GÖRLITZ. Essstörungen lassen sich nicht allein am Körpergewicht erkennen. Viele Betroffene verbergen ihre Erkrankung über einen langen Zeitraum und suchen erst spät professionelle Unterstützung. Mit einem öffentlichen Vortrag will das Städtische Klinikum Görlitz über psychische Ursachen, unterschiedliche Krankheitsbilder und einen sensiblen Umgang mit Betroffenen informieren.

Drei unterschiedliche Krankheitsbilder

Die Veranstaltung trägt den Titel „Mehr als nur Körpergewicht – die psychischen Ursachen von Essstörungen“. Referentin ist Sina Ulrich, Chefärztin der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Städtischen Klinikum Görlitz.

Im Mittelpunkt stehen Anorexie, Bulimie und Binge-Eating. Die Erkrankungen unterscheiden sich nicht nur in ihren sichtbaren Merkmalen, sondern auch in den möglichen psychischen Mechanismen. Der Vortrag geht unter anderem der Frage nach, wann eine Diät oder eine bewusste Kontrolle der Ernährung in ein krankhaftes Verhalten übergehen kann.

Bei einer Anorexie können Kontrolle und die Angst vor einem Kontrollverlust eine wichtige Rolle spielen. Menschen mit Bulimie oder Binge-Eating erleben dagegen häufig starke innere Spannungen und wiederkehrende Essanfälle. Bei einer Bulimie kommen Maßnahmen hinzu, mit denen die Betroffenen die aufgenommene Nahrung oder eine befürchtete Gewichtszunahme ausgleichen wollen.

Essen lässt sich nicht vermeiden

Die Behandlung von Essstörungen ist besonders schwierig, weil Essen ein notwendiger Bestandteil des täglichen Lebens ist. Anders als bei Alkohol oder Zigaretten können Betroffene nicht vollständig darauf verzichten. Sie müssen einen langfristig tragfähigen und gesunden Umgang mit Nahrung entwickeln.

Essstörungen können nach Angaben des Klinikums ein Versuch sein, schwer auszuhaltende Gefühle oder belastende Erfahrungen zu regulieren. Essen, Nichtessen und die Kontrolle des eigenen Körpers erhalten dann eine psychische Funktion, die von außen kaum zu erkennen ist.

Chefärztin Sina Ulrich betont, dass eine Essstörung keine Folge mangelnder Disziplin sei. Hinter der Erkrankung stünden häufig erhebliche seelische Belastungen. Viele Betroffene benötigten Zeit und Unterstützung, bevor sie über ihre Situation sprechen und Hilfe annehmen könnten.

Scham erschwert die Suche nach Hilfe

Scham, Angst vor einer Bewertung und die Sorge, die Kontrolle zu verlieren, können den Zugang zu professioneller Unterstützung erschweren. Manche Erkrankte versuchen deshalb lange, ihr Verhalten vor Angehörigen, Freunden oder Kollegen zu verbergen.

Auch für nahestehende Menschen ist die Situation schwierig. Sie bemerken möglicherweise Veränderungen, wissen aber nicht, wie sie das Thema ansprechen sollen. Bemerkungen über Gewicht, Körperform oder Aussehen können zusätzlichen Druck auslösen und die Betroffenen verletzen.

Der Vortrag soll deshalb auch Angehörigen und Freunden Hinweise für einen sensiblen Umgang geben. Zudem wird erläutert, welche Veränderungen aufmerksam machen können und wie ein Gespräch begonnen werden kann, ohne Vorwürfe zu erheben oder die betroffene Person weiter zu beschämen.

Vortrag beginnt um 17.30 Uhr

Ziel der Veranstaltung ist es, Wissen zu vermitteln, Berührungsängste abzubauen und Betroffene zur Suche nach Unterstützung zu ermutigen. Bei wachsendem Leidensdruck können Hausärzte, psychotherapeutische Praxen und Institutsambulanzen erste Ansprechpartner sein.

Der Vortrag findet am Mittwoch, 16. September 2026, um 17.30 Uhr im Konferenzzentrum des Städtischen Klinikums Görlitz statt. Veranstaltungsort ist das Klinikgelände in der Girbigsdorfer Straße 1 bis 3.

Mit der Veranstaltung macht das Klinikum deutlich, dass Essstörungen ernst zu nehmende Erkrankungen sind. Entscheidend ist nicht, ob ein Problem für Außenstehende sofort sichtbar wird. Betroffene benötigen ein Umfeld, das Warnzeichen ernst nimmt, nicht vorschnell urteilt und den Weg zu fachlicher Unterstützung erleichtert.

Quelle

Städtisches Klinikum Görlitz, Pressemitteilung „Mehr als nur Körpergewicht: Vortrag über die psychischen Ursachen von Essstörungen