Alexander Sollfrank sieht wachsende militärische Bedrohung

Russland-Angriff auf die NATO „sehr, sehr realistisch“: Bundeswehr-General warnt vor neuer Kriegsgefahr

Deutschland bereitet sich auf den Ernstfall vor

Von Sebastian Krüger 7 Min. Lesezeit

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Generalleutnant Alexander Sollfrank ist Befehlshaber des Operativen Führungskommandos der Bundeswehr. Mit „Nachgefragt“-Moderatorin Frau Hauptmann Beate Schöne spricht er über die Herausforderungen, denen sich das neue Kommando stellen muss.
Generalleutnant Alexander Sollfrank ist Befehlshaber des Operativen Führungskommandos der Bundeswehr. Mit „Nachgefragt“-Moderatorin Frau Hauptmann Beate Schöne spricht er über die Herausforderungen, denen sich das neue Kommando stellen muss. Foto: Bundeswehr

Ein russischer Angriff auf NATO-Gebiet ist nach Einschätzung von Bundeswehr-Generalleutnant Alexander Sollfrank ein ernst zu nehmendes Szenario. Der Befehlshaber des Operativen Führungskommandos warnt vor einer zunehmenden militärischen Bedrohung Europas und sieht Deutschland bereits im Visier russischer Spionage- und Sabotageaktivitäten. In einem am Sonntag, 1. November 2026, veröffentlichten Interview mit dem Magazin „Politico“ bezeichnete Sollfrank einen möglichen Angriff als „sehr, sehr realistisch“. Zugleich betonte er, dass derzeit keine unmittelbaren Vorbereitungen für eine russische Militäroffensive gegen die NATO erkennbar seien.

Besonders gefährdet sieht der General die östlichen Mitgliedstaaten des Bündnisses. Für Deutschland könnte eine militärische Eskalation erhebliche Folgen haben: Die Bundesrepublik würde im Verteidigungsfall zur zentralen Drehscheibe für die Verlegung von Soldaten, Waffen und militärischer Ausrüstung an die NATO-Ostflanke.

Bundeswehr-General hält russischen Angriff für möglich

Alexander Sollfrank gehört als Befehlshaber des Operativen Führungskommandos zu den wichtigsten militärischen Entscheidungsträgern der Bundeswehr.

Seine Aufgabe umfasst die operative Führung der deutschen Streitkräfte sowie die Vorbereitung auf mögliche militärische Krisen und Verteidigungsfälle.

Im Gespräch mit „Politico“ zeichnete er ein angespanntes Bild der europäischen Sicherheitslage.

Russland setze seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine fort und baue gleichzeitig militärische Fähigkeiten aus. Darüber hinaus sieht Sollfrank eine zunehmende Bedrohung Deutschlands durch Spionage, Sabotage und Desinformation.

Nach seiner Einschätzung kann Europa nicht mehr von einem uneingeschränkten Friedenszustand ausgehen.

Dabei unterscheidet der General ausdrücklich zwischen einem möglichen militärischen Angriff und einer bereits unmittelbar bevorstehenden Offensive.

Für Letztere gebe es derzeit keine erkennbaren konkreten Vorbereitungen.

Seine Warnung bezieht sich vielmehr auf die vorhandenen militärischen Fähigkeiten Russlands und die Möglichkeit, diese auch gegen NATO-Mitglieder einzusetzen.

Baltische Staaten könnten besonders gefährdet sein

Ein mögliches Angriffsszenario betrifft nach Sollfranks Einschätzung die baltischen NATO-Staaten Estland, Lettland und Litauen.

Diese grenzen unmittelbar an Russland beziehungsweise Belarus und liegen damit in einer militärisch besonders sensiblen Region.

Sollfrank nannte als Beispiel eine konventionelle russische Militäroperation, bei der Streitkräfte in ein NATO-Land eindringen und dessen Territorium besetzen.

Ein solcher Angriff würde das Bündnis vor eine grundlegende sicherheitspolitische Entscheidung stellen.

Artikel 5 des NATO-Vertrags regelt die gegenseitige Beistandspflicht im Fall eines bewaffneten Angriffs. Welche Maßnahmen die einzelnen Mitgliedstaaten ergreifen, richtet sich nach ihren jeweiligen Entscheidungen und den Bestimmungen des Bündnisvertrags.

Für Deutschland wäre eine militärische Eskalation im Baltikum deshalb nicht bloß ein regionaler Konflikt.

Als NATO-Mitglied müsste die Bundesrepublik an der gemeinsamen Reaktion des Bündnisses mitwirken.

Mindestens 20.000 Soldaten könnten verlegt werden

Besonders konkret wurde Sollfrank bei der Frage, wie Deutschland auf eine militärische Eskalation reagieren würde.

Für ein entsprechendes Verteidigungsszenario sind nach seinen Angaben Pläne vorbereitet, mindestens 20.000 Soldaten auf dem Land-, Luft- und Seeweg in Richtung Baltikum zu verlegen.

Die Vorbereitungen könnten bereits beginnen, bevor die ersten Kampfhandlungen stattfinden.

Damit soll das Bündnis in die Lage versetzt werden, rasch auf eine erkennbare Bedrohung zu reagieren.

Deutschland spielt dabei eine zentrale Rolle.

Verbündete Streitkräfte aus anderen NATO-Staaten müssten teilweise über deutsches Staatsgebiet transportiert und versorgt werden.

Dafür werden Verkehrswege, militärische Einrichtungen und logistische Kapazitäten benötigt.

Die Verlegung großer Truppenverbände betrifft deshalb nicht nur die Bundeswehr, sondern auch zivile Behörden und Infrastrukturbetreiber.

Operationsplan Deutschland: Was im Ernstfall geschehen soll

Ein wesentliches Instrument der Verteidigungsvorbereitung ist der sogenannte Operationsplan Deutschland.

Er legt fest, wie militärische und zivile Stellen bei einer schwerwiegenden Sicherheitskrise zusammenarbeiten sollen.

Dazu gehört unter anderem die Organisation von Truppentransporten, die Sicherung militärischer Einrichtungen und die Versorgung verbündeter Streitkräfte.

Eine besondere Bedeutung haben Straßen, Schienenwege, Häfen und Flughäfen.

Für Ostdeutschland ist diese Planung unmittelbar relevant.

Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern verfügen über Verkehrsverbindungen und militärische Infrastruktur, die bei einer Verlegung von NATO-Truppen in Richtung Polen und Baltikum eine Rolle spielen könnten.

Auch Unternehmen der Logistikbranche und zivile Einrichtungen können in die Vorbereitung einbezogen werden.

Welche konkreten Verkehrswege und Standorte im Verteidigungsfall genutzt würden, ist aus Sicherheitsgründen nicht vollständig öffentlich bekannt.

Der Operationsplan bedeutet allerdings nicht, dass eine solche Truppenverlegung bereits angeordnet wurde.

Er dient der Vorbereitung auf einen möglichen Ernstfall.

Sabotage und Drohnen: Neue Gefahren für Deutschland

Neben einem konventionellen Angriff sieht Sollfrank eine erhebliche Bedrohung durch sogenannte hybride Operationen.

Dazu gehören Spionage, Cyberangriffe, Sabotage und Desinformation.

Solche Maßnahmen können darauf abzielen, staatliche Einrichtungen zu schwächen, die Bevölkerung zu verunsichern oder militärische Reaktionen zu testen.

Nach Einschätzung des Generals nehmen entsprechende Aktivitäten gegen Deutschland und andere europäische Staaten zu.

Besonders kritisch sind Angriffe auf militärische Einrichtungen und wichtige Infrastrukturen.

Auch die zunehmende Nutzung von Drohnen stellt die Sicherheitsbehörden vor neue Herausforderungen.

Sollfrank kündigte deshalb an, den Schutz von Bundeswehrliegenschaften zu verstärken und die Möglichkeiten zur Drohnenabwehr weiter auszubauen.

Dabei ist eine wichtige Unterscheidung notwendig: Nicht jeder ungeklärte Drohnenflug oder jede technische Störung ist automatisch Russland zuzurechnen.

Eine belastbare Zuordnung setzt Ermittlungen und entsprechende Belege voraus.

Die Bundeswehr betrachtet die Gesamtheit der sicherheitsrelevanten Vorfälle dennoch als Ausdruck einer verschärften Bedrohungslage.

Russland rüstet trotz Ukraine-Krieg weiter auf

Sollfranks Warnungen beruhen auch auf der Entwicklung der russischen Streitkräfte.

Bereits im vergangenen Jahr hatte der General darauf hingewiesen, dass Russland trotz erheblicher Verluste im Ukraine-Krieg weiterhin über beträchtliche militärische Fähigkeiten verfüge.

Besonders die Luftstreitkräfte, Raketenverbände und Teile der Marine seien weiterhin leistungsfähig.

Zudem verfolgt Moskau das Ziel, die regulären Streitkräfte personell und materiell auszubauen.

Die Bundeswehr geht davon aus, dass Russland unter bestimmten Bedingungen bereits heute zu einer begrenzten militärischen Operation gegen NATO-Territorium fähig wäre.

Für eine groß angelegte Offensive werden in militärischen Planungen häufig spätere Zeiträume, insbesondere das Jahr 2029, betrachtet.

Dabei handelt es sich um Bedrohungsszenarien und Planungsannahmen, nicht um einen bestätigten russischen Angriffsplan.

Entscheidend wäre auch, wie sich der Krieg in der Ukraine weiterentwickelt und welche militärischen Ressourcen Russland künftig zur Verfügung stehen.

Wie wahrscheinlich ist ein Krieg zwischen Russland und der NATO?

Die Einschätzungen zur tatsächlichen Kriegsgefahr gehen auseinander.

Während Sollfrank und weitere europäische Militärvertreter vor einem möglichen russischen Angriff warnen, bewerten andere Sicherheitsexperten einen solchen Schritt als wenig plausibel.

Der frühere Bundeswehroberst und Sicherheitsexperte Wolfgang Richter argumentierte beispielsweise, dass eine politische Absicht Moskaus, die gesamte NATO militärisch herauszufordern, derzeit nicht nachgewiesen sei.

Ein Angriff auf das Bündnis würde für Russland ein erhebliches militärisches Risiko bedeuten.

Die NATO verfügt gemeinsam über weitreichende konventionelle Fähigkeiten und nukleare Abschreckungsmittel.

Zudem bindet der Krieg gegen die Ukraine weiterhin große Teile der russischen Landstreitkräfte.

Andere Experten halten dagegen gerade begrenzte militärische Provokationen für denkbar, mit denen Moskau die Entschlossenheit der NATO testen könnte.

Die unterschiedlichen Bewertungen zeigen, warum zwischen militärischer Fähigkeit, politischer Absicht und tatsächlicher Angriffswahrscheinlichkeit unterschieden werden muss.

Ein möglicher Angriff ist nicht zwangsläufig ein bevorstehender Angriff.

Warum die Bundeswehr auf Abschreckung setzt

Sollfrank sieht in einer glaubwürdigen Verteidigungsfähigkeit den entscheidenden Weg, einen Krieg zu verhindern.

Nach seiner Einschätzung muss Russland erkennen, dass ein Angriff auf NATO-Gebiet eine gemeinsame Reaktion des Bündnisses auslösen würde.

Die militärischen Vorbereitungen sollen deshalb nicht nur die Reaktionsfähigkeit verbessern, sondern auch abschreckend wirken.

Dazu gehören Übungen, die bessere Zusammenarbeit mit zivilen Behörden und der Ausbau militärischer Fähigkeiten.

Sollfrank verwies außerdem auf die Bedeutung der Vereinigten Staaten für die europäische Sicherheit.

An der grundsätzlichen amerikanischen Sicherheitsgarantie äußerte er aufgrund seiner Gespräche mit US-Partnern keine Zweifel.

Dennoch bleibt die Frage, wie schnell und geschlossen die NATO in einer tatsächlichen Krise reagieren könnte, ein zentraler Gegenstand der Verteidigungsplanung.

Was bedeutet die Warnung für die Menschen in Ostdeutschland?

Für die Bevölkerung in Ostdeutschland ist die sicherheitspolitische Entwicklung besonders relevant.

Durch die Nähe zu Polen und die Verkehrsverbindungen Richtung Osteuropa könnte die Region bei einer größeren NATO-Operation logistisch wichtig werden.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Sachsen, Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern unmittelbar vor einem militärischen Angriff stehen.

Vielmehr geht es um die Vorbereitung staatlicher Stellen auf unterschiedliche Krisenszenarien.

Eine zusätzliche Herausforderung besteht darin, militärische Sicherheitsinteressen mit den Anforderungen des zivilen Alltags zu vereinbaren.

Bei größeren Truppenverlegungen könnten beispielsweise Verkehrswege zeitweise stärker beansprucht werden.

Auch der Schutz wichtiger Infrastrukturen erhält angesichts möglicher Sabotageaktionen eine höhere Bedeutung.

Welche konkreten Maßnahmen im Ernstfall notwendig wären, hängt von der tatsächlichen Lage ab.

Zwischen notwendiger Vorsorge und der Gefahr wachsender Angst

Die Aussagen des Bundeswehr-Generals sind ernst zu nehmen. Russland führt seit Februar 2022 einen groß angelegten Angriffskrieg gegen die Ukraine und hat damit die europäische Sicherheitsordnung grundlegend erschüttert.

Gleichzeitig ist eine sorgfältige Einordnung militärischer Warnungen notwendig.

Wenn ein hochrangiger General einen Angriff als realistisch bezeichnet, bedeutet dies nicht, dass der Beginn eines Krieges feststeht.

Die Bundeswehr muss sich auch auf Szenarien vorbereiten, deren Eintritt ungewiss ist.

Für die politische Debatte folgt daraus eine doppelte Verantwortung: Verteidigungsfähigkeit und Krisenvorsorge müssen glaubwürdig sein, ohne aus jeder Bedrohungsanalyse eine unmittelbar bevorstehende Katastrophe abzuleiten.

Auch diplomatische Möglichkeiten zur Verringerung militärischer Spannungen bleiben von Bedeutung.

Sollfranks Aussagen machen deutlich, wie ernst die Bundeswehr die Sicherheitslage einschätzt. Sie sind jedoch keine Ankündigung eines bevorstehenden russischen Angriffs.

Die eigentliche Herausforderung besteht darin, einen Krieg durch glaubwürdige Abschreckung und politische Verständigung zu verhindern, statt sich darauf zu beschränken, seine möglichen Folgen zu organisieren.

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