Trump will russisches Gas zurück nach Europa bringen – und US-Unternehmen sollen daran verdienen
Die US-Regierung arbeitet an einem umstrittenen Vorschlag, um Russland zu einer Waffenruhe in der Ukraine zu bewegen. Russisches Erdgas soll wieder durch ukrainische Pipelines nach Europa fließen – verkauft über amerikanische Zwischenhändler. Während Washington auf sinkende Energiepreise und neue Verhandlungsmöglichkeiten setzt, hält die EU an ihrem beschlossenen Ausstieg aus russischem Gas fest. Besonders für Deutschland könnte der Vorstoß erhebliche wirtschaftliche und politische Folgen haben.
Washington/Berlin. Ausgerechnet russisches Erdgas könnte nach den Vorstellungen der amerikanischen Regierung zu einem wichtigen Bestandteil möglicher Friedensverhandlungen im Ukraine-Krieg werden. Nach Recherchen des Wall Street Journal drängen Vertreter von US-Präsident Donald Trump darauf, die unterbrochenen Gaslieferungen aus Russland über ukrainische Pipelines nach Europa wieder aufzunehmen. Das Besondere an dem Vorschlag: Amerikanische Unternehmen sollen als Zwischenhändler auftreten und am Geschäft verdienen können.
Die Überlegungen stehen im direkten Widerspruch zur bisherigen Energiepolitik der Europäischen Union. Brüssel hat bereits beschlossen, russische Gasimporte schrittweise vollständig zu beenden. Washington möchte dagegen nach den veröffentlichten Informationen wirtschaftliche Anreize schaffen, um den russischen Präsidenten Wladimir Putin zu Zugeständnissen bei Verhandlungen über eine Waffenruhe zu bewegen.
Noch handelt es sich um einen Verhandlungsvorschlag und nicht um eine beschlossene Vereinbarung. Dennoch wirft der Plan grundsätzliche Fragen auf: Könnte russisches Gas zu einem Bestandteil einer Friedenslösung werden? Würde Europa dadurch wirtschaftlich profitieren – oder erneut in eine gefährliche Abhängigkeit geraten?
Amerikanische Unternehmen sollen russisches Gas verkaufen
Hinter dem Vorstoß stehen nach Angaben des Wall Street Journal insbesondere Trumps Vertraute Jared Kushner und Steve Witkoff.
Beide sollen die Idee bereits im September 2026 bei Gesprächen in Moskau und Kiew vorgestellt haben. Demnach könnten russische Gaslieferungen über das bestehende ukrainische Pipeline-Netz wieder aufgenommen werden.
Die technische Grundlage dafür existiert bereits seit Jahrzehnten. Über die sogenannte Urengoi-Pipeline wurde Erdgas aus sibirischen Fördergebieten durch die Ukraine nach Europa transportiert.
Der reguläre Transit russischen Erdgases durch die Ukraine endete zum Jahreswechsel 2024/2025, nachdem die ukrainische Regierung den auslaufenden Transitvertrag nicht verlängert hatte.
Die amerikanischen Überlegungen sehen vor, diese Verbindung wieder wirtschaftlich nutzbar zu machen.
Anders als früher soll Russland das Erdgas allerdings nicht unmittelbar an europäische Abnehmer verkaufen. Stattdessen könnten amerikanische Unternehmen zwischengeschaltet werden.
Diese würden die Lieferungen abwickeln und damit neue Geschäftsmöglichkeiten erhalten.
Für die Vereinigten Staaten könnte das ein wirtschaftlich interessantes Modell sein. Amerikanische Unternehmen würden nicht nur eigene Energierohstoffe exportieren, sondern möglicherweise zusätzlich am Handel mit russischem Erdgas verdienen.
Ob die geplante Konstruktion mit den geltenden europäischen Einfuhrverboten vereinbar wäre, ist jedoch eine der entscheidenden offenen Fragen. Ein amerikanischer Zwischenhändler verändert schließlich nicht automatisch die russische Herkunft des Erdgases.
Milliarden auf einem Treuhandkonto statt direkter Zahlungen an Moskau
Eine zentrale Frage betrifft die Einnahmen Russlands.
Westliche Staaten haben seit Beginn des russischen Großangriffs auf die Ukraine im Februar 2022 umfangreiche Sanktionen verhängt. Ein Ziel besteht darin, Moskaus wirtschaftliche Möglichkeiten zur Finanzierung des Krieges einzuschränken.
Neue russische Gasexporte nach Europa könnten diesen Bemühungen entgegenwirken.
Deshalb sieht der amerikanische Vorschlag nach den veröffentlichten Informationen eine besondere finanzielle Konstruktion vor.
Die Erlöse aus dem Gasgeschäft sollen zunächst auf ein Treuhandkonto in einem Drittstaat fließen.
Damit soll verhindert werden, dass Russland während des Krieges unmittelbar über das Geld verfügen kann.
Eine spätere Freigabe könnte an die Einhaltung einer Waffenruhe oder weitergehender Friedensvereinbarungen gekoppelt werden.
Für Moskau entstünde damit ein wirtschaftlicher Anreiz, einer Vereinbarung zuzustimmen.
Auch die Ukraine könnte profitieren.
Als Transitland würde sie nach den amerikanischen Überlegungen Gebühren für den Transport des Gases erhalten. Diese Einnahmen könnten den ukrainischen Staatshaushalt unterstützen.
Allerdings ist bislang nicht bekannt, wie die Einnahmen konkret verteilt werden sollen, wer das Treuhandkonto kontrollieren würde und welche Bedingungen für spätere Auszahlungen vorgesehen wären.
Ebenso offen bleibt, ob Russland und die Ukraine ein solches Modell überhaupt akzeptieren würden.
Europa hat russisches Gas bereits zum Auslaufmodell erklärt
Für die Europäische Union kommt der Vorstoß zu einem besonders sensiblen Zeitpunkt.
Erst am 26. Januar 2026 beschlossen die EU-Mitgliedstaaten verbindliche Regeln für den schrittweisen Ausstieg aus russischem Erdgas.
Die entsprechende Verordnung trat am 3. Februar in Kraft.
Danach sollen sämtliche verbliebenen russischen Flüssiggasimporte spätestens ab Januar 2027 und die regulären Pipelinegasimporte spätestens ab Herbst 2027 beendet werden.
Für bestimmte Pipelineverträge gilt als Frist der 30. September 2027. Unter eng begrenzten Voraussetzungen kann diese bis zum 1. November verlängert werden.
Der Ausstieg betrifft grundsätzlich die russische Herkunft des Gases und nicht nur die Nationalität des Unternehmens, das es verkauft.
Damit könnte Washington die europäischen Vorschriften nicht einfach dadurch umgehen, dass ein amerikanischer Händler zwischen Russland und die europäischen Käufer geschaltet wird.
Für eine weiterreichende Wiederaufnahme russischer Gaslieferungen wären deshalb politische oder rechtliche Änderungen auf europäischer Ebene notwendig.
Die EU-Kommission verfolgt bislang ausdrücklich das entgegengesetzte Ziel.
Nach Angaben der europäischen Energieregulierungsagentur ACER deckt russisches Gas trotz der bereits eingeleiteten Maßnahmen weiterhin etwa zwölf Prozent des Gasbedarfs der EU.
Vor dem russischen Großangriff hatte Russland einen wesentlich größeren Anteil an der europäischen Gasversorgung.
Die verbleibenden Lieferungen zeigen, dass die wirtschaftliche Trennung bislang nicht vollständig abgeschlossen ist.
Für Deutschland steht viel auf dem Spiel
Besonders in Deutschland dürfte der amerikanische Vorschlag eine kontroverse Debatte auslösen.
Über Jahrzehnte war russisches Erdgas ein wichtiger Energieträger für die deutsche Industrie und für die Wärmeversorgung privater Haushalte.
Die günstigen Lieferungen über Pipelines bildeten einen Bestandteil des Geschäftsmodells zahlreicher energieintensiver Unternehmen.
Mit dem Wegfall großer russischer Gaslieferungen ab 2022 veränderten sich die Bedingungen grundlegend.
Deutschland musste zusätzliche Lieferquellen erschließen, Flüssiggas-Terminals aufbauen und größere Mengen Erdgas auf dem internationalen Markt einkaufen.
Zugleich belasteten stark gestiegene Energiepreise die industrielle Produktion.
Besonders Unternehmen aus der Chemieindustrie, Metallverarbeitung, Glasherstellung und anderen energieintensiven Branchen waren betroffen.
Diese Entwicklung traf auch ostdeutsche Industriestandorte.
Im mitteldeutschen Chemiedreieck in Sachsen-Anhalt und Sachsen, in der Lausitz sowie an weiteren Industriestandorten sind wettbewerbsfähige Energiepreise ein wichtiger Standortfaktor.
Eine Wiederaufnahme großer russischer Gaslieferungen könnte grundsätzlich zusätzlichen Wettbewerb auf dem europäischen Gasmarkt schaffen.
Mehr verfügbares Gas kann unter bestimmten Marktbedingungen preisdämpfend wirken.
Ob der amerikanische Vorschlag tatsächlich zu niedrigeren Preisen für deutsche Unternehmen und Verbraucher führen würde, lässt sich derzeit allerdings nicht zuverlässig bestimmen.
Dafür müssten Liefermengen, Vertragsbedingungen, Transitkosten und die wirtschaftlichen Interessen der beteiligten Zwischenhändler bekannt sein.
Auch ein möglicher Preisvorteil wäre gegen die sicherheitspolitischen Risiken einer erneuten Abhängigkeit von russischen Energielieferungen abzuwägen.
Warum die Bundesregierung und die EU vor einem Dilemma stehen
Für Europa stellt sich damit eine schwierige politische Frage.
Auf der einen Seite könnten zusätzliche Gaslieferungen helfen, die Energieversorgung zu stabilisieren und möglicherweise die Preise zu senken.
Auf der anderen Seite hat die EU ihren Ausstieg aus russischem Gas gerade damit begründet, dass Energieabhängigkeiten gegenüber Moskau ein erhebliches Sicherheitsrisiko darstellen.
Der europäische Energiekommissar Dan Jørgensen hatte im Oktober bekräftigt, dass die Union auch im Falle einer Friedensvereinbarung an einem dauerhaften Importstopp festhalten wolle.
Europäische Regierungsvertreter reagierten deshalb nach den Berichten des Wall Street Journal ablehnend auf die amerikanischen Überlegungen.
Sie befürchten, dass Russland durch neue Energiegeschäfte wirtschaftlich gestärkt würde und Europa erneut politisch unter Druck setzen könnte.
Hinzu kommt eine weitere grundsätzliche Frage: Wer entscheidet über Europas künftige Energieversorgung?
Sollten amerikanische Unternehmen russisches Gas einkaufen und anschließend an europäische Staaten weiterverkaufen, könnte Washington erheblichen wirtschaftlichen Einfluss auf eine Energiequelle gewinnen, deren direkte Nutzung Brüssel eigentlich beenden will.
Damit ginge es nicht nur um die Höhe der Gaspreise, sondern auch um die wirtschaftliche und politische Selbstständigkeit Europas.
Die Bundesregierung erklärte am 6. November, dass Bundeskanzler Friedrich Merz mit Präsident Trump über die amerikanischen Friedensbemühungen gesprochen habe. Deutschland sei gemeinsam mit weiteren europäischen Partnern in die entsprechenden Abstimmungen eingebunden.
Eine Zustimmung Berlins zum konkret berichteten Gasmodell ergibt sich daraus jedoch nicht.
Die europäischen Staaten müssten bei einer möglichen Vereinbarung zudem klären, wie sich wirtschaftliche Interessen, bestehende Sanktionen und Sicherheitsgarantien miteinander vereinbaren lassen.
Frieden durch Gasgeschäfte – oder Rückkehr in alte Abhängigkeiten?
Die amerikanische Initiative zeigt, dass wirtschaftliche Interessen bei möglichen Verhandlungen über ein Ende des Ukraine-Krieges eine erhebliche Rolle spielen könnten.
Für Russland wäre eine Rückkehr zum europäischen Gasmarkt wirtschaftlich attraktiv.
Für die Ukraine könnten Transitgebühren neue Einnahmen schaffen.
Amerikanische Unternehmen könnten am Handel verdienen.
Und europäische Verbraucher sowie Unternehmen könnten von zusätzlichen Liefermengen profitieren, sofern diese tatsächlich zu wettbewerbsfähigen Preisen angeboten würden.
Doch die Rechnung hat zahlreiche Unbekannte.
Vor allem ist nicht belegt, dass Russland allein wegen neuer Gasgeschäfte bereit wäre, einem dauerhaften Frieden zuzustimmen.
Auch ist offen, ob die Ukraine einem erneuten Energietransit aus Russland zustimmen würde, solange ihre eigene Infrastruktur weiterhin militärisch bedroht ist.
Ein solcher Deal müsste deshalb Teil einer umfassenderen politischen Vereinbarung sein, die auch die Sicherheit der Ukraine und die künftigen Beziehungen zwischen Russland und Europa regelt.
Der Vorstoß aus Washington enthält damit eine bemerkenswerte wirtschaftspolitische Wendung.
Während Europa Milliarden investiert, um sich dauerhaft von russischer Energie zu lösen, erwägt die amerikanische Regierung, den Handel mit genau dieser Energiequelle wiederzubeleben – und amerikanischen Unternehmen dabei eine Schlüsselrolle zu geben.
Ob daraus tatsächlich ein Friedensinstrument wird oder nur ein weiteres umstrittenes Energiegeschäft, ist noch offen.
Für Deutschland bleibt eine entscheidende Frage: Kann Europa gleichzeitig seine energiepolitische Unabhängigkeit sichern, die Wettbewerbsfähigkeit seiner Industrie stärken und einen möglichen Friedensschluss in der Ukraine unterstützen?
Der amerikanische Vorschlag zeigt, wie schwierig es sein könnte, diese Ziele miteinander zu vereinbaren.