshore-Windausbau und der zweite Bauabschnitt der Neubrandenburger Straße. Die Übergabe war für 11 Uhr direkt an der Baustelle des ehemaligen Warnemünder Werftbeckens vorgesehen.
Rostock plant seinen Hafen bis zum Jahr 2050
Mit dem neuen Hafenentwicklungsplan richtet Rostock den Blick ungewöhnlich weit nach vorn.
Häfen stehen in den kommenden Jahrzehnten vor tiefgreifenden Veränderungen. Klassischer Güterumschlag, Kreuzfahrt und Fährverkehr bleiben wichtig. Gleichzeitig wächst der Bedarf an Hafenflächen für Offshore-Windenergie, neue Energieträger, maritime Dienstleistungen und industrielle Produktion.
Genau hier soll die Potenzialstudie zum Offshore-Windausbau ansetzen. Sie soll untersuchen, welche Rolle Rostocks Hafen künftig beim Ausbau der Windenergie auf der Ostsee übernehmen kann.
Der Zeitpunkt ist entscheidend: Vor den deutschen Küsten entstehen weitere Offshore-Windparks. Dafür werden Häfen benötigt, in denen große Komponenten zwischengelagert, montiert, gewartet und auf Spezialschiffe verladen werden können.
Für Rostock geht es deshalb nicht nur um Energiepolitik. Es geht um einen Wettbewerb zwischen Hafenstandorten um Investitionen, Unternehmen und Arbeitsplätze.
Aus altem Werftbecken wird neuer Gewerbepark
Wie ernst Rostock diesen Wandel nimmt, zeigt sich besonders deutlich in Warnemünde.
Das ehemalige Werftbecken am Passagierkai wird zu einem maritimen Gewerbepark für nachhaltige Energietechnologien umgebaut. Im Juni wurde mit dem ersten Rammschlag die eigentliche Bauphase eingeläutet.
Das Investitionsvolumen liegt nach Angaben der Stadt bei mehr als 100 Millionen Euro. Damit handelt es sich um die zweitgrößte Hafeninfrastrukturmaßnahme der jüngeren Rostocker Geschichte nach der Ansiedlung von Liebherr im Überseehafen.
Landesweit zählt das Vorhaben ebenfalls zu den größten aktuellen Infrastrukturinvestitionen Mecklenburg-Vorpommerns.
Drei neue Liegeplätze und große Vorstellflächen
Das Projekt geht weit über eine Sanierung des alten Werftgeländes hinaus.
Geplant sind unter anderem die neuen Liegeplätze P09, P10 und P11. Hinzu kommen Vorstell- und Arbeitsflächen sowie Baggerarbeiten im Hafenbecken.
Damit sollen Voraussetzungen geschaffen werden, um maritime Unternehmen und Betriebe aus dem Bereich der nachhaltigen Energietechnologien anzusiedeln. Das frühere Werftareal bekommt damit eine völlig neue wirtschaftliche Funktion.
Im Rostocker Doppelhaushalt 2026/27 sind allein für das Werftbecken Auszahlungen von 60,6 Millionen Euro vorgesehen. Davon sollen 19,3 Millionen Euro durch Fördermittel gedeckt werden.
Offshore-Wind könnte Warnemünde neue Industrie bringen
Besonders interessant ist die Verbindung des Gewerbeparks mit der jetzt angekündigten Offshore-Studie.
Bislang ist noch offen, welchen konkreten Umfang ein künftiger Offshore-Standort in Warnemünde erreichen könnte. Gerade das soll näher untersucht werden.
Fest steht jedoch: Rostock verfügt mit seinen Hafenflächen, der direkten Ostseelage und seiner maritimen Industrie über Voraussetzungen, die im Wettbewerb um Offshore-Projekte wertvoll sind.
Das Land Mecklenburg-Vorpommern baut gleichzeitig die Netzinfrastruktur für weitere Windparks in der Ostsee aus. Beim Projekt OSTWIND 4 ist beispielsweise eine neue Netzanbindung für einen Offshore-Windpark vorgesehen. Die Energie soll über eine Landtrasse und eine Konverteranlage in das deutsche Übertragungsnetz eingespeist werden.
Die entscheidende wirtschaftliche Frage lautet deshalb: Wie viel der Wertschöpfung aus dem Offshore-Ausbau bleibt künftig tatsächlich in Mecklenburg-Vorpommern?
Warnemünde zwischen Tourismus und Industrie
Die Entwicklung ist für Warnemünde besonders anspruchsvoll.
Kaum ein anderer Ortsteil Rostocks vereint auf engem Raum so unterschiedliche Interessen: Wohnort, Ostseebad, Kreuzfahrthafen, Bahnhof, Fähr- und Hafeninfrastruktur sowie maritime Wirtschaft treffen unmittelbar aufeinander.
Die Stadt selbst hat deshalb die Entwicklung des Werftbeckens zu einem der Schwerpunkte ihres Handlungs- und Maßnahmenkonzeptes für Warnemünde gemacht.
Das Areal soll künftig insbesondere für maritime Wirtschaft im Energiebereich genutzt werden. Gleichzeitig soll die Mittelmole zu einem modernen maritimen Quartier entwickelt und besser mit Bahnhof, Hafen und Ortszentrum verbunden werden.
Auch Straßenanbindung wird ausgebaut
Zur langfristigen Hafen- und Wirtschaftsentwicklung gehört auch die Verkehrsinfrastruktur.
Deshalb umfasst die heutige Förderkulisse ebenfalls den zweiten Bauabschnitt der Neubrandenburger Straße in Rostock.
Die Straße wird zwischen Bahnübergang und dem Knoten Tessiner Straße/Mühlendamm grundlegend ausgebaut. Neben der Fahrbahn werden Radverkehrsanlagen, Querungsstellen und barrierefreie Bushaltestellen neu gestaltet. Gleichzeitig erneuern Nordwasser und die Stadtwerke Leitungen für Trink-, Schmutz- und Regenwasser sowie Fernwärme.
Die Arbeiten sollen nach derzeitiger Planung bis 2028 laufen.
Entscheidung fällt im Wettbewerb der Ostseehäfen
Rostock hat mit dem Werftbecken bereits ein großes Infrastrukturprojekt gestartet. Der Hafenentwicklungsplan 2050 und die Offshore-Potenzialstudie sollen nun klären, wie daraus langfristig ein größerer Wirtschaftsstandort entstehen kann.
Die Chancen sind erheblich. Offshore-Windenergie benötigt Häfen, Flächen, Spezialunternehmen, Logistik und Fachkräfte.
Doch auch andere Häfen an Nord- und Ostsee wollen von diesem Geschäft profitieren.
Für Rostock entscheidet sich deshalb in den kommenden Jahren, ob Warnemünde tatsächlich zu einer wichtigen Drehscheibe der Offshore-Industrie wird – oder ob ein großer Teil der Wertschöpfung an anderen Hafenstandorten entsteht.