Bulgarien wählt zwischen zwei politischen Kursen: Ukraine-Krieg entscheidet Präsidentschaftswahl mit
Russland-Kurs spaltet die Wähler
In Bulgarien entscheidet sich am heutigen Sonntag, 1. November 2026, wer künftig an der Spitze des Landes steht. Bei der Stichwahl um das Präsidentenamt treten die sozialistische Amtsinhaberin Ilijana Jotowa und der prowestliche Reformer Andrej Gjurow gegeneinander an. Überschattet wird die Abstimmung vom russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und mutmaßlichen Drohnenangriffen auf Handelsschiffe im Schwarzen Meer. Die beiden Kandidaten vertreten unterschiedliche Positionen zur Unterstützung der Ukraine und zum Umgang mit Russland.
Die Wahl gilt zugleich als politischer Stimmungstest für Ministerpräsident Rumen Radew. Er unterstützt Jotowa und hatte den Wahlkampf zuletzt mit der Aussage zugespitzt, es gehe um eine Entscheidung zwischen Krieg und Frieden.
Ein offizielles Ergebnis der heutigen Stichwahl liegt zum Zeitpunkt dieses Berichts noch nicht vor.
Favoritin verliert im ersten Wahlgang deutlich an Vorsprung
Noch wenige Tage vor der ersten Abstimmung am 25. Oktober galt Ilijana Jotowa als klare Favoritin. Umfragen hatten ihr einen erheblichen Vorsprung vor Andrej Gjurow eingeräumt.
Das tatsächliche Ergebnis fiel wesentlich knapper aus.
Nach Auszählung nahezu aller Stimmen erreichte Jotowa rund 34,7 Prozent. Ihr Herausforderer Gjurow kam auf etwa 31,9 Prozent.
Damit trennten die beiden Kandidaten weniger als drei Prozentpunkte. Weil niemand die erforderliche absolute Mehrheit erreichte, wurde eine Stichwahl notwendig.
Besonders auffällig war die geringe Wahlbeteiligung. Nur rund 22 Prozent der Wahlberechtigten gaben ihre Stimme ab. Nach Medienberichten war dies der niedrigste Wert bei einer landesweiten Abstimmung seit dem Ende der kommunistischen Herrschaft 1989.
Der Ausgang der Stichwahl hängt deshalb auch davon ab, ob die beiden Kandidaten zusätzliche Wähler mobilisieren können.
Drohnenangriffe im Schwarzen Meer verändern den Wahlkampf
In der Schlussphase des Wahlkampfs rückte die Sicherheitslage im Schwarzen Meer zunehmend in den Mittelpunkt.
Mehrere Handelsschiffe wurden vor der bulgarischen Küste von Drohnen angegriffen. Dabei kamen nach bisherigen Berichten zahlreiche Seeleute ums Leben.
Die Vorfälle lösten internationale Besorgnis aus und verstärkten die Diskussion über den Schutz des Schiffsverkehrs.
Bulgarien ist Mitglied der NATO und liegt unmittelbar am Schwarzen Meer. Das Land befindet sich damit in einer Region, die durch den Krieg Russlands gegen die Ukraine sicherheitspolitisch besonders belastet ist.
Wer hinter den Angriffen steckt, ist bislang nicht abschließend geklärt.
Ministerpräsident Rumen Radew bezeichnete Russland als naheliegenden Verdächtigen. Zugleich erklärte er, es lägen noch keine eindeutigen Beweise für eine russische Verantwortung vor.
Die Angriffe haben damit auch die innenpolitische Debatte verändert. Neben wirtschaftlichen und sozialen Fragen geht es verstärkt darum, wie Bulgarien auf militärische Bedrohungen reagieren und seine Sicherheit gewährleisten soll.
Jotowa setzt auf Verhandlungen mit Russland
Die amtierende Staatspräsidentin Ilijana Jotowa vertritt eine zurückhaltendere Position zur militärischen Unterstützung der Ukraine.
Die frühere sozialistische Europaabgeordnete spricht sich für diplomatische Bemühungen zur Beendigung des Krieges aus. Einen weiteren Ausbau der militärischen Unterstützung betrachtet sie kritisch.
Jotowa übernahm das Präsidentenamt im Januar 2026, nachdem Rumen Radew zurückgetreten war, um selbst in die Parteipolitik zu wechseln.
Als Ministerpräsident unterstützt Radew nun ihre Kandidatur.
Seine Regierung hatte im Juni Waffenlieferungen aus Beständen der bulgarischen Streitkräfte an die Ukraine eingestellt. Später zog sich Bulgarien auch aus der internationalen sogenannten Koalition der Willigen zurück.
Allerdings bedeutet diese Haltung keinen grundsätzlichen Bruch mit der Europäischen Union oder der NATO. Jotowa stellt die Mitgliedschaft Bulgariens in beiden Bündnissen nicht infrage.
Im Wahlkampf betont sie insbesondere die Notwendigkeit von Stabilität, Sicherheit und diplomatischen Lösungen.
Gjurow fordert stärkere Unterstützung der Ukraine
Ihr Herausforderer Andrej Gjurow wird von reformorientierten und proeuropäischen Oppositionsparteien unterstützt.
Der frühere Übergangsministerpräsident und ehemalige Vizechef der bulgarischen Nationalbank tritt für eine engere Zusammenarbeit mit den westlichen Partnern ein.
Im Unterschied zu Jotowa befürwortet er eine entschlossene Unterstützung der Ukraine.
Während seiner früheren Regierungsverantwortung unterzeichnete Gjurow ein Abkommen zur sicherheitspolitischen Zusammenarbeit mit Kiew.
Seine politische Linie richtet sich auf eine stärkere Einbindung Bulgariens in die europäischen Sicherheitsstrukturen und eine klare Position gegenüber Russland.
Im ersten Wahlgang gelang es ihm, deutlich mehr Stimmen zu gewinnen, als die letzten Umfragen erwarten ließen.
Ob er diesen Zuspruch in der Stichwahl ausbauen kann, bleibt offen.
Ministerpräsident spricht von Entscheidung zwischen Krieg und Frieden
Besonders umstritten ist die Wortwahl von Ministerpräsident Rumen Radew.
Nach dem ersten Wahlgang erklärte er, bei der Stichwahl werde zwischen Krieg und Frieden entschieden.
Damit stellt er die außenpolitischen Unterschiede zwischen den Kandidaten in den Mittelpunkt des Wahlkampfs.
Die Aussage ist eine politische Zuspitzung. Weder bedeutet ein Sieg Gjurows automatisch eine Kriegsbeteiligung Bulgariens noch würde ein Wahlsieg Jotowas den Krieg in der Ukraine beenden.
Vielmehr geht es darum, welche außen- und sicherheitspolitischen Schwerpunkte das künftige Staatsoberhaupt vertreten wird.
Der Präsident Bulgariens besitzt vor allem repräsentative Aufgaben, verfügt aber auch über wichtige verfassungsmäßige Befugnisse. Dazu gehören das Recht, Gesetze zur erneuten Beratung an das Parlament zurückzuverweisen, und die Funktion als Oberbefehlshaber der Streitkräfte.
Damit kann das Staatsoberhaupt die politische Entwicklung beeinflussen, auch wenn die laufende Regierungspolitik überwiegend vom Parlament und der Regierung bestimmt wird.
Stimmen der ausgeschiedenen Kandidaten könnten wichtig werden
Eine wichtige Rolle spielen die Wähler jener Kandidaten, die den ersten Wahlgang nicht überstanden haben.
Auf dem dritten Platz landete der nationalistische und russlandfreundliche Politiker Kostadin Kostadinow mit rund 12,5 Prozent.
Seine Anhänger könnten bei der Stichwahl eine bedeutende Wählergruppe bilden.
Auch für Jotowa stellt sich die Frage, warum sie bislang nicht alle Wähler des Regierungsbündnisses mobilisieren konnte.
Das Parteienbündnis „Progressives Bulgarien“ von Ministerpräsident Radew hatte bei der Parlamentswahl im April 2026 rund 44,6 Prozent der Stimmen erhalten und eine absolute Mehrheit der Parlamentssitze gewonnen.
Jotowa erreichte im ersten Wahlgang dagegen lediglich etwas mehr als eine halbe Million Stimmen.
Diese Differenz zeigt, dass die Unterstützung für die Regierung nicht automatisch auf ihre Präsidentschaftskandidatin übertragbar ist.
Warum die Wahl auch für Europa wichtig ist
Bulgarien gehört seit 2007 der Europäischen Union an und ist ebenfalls Mitglied der NATO. Seit Januar 2026 verwendet das Land den Euro.
Seine geografische Lage am Schwarzen Meer macht Bulgarien zu einem wichtigen Partner bei europäischen Sicherheitsfragen.
Insbesondere die militärische Unterstützung der Ukraine, der Schutz von Handelswegen und die Beziehungen zu Russland spielen deshalb auch über die Landesgrenzen hinaus eine Rolle.
Die Stichwahl entscheidet nicht unmittelbar über die gesamte bulgarische Außenpolitik. Sie kann jedoch beeinflussen, wie das Land seine Position gegenüber Russland, der Ukraine und den westlichen Bündnispartnern künftig vertritt.
Nach dem überraschend knappen ersten Wahlgang ist die politische Ausgangslage offener als noch vor wenigen Wochen.
Mit der Schließung der Wahllokale werden erste Prognosen erwartet. Bis dahin bleibt offen, ob Ilijana Jotowa im Amt bestätigt wird oder Andrej Gjurow das Staatsoberhaupt ablöst.