Die AfD geht in Sachsen-Anhalt aus einer Position in die entscheidenden Wochen des Landtagswahlkampfes, die vor wenigen Jahren noch kaum vorstellbar gewesen wäre. Rund vier Wochen vor der Abstimmung liegt sie in einer aktuellen Infratest-dimap-Umfrage bei 41 Prozent und damit deutlich vor der CDU. Spitzenkandidat Ulrich Siegmund ist es gelungen, den Wahlkampf stark auf seine Person und wenige zentrale politische Botschaften zu konzentrieren. Für die Konkurrenz stellt sich längst nicht mehr nur die Frage, ob die AfD stärkste Kraft wird – sondern wie groß ihr Vorsprung am 6. September tatsächlich ausfallen könnte.
Die jüngste Umfrage von Infratest dimap im Auftrag von MDR, WDR, Mitteldeutscher Zeitung und Volksstimme sieht die AfD bei 41 Prozent.
Die CDU kommt demnach auf 24 Prozent.
Damit beträgt der Abstand zwischen beiden Parteien derzeit 17 Prozentpunkte. Für Sachsen-Anhalt wäre ein solches Ergebnis eine tiefgreifende Verschiebung der bisherigen politischen Kräfteverhältnisse.
Seit 2002 stellt die CDU den Ministerpräsidenten des Landes. Nun besitzt erstmals die AfD eine realistische Chance, bei einer Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit erheblichem Abstand stärkste Kraft zu werden.
Siegmund setzt auf persönliche Präsenz
Ein wichtiger Bestandteil des AfD-Wahlkampfes ist Spitzenkandidat Ulrich Siegmund.
Der 35-Jährige setzt weniger auf das Auftreten eines klassischen Spitzenpolitikers als auf direkten Kontakt mit Anhängern und Bürgern.
Bei Wahlkampfveranstaltungen sucht Siegmund Gespräche, lässt sich fotografieren und versucht, politische Botschaften möglichst verständlich und zugespitzt zu vermitteln.
Berichte von aktuellen Wahlkampfauftritten zeigen einen Kandidaten, der bewusst Nähe zu seinem Publikum herstellt.
Diese Art des Auftretens unterscheidet sich deutlich von stärker verwaltungsorientierten oder institutionellen Wahlkampfformaten anderer Parteien.
Ob man seine politischen Positionen teilt oder nicht: Siegmund hat einen Stil entwickelt, der erkennbar funktioniert.
Die Umfragewerte sprechen zumindest dafür, dass die AfD derzeit große Teile ihrer potentiellen Anhängerschaft erreicht.
Wenige Themen werden konsequent besetzt
Auch inhaltlich verfolgt die Partei eine klare Strategie.
Migration gehört zu den zentralen Themen des Wahlkampfes. Hinzu kommen innere Sicherheit, Familienpolitik, Energiepreise, Bildung sowie Kritik an Verwaltung und Bürokratie.
Diese Konzentration besitzt einen politischen Vorteil.
Wähler wissen vergleichsweise genau, wofür die AfD in Sachsen-Anhalt steht.
Gerade in einer Zeit, in der Parteien häufig mit umfangreichen Programmen und zahlreichen Einzelmaßnahmen antreten, kann eine überschaubare Zahl klar erkennbarer Schwerpunkte im Wahlkampf wirkungsvoll sein.
Siegmund versucht zudem, politische Probleme häufig unmittelbar mit dem Alltag der Menschen zu verbinden.
Bei der Arbeitsmarktpolitik setzt er beispielsweise stärker auf Familienpolitik und die Aktivierung vorhandener Arbeitskräfte, während Ministerpräsident Sven Schulze auf die Notwendigkeit zusätzlicher Arbeitsmigration verweist.
Auch eine stärkere Digitalisierung und der Einsatz künstlicher Intelligenz in der Verwaltung gehören zu Siegmunds Vorstellungen.
AfD profitiert von langjähriger Verankerung
Der Erfolg der Partei ist inzwischen nicht mehr ausschließlich ein kurzfristiges Protestphänomen.
Die AfD sitzt seit 2016 im Landtag von Sachsen-Anhalt.
Bei den Kommunalwahlen konnte sie ihre Stellung in zahlreichen Kreisen und Gemeinden ausbauen. Bei der Bundestagswahl 2025 gewann die Partei in Sachsen-Anhalt sämtliche Direktwahlkreise.
Damit verfügt sie inzwischen über eine breite organisatorische und parlamentarische Basis.
Für den Wahlkampf bedeutet das einen erheblichen Unterschied zu früheren Jahren.
Die Partei tritt nicht mehr lediglich als neuer Herausforderer an. Sie besitzt Abgeordnete, kommunale Mandatsträger und etablierte Parteistrukturen im gesamten Land.
Siegmund selbst gehört seit zehn Jahren dem Landtag an und führt gemeinsam mit Oliver Kirchner die AfD-Fraktion.
Aus Protest wird Regierungsanspruch
Der größte Unterschied zu früheren Wahlkämpfen liegt jedoch im formulierten Anspruch.
Die AfD will nicht lediglich Oppositionsführerin bleiben.
Siegmund strebt die Regierungsübernahme an und spricht offen über die Möglichkeit einer eigenen Mehrheit.
Damit verändert sich zwangsläufig auch der Maßstab, an dem die Partei gemessen wird.
Wer ausschließlich Opposition betreibt, kann Forderungen stellen.
Wer regieren möchte, muss erklären, wie diese Forderungen finanziert, gesetzlich umgesetzt und administrativ organisiert werden sollen.
Genau an diesem Punkt beginnt für die AfD die schwierigere Phase des Wahlkampfes.
Wirtschaftsforscher stellen Finanzierbarkeit infrage
Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle hat Teile des AfD-Regierungsprogramms untersucht und kommt zu einem kritischen Ergebnis.
Für die bezifferbaren Vorhaben errechneten die Wissenschaftler zusätzliche jährliche Ausgaben von rund 2,5 Milliarden Euro. Geplante Einsparungen würden davon nach der Analyse lediglich rund 243 Millionen Euro auffangen.
Es bliebe somit eine Finanzierungslücke von ungefähr 2,2 Milliarden Euro pro Jahr.
Siegmund hat eingeräumt, dass nicht sämtliche Projekte kurzfristig finanzierbar seien, und verweist auf eine längerfristige Umsetzung.
Für die AfD wird deshalb entscheidend sein, ihre programmatischen Versprechen zunehmend mit belastbaren Finanzierungskonzepten zu verbinden.
Politische Gegner stellen sich auf schwierige Mehrheiten ein
Trotz ihres deutlichen Umfragevorsprungs ist keineswegs sicher, dass die AfD nach der Wahl tatsächlich die Regierung führen kann.
Andere Parteien schließen eine Zusammenarbeit mit ihr bislang aus.
Die politische Konkurrenz beschäftigt sich deshalb bereits intensiv mit möglichen Mehrheiten nach dem Wahltag.
Das allein zeigt allerdings, wie stark die Position der AfD geworden ist.
Ein erheblicher Teil des Wahlkampfes der anderen Parteien dreht sich inzwischen nicht nur um eigene Vorhaben, sondern um die Frage, wie mit einem möglichen AfD-Wahlsieg umzugehen wäre.
Das ist für eine Oppositionspartei zunächst eine komfortable Lage.
Sie bestimmt einen erheblichen Teil der politischen Agenda.
Verfassungsschutz-Einstufung bleibt schwerwiegender Streitpunkt
Zur vollständigen Einordnung gehört allerdings auch, dass der Landesverband Sachsen-Anhalt vom dortigen Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird.
Diese Einstufung weist die AfD zurück.
Sie gehört dennoch zu den zentralen Argumenten ihrer politischen Gegner und wird den Wahlkampf bis zum 6. September begleiten.
Auch einzelne Aussagen und Positionen Siegmunds sorgen regelmäßig für heftige politische Auseinandersetzungen.
Damit bleibt der Spitzenkandidat eine stark polarisierende Persönlichkeit.
Seine Anhänger sehen in ihm einen Politiker, der Dinge ausspricht, die andere Parteien nicht offen ansprechen wollten. Kritiker sehen dagegen eine erhebliche Radikalisierung der politischen Debatte.
Beides erklärt einen Teil der außergewöhnlich hohen Aufmerksamkeit, die Siegmund derzeit erhält.
41 Prozent verändern den gesamten Wahlkampf
Unabhängig von der politischen Bewertung lässt sich ein Punkt kaum bestreiten: Die AfD hat den Wahlkampf in Sachsen-Anhalt derzeit weitgehend geprägt.
Eine Partei, die vier Wochen vor einer Wahl bei 41 Prozent gemessen wird, kann von ihren Konkurrenten nicht mehr als Randerscheinung behandelt werden.
Siegmund hat gleichzeitig erreicht, dass die Wahl stark mit seiner Person verbunden wird.
Für die AfD ist das eine Chance.
Persönliche Wiedererkennbarkeit, klare Botschaften und ein großer Umfragevorsprung sind günstige Voraussetzungen für die letzten Wochen eines Wahlkampfes.
Sie bergen allerdings auch ein Risiko: Je stärker eine Partei den Anspruch auf Regierungsverantwortung erhebt, desto genauer werden ihre Konzepte überprüft.
Vom starken Wahlkampf zur möglichen Regierungsfähigkeit
Die entscheidende Herausforderung für Siegmund beginnt deshalb möglicherweise erst jetzt.
Die AfD muss nicht mehr beweisen, dass sie Proteststimmen gewinnen kann.
Das hat sie längst geschafft.
Sie muss nun jene Wähler überzeugen, die zwar mit der bisherigen Landespolitik unzufrieden sind, bei einer tatsächlichen Regierungsübernahme aber Stabilität, wirtschaftliche Verlässlichkeit und funktionsfähige Institutionen erwarten.
Genau darin liegt die nächste Entwicklungsstufe für die Partei.
Siegmund präsentiert sich im Wahlkampf selbstbewusst, erreicht viele Menschen und kann auf Umfragewerte zurückgreifen, von denen andere Parteien derzeit weit entfernt sind.
Ob daraus auch Regierungsfähigkeit entsteht, entscheiden am Ende nicht Wahlkampfveranstaltungen oder Umfragen.
Darüber entscheiden zunächst die Wähler am 6. September – und anschließend die tatsächlichen Mehrheitsverhältnisse im neuen Landtag.
Quellen
MDR – Infratest-dimap-Umfrage zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt – 31. Juli 2026
Tagesschau – Ausgangslage vor der Landtagswahl Sachsen-Anhalt – 6. August 2026
Deutsche Presse-Agentur – Berichterstattung zum Wahlkampf von Ulrich Siegmund – August 2026
Landtag Sachsen-Anhalt – Biografie Ulrich Siegmund
Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle – Analyse des AfD-Regierungsprogramms Sachsen-Anhalt
Landesamt für Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt – Verfassungsschutzbericht 2025