Die deutsche Offshore-Windindustrie steckt in einem widersprüchlichen Dilemma: Während die Bundesregierung einen massiven Ausbau der Windenergie auf See anstrebt, fehlen wichtigen Herstellern konkrete Aufträge. Davon ist auch der Rostocker Fundamentproduzent EEW betroffen. Das Unternehmen beschäftigt am Standort rund 1.000 Menschen.
EEW fertigt große Stahlfundamente für Windenergieanlagen auf See. Die gewaltigen Bauteile gehören zu den zentralen Komponenten eines Offshore-Windparks und müssen lange vor der eigentlichen Errichtung der Windräder produziert werden.
Nach einem Bericht des NDR war das Rostocker Unternehmen bislang vollständig ausgelastet. Inzwischen fehlen jedoch Anschlussaufträge. Wie groß die Auftragslücke ist und welchen Zeitraum sie betrifft, wurde zunächst nicht öffentlich beziffert.
Konkrete Ankündigungen zu einem Stellenabbau liegen bislang ebenfalls nicht vor. Dennoch ist die Entwicklung für Rostock und die maritime Industrie in Mecklenburg-Vorpommern von erheblicher Bedeutung.
Milliardenprojekte bleiben in der Warteschleife
Die Lage bei EEW zeigt, dass politische Ausbauziele nicht automatisch zu gefüllten Auftragsbüchern führen. Entscheidend ist, ob Projektentwickler tatsächlich investieren und verbindliche Bestellungen bei Herstellern auslösen.
Nach Angaben mehrerer Branchenverbände waren Ende Juni 2026 insgesamt 1.764 Offshore-Windenergieanlagen mit einer Leistung von 10,8 Gigawatt in der deutschen Nord- und Ostsee in Betrieb.
Im ersten Halbjahr kamen 84 Anlagen mit einer Leistung von 1.077 Megawatt hinzu. Gleichzeitig befanden sich zahlreiche weitere Vorhaben noch nicht in der endgültigen Umsetzungsphase.
Für Offshore-Projekte mit zusammen 17,5 Gigawatt Leistung liegen zwar Zuschläge vor, aber noch keine abschließenden Investitionsentscheidungen. Solange diese Entscheidungen fehlen, entstehen daraus nicht zwangsläufig Produktionsaufträge für Fundamenthersteller und andere Zulieferer.
Unsicherheit belastet die Lieferkette
Branchenverbände machen unter anderem gestiegene Kosten und den bestehenden Ausschreibungsrahmen für die Unsicherheit verantwortlich. Sie fordern verlässlichere Finanzierungsbedingungen und eine Reform des Windenergie-auf-See-Gesetzes.
Aus Sicht der Unternehmen muss die Projektpipeline kontinuierlich in tatsächliche Bauvorhaben überführt werden. Größere zeitliche Lücken können für spezialisierte Hersteller besonders problematisch werden.
Produktionshallen, Maschinen und Fachkräfte lassen sich nicht kurzfristig stilllegen und später problemlos wieder aktivieren. Gehen qualifizierte Beschäftigte verloren, fehlen sie möglicherweise beim späteren Hochlauf der Projekte.
Rund 1.000 Arbeitsplätze in Rostock
Für Rostock steht deshalb mehr auf dem Spiel als die Auslastung eines einzelnen Unternehmens. Die Offshore-Windindustrie hat sich zu einem wichtigen Bestandteil der maritimen Wirtschaft entwickelt.
Neben den Beschäftigten bei EEW hängen Zulieferer, Logistikunternehmen und Hafendienstleister von einer verlässlichen Produktion ab. Auftragsschwankungen können sich daher auch auf weitere Unternehmen in der Region auswirken.
Die Windenergiebranche beziffert die Zahl der bundesweit mit Offshore-Wind verbundenen Beschäftigungsverhältnisse auf rund 49.000. Diese Angabe stammt von einer im Auftrag des Branchenverbandes erstellten Untersuchung.
Ausbauziele und Wirklichkeit driften auseinander
Die Bundesregierung will die installierte Offshore-Leistung stark erhöhen. Nach den aktuellen Planungen sollen bis 2032 rund 30 Gigawatt erreicht werden.
Damit dieses Ziel industrielle Wertschöpfung in Deutschland schafft, müssen die Projekte rechtzeitig finanziert, genehmigt und beauftragt werden. Andernfalls könnten Produktionskapazitäten verloren gehen, bevor der größte Teil des geplanten Ausbaus überhaupt beginnt.
Der Auftragsmangel bei EEW macht die Lücke zwischen energiepolitischen Zielen und industrieller Wirklichkeit sichtbar. Für Rostock wird entscheidend sein, ob in den kommenden Monaten neue Bestellungen eingehen und die Beschäftigung dauerhaft gesichert werden kann.
Quelle: NDR Nordmagazin, Beitrag vom 9. September 2026; Bundesverband Windenergie Offshore, Branchenzahlen zum ersten Halbjahr 2026
Titelbild: Aktuelles Bild der großen Offshore-Fundamente auf dem Rostocker EEW-Werksgelände aus der Mediathek wählen
Bildbeschreibung: Der Rostocker Hersteller EEW produziert Stahlfundamente für Offshore-Windparks, kämpft derzeit jedoch mit fehlenden Anschlussaufträgen.
Alt-Text: Große Offshore-Fundamente im Rostocker EEW-Werk
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