Bis zu 700 Millionen Euro zusätzlich erforderlich

Pflegeversicherung braucht schon wieder einen Kredit – Milliardenloch wächst trotz staatlicher Hilfen

Die Finanzkrise der gesetzlichen Pflegeversicherung verschärft sich. Trotz eines bereits gewährten Bundesdarlehens von 3,2 Milliarden Euro reicht das Geld nicht mehr aus. Noch im November soll deshalb ein zusätzlicher Kreditrahmen von bis zu 700 Millionen Euro genutzt werden. Für 2027 steht ein weiteres Milliardenloch im Raum. Die Entwicklung wirft Fragen nach der langfristigen Finanzierung der Pflege auf.

Von Sebastian Krüger 5 Min. Lesezeit

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Bundesgesundheitsminister Dr. Carsten Linnemann mit seinen (Parlemantarischen) Staatssekretären
Bundesgesundheitsminister Dr. Carsten Linnemann mit seinen (Parlemantarischen) Staatssekretären Foto: BMG/Xander Heinl

Berlin. Die soziale Pflegeversicherung benötigt erneut finanzielle Unterstützung aus dem Bundeshaushalt. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums wird noch im November 2026 erstmals Geld aus einem zusätzlichen Darlehen des Bundes benötigt. Der Haushaltsausschuss des Bundestages hatte dafür bereits Anfang Oktober einen Kreditrahmen von bis zu 700 Millionen Euro bewilligt.

Die neue Finanzhilfe kommt zusätzlich zu einem bereits bestehenden Bundesdarlehen von 3,2 Milliarden Euro für das Jahr 2026.

Damit zeigt sich, wie angespannt die Finanzlage der gesetzlichen Pflegeversicherung inzwischen ist. Die regulären Einnahmen reichen nicht mehr aus, um sämtliche Ausgaben im bisherigen Umfang zu finanzieren.

Für Millionen Pflegebedürftige und ihre Angehörigen ist diese Entwicklung von erheblicher Bedeutung.

Trotz 3,2 Milliarden Euro reicht das Geld nicht

Bereits im laufenden Jahr musste der Bund die Pflegeversicherung mit einem umfangreichen Darlehen unterstützen.

Der ursprüngliche Kreditrahmen beträgt 3,2 Milliarden Euro.

Damit sollten finanzielle Engpässe ausgeglichen und die Zahlungsfähigkeit der Pflegekassen sichergestellt werden.

Im Oktober konnte die Pflegeversicherung ihren Verpflichtungen noch ohne den zusätzlichen Kredit nachkommen.

Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums standen zu diesem Zeitpunkt noch 522 Millionen Euro aus dem ursprünglichen Darlehen zur Verfügung.

Diese Mittel reichten aus, um die fälligen Leistungen zu finanzieren.

Für November sieht die Situation anders aus.

Das Ministerium geht inzwischen davon aus, dass erstmals Geld aus dem zusätzlich bewilligten Darlehen benötigt wird.

Die genaue Höhe des Mittelabrufs steht bislang nicht fest.

Der Bund stellt die Beträge nach Bedarf zur Verfügung, damit die Pflegekassen ihren gesetzlichen Zahlungsverpflichtungen nachkommen können.

Zahl der Pflegebedürftigen steigt stärker als erwartet

Eine wesentliche Ursache der Finanzprobleme ist die Entwicklung der Ausgaben.

Nach Angaben des Bundesfinanzministeriums ist die Zahl der Pflegebedürftigen stärker gestiegen als ursprünglich angenommen.

Dadurch erhöhen sich auch die Ausgaben der Pflegekassen.

Hinzu kommen steigende Kosten für Pflegepersonal, Dienstleistungen und die Versorgung pflegebedürftiger Menschen.

Gerade in der stationären Pflege sind die finanziellen Belastungen für Bewohner und Angehörige seit Jahren ein wichtiges gesellschaftliches Thema.

Die Pflegeversicherung übernimmt allerdings nicht sämtliche Kosten einer Pflegebedürftigkeit.

Sie ist als Teilkostenversicherung ausgestaltet. Pflegebedürftige müssen je nach Versorgungsform weiterhin erhebliche Eigenanteile tragen.

Das bedeutet: Finanzielle Schwierigkeiten der Pflegeversicherung treffen auf eine Situation, in der viele Betroffene bereits hohe private Aufwendungen leisten müssen.

Sozialverband kritisiert neue Kredite

Der Sozialverband Deutschland (SoVD) hält die Finanzierung der Pflegeversicherung durch zusätzliche Darlehen für keine dauerhafte Lösung.

Die Vorsitzende Michaela Engelmeier kritisierte, dass die strukturellen Probleme auf diese Weise nicht beseitigt würden.

Denn ein Darlehen ist keine endgültige staatliche Finanzierung.

Das Geld muss grundsätzlich zurückgezahlt werden und belastet damit die zukünftige Finanzplanung.

Der Sozialverband fordert stattdessen eine umfassendere Reform der Pflegefinanzierung.

Dabei setzt er sich für eine solidarische Pflegebürgerversicherung ein, in die nach seinen Vorstellungen mehr Bevölkerungsgruppen einbezogen werden sollen.

Hinter dieser Forderung steht die Annahme, dass die Finanzierung auf eine breitere Einnahmebasis gestellt werden muss.

Ob ein solches Modell sämtliche langfristigen Finanzprobleme lösen könnte, hängt von seiner konkreten Ausgestaltung ab.

Für 2027 droht ein weiteres Milliardenloch

Die Schwierigkeiten beschränken sich nicht auf das laufende Jahr.

Für 2027 steht nach bisherigen Planungen eine Finanzierungslücke von voraussichtlich rund 7,6 Milliarden Euro im Raum.

Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) hat deshalb ein Sparpaket in den Bundestag eingebracht.

Vorgesehen sind Maßnahmen zur Begrenzung der Ausgaben und zur Erhöhung der Einnahmen.

Damit soll die Finanzierung zunächst stabilisiert und eine allgemeine Beitragserhöhung möglichst vermieden werden.

Eine umfassendere Strukturreform soll anschließend vorbereitet werden.

Die politischen Entscheidungen dazu sind allerdings noch nicht abgeschlossen.

Für Versicherte, Pflegebedürftige und Angehörige bleibt deshalb offen, welche finanziellen Folgen die weiteren Reformen haben werden.

Müssen Versicherte künftig mehr bezahlen?

Die Frage nach möglichen Beitragserhöhungen dürfte in den kommenden Monaten an Bedeutung gewinnen.

Die gesetzliche Pflegeversicherung wird überwiegend durch Beiträge von Arbeitnehmern, Arbeitgebern und weiteren Versicherten finanziert.

Wenn ihre Ausgaben stärker steigen als ihre Einnahmen, muss die Finanzierungslücke auf irgendeine Weise geschlossen werden.

Grundsätzlich kommen dafür höhere Beiträge, zusätzliche Steuermittel, Einsparungen oder strukturelle Veränderungen infrage.

Jede dieser Möglichkeiten hat unterschiedliche Folgen.

Höhere Beiträge würden die Belastung von Beschäftigten und gegebenenfalls Arbeitgebern erhöhen.

Mehr Steuermittel würden den Bundeshaushalt zusätzlich beanspruchen.

Leistungskürzungen könnten wiederum Pflegebedürftige und deren Angehörige stärker belasten.

Eine langfristige Lösung muss deshalb nicht nur die Zahlungsfähigkeit der Pflegekassen sichern, sondern auch die Auswirkungen auf Versicherte und Pflegebedürftige berücksichtigen.

Ostdeutschland steht vor besonderen Herausforderungen

Die Finanzprobleme der Pflegeversicherung sind auch für die ostdeutschen Bundesländer von erheblicher Bedeutung.

In vielen Regionen Sachsens, Thüringens, Sachsen-Anhalts, Brandenburgs und Mecklenburg-Vorpommerns ist der Anteil älterer Menschen hoch.

Damit wächst langfristig auch die Bedeutung einer zuverlässigen pflegerischen Versorgung.

Gleichzeitig haben zahlreiche Pflegeeinrichtungen Schwierigkeiten, ausreichend qualifiziertes Personal zu gewinnen.

Besonders im ländlichen Raum können längere Wege und eine geringere Dichte an Pflegeangeboten zusätzliche Probleme verursachen.

Für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen kommt es daher nicht ausschließlich auf die Finanzierung der Versicherung an.

Ebenso wichtig ist, ob vor Ort genügend Pflegekräfte, ambulante Dienste und geeignete Einrichtungen zur Verfügung stehen.

Die Finanzierungskrise darf deshalb nicht isoliert von der tatsächlichen Versorgungssituation betrachtet werden.

Weitere Milliardenkredite lösen das Grundproblem nicht

Die jetzt angekündigte zusätzliche Kreditaufnahme sichert zunächst die kurzfristige Zahlungsfähigkeit der Pflegeversicherung.

Sie verhindert jedoch nicht, dass auch in den kommenden Jahren finanzielle Engpässe auftreten können.

Die Entwicklung zeigt vielmehr, dass das bisherige Verhältnis zwischen Beitragseinnahmen und Leistungsausgaben zunehmend unter Druck steht.

Die Politik muss deshalb entscheiden, wie die steigenden Pflegekosten künftig finanziert werden sollen.

Dabei stehen mehrere Interessen gegenüber: die finanzielle Belastbarkeit der Beitragszahler, die Sicherung ausreichender Leistungen und der Schutz pflegebedürftiger Menschen vor übermäßigen Eigenkosten.

Für die Bundesregierung wird die Pflegeversicherung damit zu einer wichtigen sozialpolitischen Herausforderung.

Die zusätzliche Kreditlinie von bis zu 700 Millionen Euro ist zwar geeignet, kurzfristige Engpässe auszugleichen. Sie ersetzt jedoch keine langfristige Antwort auf die steigenden Kosten.

Ohne eine tragfähige Reform dürften sich die Finanzierungsprobleme weiter verschärfen.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht mehr nur, ob die Pflegeversicherung in diesem Jahr ihre Leistungen bezahlen kann.

Sie lautet vielmehr, wie Deutschland eine bezahlbare und verlässliche Pflegeversorgung für die kommenden Jahrzehnte sicherstellen will.

Themen: BundesregierungPflegekostenPflegeversicherungPflegebedürftigeSozialversicherungBundeshaushaltCarsten LinnemannPflegekrise

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