Neue Berechnungen zeigen mögliche wirtschaftliche Folgen des Ukraine-Krieges

Bis zu 1,6 Billionen Euro: Was ein russischer Sieg in der Ukraine Europa kosten könnte

Ein russischer Sieg in der Ukraine könnte Europa innerhalb von vier Jahren bis zu 1,6 Billionen Euro kosten. Zu diesem Ergebnis kommen norwegische Sicherheits- und Wirtschaftsforscher. Besonders teuer wären eine neue Fluchtbewegung, höhere Verteidigungsausgaben und die weitere Unterstützung einer geschwächten Ukraine. Doch die Berechnungen beruhen auf weitreichenden Annahmen. Wie belastbar sind die Milliardenprognosen?

Von Sebastian Krüger 6 Min. Lesezeit

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Europäische Forscher haben untersucht, welche zusätzlichen Kosten ein möglicher russischer Sieg für Europa auslösen könnte. Sie rechnen in bestimmten Szenarien mit Belastungen von bis zu 1,6 Billionen Euro innerhalb von vier Jahren.
Europäische Forscher haben untersucht, welche zusätzlichen Kosten ein möglicher russischer Sieg für Europa auslösen könnte. Sie rechnen in bestimmten Szenarien mit Belastungen von bis zu 1,6 Billionen Euro innerhalb von vier Jahren. Foto: European Union

Berlin/Brüssel. Was würde geschehen, wenn Russland den Krieg gegen die Ukraine militärisch für sich entscheidet? Während in Europa über weitere Waffenlieferungen, Milliardenhilfen und diplomatische Verhandlungen gestritten wird, haben Wissenschaftler versucht, die wirtschaftlichen Folgen eines solchen Szenarios zu berechnen. Ihr Ergebnis fällt deutlich aus: Ein russischer Sieg könnte für die europäischen Staaten wesentlich teurer werden als eine Fortsetzung der Unterstützung für die Ukraine.

Eine Untersuchung des Norwegischen Instituts für Internationale Angelegenheiten (NUPI) und des Analyseunternehmens Corisk beziffert die möglichen europäischen Belastungen im Falle eines russischen Teilsieges auf rund 1,2 bis 1,6 Billionen Euro innerhalb von vier Jahren. Eine im April 2026 veröffentlichte weiterführende Analyse nennt für ein verschärftes Szenario sogar bis zu 1,638 Billionen Euro.

Die Summen sind allerdings keine bereits entstandenen Schäden und auch keine sicheren Prognosen. Es handelt sich um Modellrechnungen, die auf bestimmten Annahmen über den weiteren Kriegsverlauf, die Fluchtbewegungen und die europäische Sicherheitspolitik beruhen.

Bis zu 952 Milliarden Euro für zusätzliche Flüchtlinge

Den größten Kostenblock bildet nach den Berechnungen nicht die militärische Aufrüstung, sondern die mögliche Flucht weiterer Millionen Ukrainer.

Die Forscher gehen davon aus, dass ein weitreichender russischer Vormarsch eine neue Migrationsbewegung auslösen könnte. In einem ihrer Szenarien rechnen sie mit sechs bis elf Millionen zusätzlichen Flüchtlingen.

Für Unterbringung, Sozialleistungen, Versorgung und weitere staatliche Aufwendungen kalkulieren sie über vier Jahre zwischen 524 und 952 Milliarden Euro.

Diese Annahme ist für das Gesamtergebnis entscheidend. Würden deutlich weniger Menschen fliehen, fielen die berechneten Kosten entsprechend geringer aus.

Zudem ist die Aufnahme von Flüchtlingen nicht ausschließlich mit Ausgaben verbunden. Menschen, die in den Arbeitsmarkt integriert werden, zahlen Steuern und Sozialabgaben und tragen zur wirtschaftlichen Leistung ihrer Aufnahmeländer bei.

Wie groß diese wirtschaftlichen Effekte wären, hängt insbesondere von Aufenthaltsdauer, Beschäftigungsmöglichkeiten und staatlichen Integrationsmaßnahmen ab.

Die genannten Milliardenbeträge sind daher nicht mit einem unmittelbar feststehenden Finanzbedarf europäischer Staaten gleichzusetzen.

Europa müsste seine Verteidigung weiter verstärken

Ein zweiter großer Kostenblock betrifft die militärische Sicherheit Europas.

Die Studie unterstellt, dass ein russischer Sieg die sicherheitspolitische Situation insbesondere in den baltischen Staaten und Nordeuropa verändern würde.

Estland, Lettland und Litauen grenzen unmittelbar an Russland beziehungsweise Belarus. Für diese Länder besitzt die militärische Abschreckung eine besondere Bedeutung.

Die Forscher gehen davon aus, dass die NATO bei einem russischen Sieg zusätzliche Verbände stationieren und ihre Verteidigungsanlagen deutlich ausbauen müsste.

Dazu gehören neue Luftverteidigungssysteme, Panzer, Drohnen, Munition, militärische Infrastruktur und zusätzliche Einsatzkräfte.

In einer Analyse vom April 2026 werden für den beschleunigten Ausbau der Verteidigung an der östlichen NATO-Flanke Kosten von rund 260 Milliarden Euro über vier Jahre angenommen.

Eine russische Besetzung weiterer ukrainischer Gebiete würde allerdings nicht automatisch bedeuten, dass Russland anschließend einen NATO-Staat angreift. Ob Moskau einen solchen Schritt tatsächlich unternehmen würde, ist nicht sicher vorherzusagen.

Die Berechnung zeigt vielmehr, welche zusätzlichen Sicherheitsausgaben nach Auffassung der Forscher erforderlich sein könnten, um ein erhöhtes Risiko militärisch abzusichern.

Auch nach einem russischen Sieg würden Ukraine-Hilfen weiterlaufen

Ein weiterer wesentlicher Bestandteil der Modellrechnung wird in der öffentlichen Diskussion häufig übersehen.

Selbst wenn Russland einen großen Teil der Ukraine unter seine Kontrolle bringen sollte, müsste Europa nach Einschätzung der Studienautoren weiterhin umfangreiche finanzielle Unterstützung leisten.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass ein verbleibender ukrainischer Staat wirtschaftlich geschwächt wäre, erhebliche Sicherheitsprobleme hätte und weiterhin auf ausländische Hilfe angewiesen bliebe.

Für die Unterstützung einer solchen Restukraine veranschlagt die Studie rund 425 Milliarden Euro über vier Jahre.

Die Annahme dahinter lautet, dass ein russischer Sieg nicht zwangsläufig einen stabilen Frieden schaffen würde.

Stattdessen könnte eine dauerhaft unsichere Lage entstehen, in der Europa sowohl die verbleibende Ukraine als auch seine eigene Verteidigung finanzieren müsste.

Damit widerspricht die Untersuchung der Vorstellung, dass sämtliche europäischen Ukraine-Ausgaben unmittelbar enden würden, sobald die Kampfhandlungen eingestellt werden.

Allerdings hängt auch diese Rechnung stark davon ab, wie ein möglicher Friedensvertrag aussehen würde und welche Sicherheitsgarantien vereinbart werden könnten.

Was würde die weitere Unterstützung der Ukraine kosten?

Die Forscher stellen dem russischen Sieg ein zweites Szenario gegenüber.

Darin erhält die Ukraine so umfangreiche militärische Unterstützung, dass sie ihre Verteidigungsfähigkeit ausbauen, verlorene Gebiete teilweise zurückgewinnen und Russland zu Verhandlungen aus einer veränderten militärischen Lage heraus bewegen könnte.

In der Untersuchung vom November 2025 werden die Kosten dieses Szenarios auf 522 bis 838 Milliarden Euro innerhalb von vier Jahren beziffert.

Die spätere Analyse vom April 2026 untersucht zusätzliche Varianten und kommt teilweise zu niedrigeren Beträgen. Die Ergebnisse unterscheiden sich aufgrund der jeweiligen militärischen und finanziellen Annahmen.

Ein Erfolg der vorgeschlagenen Maßnahmen ist damit keineswegs garantiert.

Weder lässt sich sicher bestimmen, welche militärische Unterstützung für einen ukrainischen Sieg erforderlich wäre, noch kann ausgeschlossen werden, dass sich der Krieg trotz höherer Ausgaben über Jahre fortsetzt.

Die Studien liefern deshalb keine Gewissheit über den Ausgang des Krieges. Sie verdeutlichen lediglich, wie unterschiedlich die wirtschaftlichen Folgen verschiedener Entwicklungen ausfallen könnten.

Kieler Wirtschaftsforscher kommen zu ähnlichen Ergebnissen

Bereits im November 2024 hatte das Kiel Institut für Weltwirtschaft die möglichen wirtschaftlichen Folgen eines russischen Sieges für Deutschland untersucht.

Die Wissenschaftler kamen damals zu dem Ergebnis, dass ein Ende der deutschen Militärhilfe und ein dadurch begünstigter russischer Sieg jährliche Zusatzkosten verursachen könnten, die zehn- bis zwanzigmal höher lägen als die damaligen deutschen Militärhilfen.

Als mögliche Belastungen nannten sie zusätzliche Verteidigungsausgaben, die Aufnahme weiterer Flüchtlinge und wirtschaftliche Folgeschäden.

Allerdings handelt es sich auch dabei um eine hypothetische Berechnung.

Die Kieler Forscher untersuchten nicht sämtliche denkbaren politischen Entwicklungen, sondern ein bestimmtes Szenario, in dem Russland nach einem Ende westlicher Unterstützung weitreichende militärische und politische Ziele durchsetzen könnte.

Die Studie belegt deshalb nicht, dass jeder denkbare Friedensschluss mit territorialen Zugeständnissen automatisch höhere Kosten verursachen würde als eine Fortsetzung des Krieges.

Sie zeigt jedoch, dass bei der wirtschaftlichen Bewertung der Ukraine-Hilfen auch mögliche Sicherheitskosten berücksichtigt werden müssen.

Was bedeuten die Berechnungen für Deutschland?

Für Deutschland ist die Frage besonders relevant, weil die Bundesrepublik zu den größten europäischen Unterstützern der Ukraine gehört und zugleich vor erheblichen finanzpolitischen Herausforderungen steht.

Der Bund muss steigende Verteidigungsausgaben, Investitionen in die Infrastruktur, Sozialleistungen und weitere staatliche Verpflichtungen finanzieren.

Zusätzliche internationale Verpflichtungen konkurrieren deshalb um begrenzte öffentliche Mittel.

Die norwegischen Berechnungen enthalten allerdings keine verbindliche Aufteilung der möglichen Gesamtkosten auf die einzelnen europäischen Staaten.

Aus einer geschätzten europäischen Belastung von 1,6 Billionen Euro lässt sich somit nicht unmittelbar ableiten, welchen Betrag Deutschland tatsächlich übernehmen müsste.

Das hängt von politischen Entscheidungen, europäischen Finanzierungsmechanismen, der Verteilung möglicher Flüchtlinge und dem künftigen Sicherheitsbedarf ab.

Eine weitere Unsicherheit betrifft die längerfristigen wirtschaftlichen Auswirkungen eines Friedens. Ein Ende der Kampfhandlungen könnte unter bestimmten Bedingungen Handel, Investitionen und Wiederaufbau erleichtern.

Ob daraus eine dauerhafte Stabilisierung entstünde, wäre jedoch von der Sicherheit der Ukraine und den Beziehungen zwischen Russland und Europa abhängig.

Friedensverhandlungen bleiben wirtschaftlich und politisch entscheidend

Die Studien verdeutlichen, dass eine rein kurzfristige Betrachtung der Ukraine-Hilfen zu kurz greifen kann. Wer die finanzielle Belastung Europas bewerten will, muss auch untersuchen, welche Folgen unterschiedliche Kriegsenden haben könnten.

Ein militärischer Erfolg Russlands könnte neue sicherheitspolitische Ausgaben erforderlich machen. Eine langfristige Fortsetzung des Krieges würde ebenfalls erhebliche Kosten verursachen. Ein belastbarer Friedensschluss könnte dagegen wirtschaftliche Perspektiven eröffnen, sofern seine Bedingungen eine erneute Eskalation wirksam verhindern.

Entscheidend ist deshalb nicht allein die Höhe der nächsten europäischen Hilfszahlung.

Die grundlegende Frage lautet, welche politische und militärische Entwicklung langfristig Sicherheit schafft und gleichzeitig die wirtschaftlichen Belastungen begrenzt.

Die Summen von bis zu 1,6 Billionen Euro zeigen, wie groß die möglichen finanziellen Risiken eines russischen Sieges nach den untersuchten Szenarien wären.

Sie sind aber keine Rechnung, die Europa bereits vorliegt, und kein Beweis dafür, dass ein bestimmter Kriegsverlauf unausweichlich ist.

Für die europäischen Regierungen bleibt die Aufgabe, ihre Entscheidungen anhand nachvollziehbarer Sicherheitsanalysen, realistischer Finanzierungsmöglichkeiten und überprüfbarer politischer Ziele zu begründen.

Themen: RusslandEuropäische UnionFlüchtlingskostenUkraine-KriegWladimir PutinFriedensverhandlungenVerteidigungsausgabenKriegsfolgen

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