Das Städtische Klinikum Görlitz setzt im Kampf gegen den Fachkräftemangel auf Nachwuchs aus dem Ausland. Seit September absolvieren vier junge Menschen aus Vietnam dort eine Ausbildung zur Pflegefachkraft. Damit sie nicht nach kurzer Zeit in eine größere Stadt weiterziehen, unterstützt sie der Görlitzer Gründer Tim Demski im Alltag.

Anwerbung allein reicht nicht

Hang, Dung, Duc und Luong leben seit rund drei Monaten in Görlitz. Der Start in Deutschland bedeutet für sie nicht nur eine neue Ausbildung, sondern auch eine fremde Sprache, komplizierte Behördengänge und zahlreiche kulturelle Unterschiede.

Demski begleitet die Auszubildenden deshalb unter anderem zum Einwohnermeldeamt. Solche scheinbar kleinen Hilfen können darüber entscheiden, ob sich neue Fachkräfte an einem Ort willkommen fühlen – oder ihn nach kurzer Zeit wieder verlassen.

Nach Demskis Erfahrungen haben andere Unternehmen teilweise acht Pflegekräfte aus dem Ausland angeworben, von denen schließlich nur zwei oder drei geblieben seien. Einige wechselten in größere Städte. Für die Kliniken ist das ein erhebliches Problem, denn Rekrutierung, Sprachkurse und Ausbildung kosten Zeit und Geld.

Betreuung soll zwei Jahre dauern

Mit seinem Unternehmen JobVenture will Demski ausländische Arbeitskräfte nicht nur vermitteln, sondern anschließend vor Ort begleiten. Die Betreuung umfasst Alltagsfragen, Behördenkontakte und die soziale Integration.

Demski ermutigt die Auszubildenden beispielsweise, Vereine zu besuchen. Beim ersten Training begleitet er sie auf Wunsch. Zwei der vietnamesischen Azubis spielen inzwischen Badminton. Neben neuen Kontakten soll das auch dabei helfen, die deutsche Sprache außerhalb des Klinikalltags zu festigen.

Für das Görlitzer Klinikum begleitet JobVenture nach eigenen Angaben jährlich 15 Auszubildende. Sie kommen nicht nur aus Vietnam, sondern auch aus dem Iran, Marokko und Tunesien. Zu den weiteren Kunden gehören das Klinikum Oberlausitzer Bergland mit seinen Standorten Zittau und Ebersbach sowie der Görlitzer Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes.

Missverständnisse entstehen schnell

Selbst nach Sprachkursen bleiben Verständigungsprobleme nicht aus. Hinzu kommen unterschiedliche gesellschaftliche Gewohnheiten. Direkter Blickkontakt gilt in Deutschland häufig als Zeichen von Aufmerksamkeit und Respekt. In Vietnam kann er in bestimmten Situationen dagegen als unhöflich empfunden werden.

JobVenture will deshalb nicht nur die ausländischen Auszubildenden vorbereiten. Auch die deutschen Teams sollen für kulturelle Unterschiede sensibilisiert werden. Integration ist schließlich keine Aufgabe, die ausschließlich bei den Neuankömmlingen abgeladen werden kann.

Demski entwickelte die Geschäftsidee während seines Studiums an der Hochschule Zittau-Görlitz. Geprägt wurde er auch durch seine Mutter, die in der Altenpflege arbeitete. Nach dem Abschluss seines Studiums der Kommunikationspsychologie will er sich vollständig auf sein Unternehmen konzentrieren.

Görlitz muss Fachkräften eine Perspektive geben

Die vier vietnamesischen Auszubildenden äußern sich bislang positiv über Görlitz, die Natur und ihre Kollegen im Krankenhaus. Einer von ihnen will zunächst mindestens fünf Jahre in Deutschland bleiben. Ob daraus eine dauerhafte Bindung an die Region entsteht, ist offen.

Das Beispiel zeigt dennoch einen wichtigen Unterschied: Internationale Fachkräfte lediglich anzuwerben, ist vergleichsweise einfach. Ihnen eine berufliche und persönliche Perspektive zu geben, ist die eigentliche Aufgabe.

Gerade ostdeutsche Mittelstädte können dabei mit kurzen Wegen, bezahlbarem Wohnraum und einem überschaubaren Umfeld punkten. Diese Vorteile wirken jedoch nur, wenn Behörden, Arbeitgeber und Stadtgesellschaft den neuen Einwohnern den Einstieg erleichtern. Görlitz versucht genau das – aus wirtschaftlicher Notwendigkeit und mit der Chance, dauerhaft neue Mitbürger zu gewinnen.