Berlin/Riga. Drohnen über NATO-Gebiet, Sabotagevorwürfe, Zwischenfälle an der Ostsee und der Krieg in der Ukraine: In Europa wird wieder intensiver darüber diskutiert, wie weit Russland gegenüber der NATO gehen könnte.

Mehrere europäische Geheimdienstvertreter haben zuletzt davor gewarnt, dass Moskau seine Aktivitäten gegen europäische Staaten in den kommenden Monaten ausweiten könnte.

Dabei geht es zunächst vor allem um hybride Angriffe – Sabotage, Drohnen, Einflussoperationen, Angriffe auf Infrastruktur und Aktionen unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges.

Tschechischer Geheimdienstchef hält begrenzten Vorstoß für möglich

Der Chef des tschechischen Inlandsgeheimdienstes BIS, Michal Koudelka, erklärte, auch eine begrenzte militärische Provokation an der NATO-Ostgrenze sei als Szenario denkbar.

Er nannte unter anderem einen kleinen Grenzvorstoß, sogenannte False-Flag-Aktionen oder groß angelegte Einflusskampagnen.

Ein derartiges Szenario könne sich nach seiner Einschätzung theoretisch innerhalb von Monaten und nicht erst in Jahren entwickeln. Gleichzeitig betonte Koudelka, dass zahlreiche Staaten daran arbeiteten, genau dies zu verhindern.

Auch Polens Ministerpräsident Donald Tusk verwies auf Geheimdiensterkenntnisse, wonach Russland mit Drohnen oder Raketen versuchen könnte, die Reaktion des Bündnisses zu testen.

Das sind Warnungen und Szenarien – keine Feststellung, dass ein Angriff beschlossen oder unmittelbar bevorstehend wäre.

Lettland sieht keinen bevorstehenden Angriff

Gerade die Sicherheitsbehörden im Baltikum mahnen deshalb zu einer nüchterneren Betrachtung.

Der lettische Geheimdienstchef Normunds Mežviets erklärte ausdrücklich, seine Behörde sehe derzeit keine Hinweise auf einen unmittelbar bevorstehenden russischen Angriff.

Es gebe zwar Anzeichen dafür, dass Russland Möglichkeiten für entschlosseneres Vorgehen vorbereite. Offen sei jedoch, ob dahinter konkrete militärische Pläne stünden oder ob Moskau vor allem Angst und Unsicherheit in westlichen Gesellschaften erzeugen wolle.

Auch aus Estland kamen Warnungen vor Panik und überhitzten Diskussionen über einen angeblich unmittelbar bevorstehenden Krieg.

Diese Einschätzung ist wichtig, weil ausgerechnet die Staaten an Russlands Grenze seit Jahren besonders eindringlich vor Moskau warnen.

Leipzig verschärft die deutsche Debatte

In Deutschland erhielt die Diskussion durch den Drohnenfall am Flughafen Leipzig/Halle neue Nahrung.

Die Bundesregierung machte Russland Anfang September für einen dort entdeckten Sprengsatz an einer Drohne verantwortlich. Die Drohne war Anfang August in der Nähe eines ukrainischen Frachtflugzeugs gefunden worden.

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und Außenminister Johann Wadephul erklärten, die Ermittlungen deuteten auf eine russische Beteiligung hin.

Russland weist entsprechende Vorwürfe zurück.

Wadephul erklärte zugleich ausdrücklich, Deutschland befinde sich nicht im Krieg, sei aber regelmäßig Ziel hybrider Aktivitäten.

Diese Unterscheidung ist zentral.

Ein Sabotageakt oder Geheimdiensteinsatz ist sicherheitspolitisch schwerwiegend – bedeutet aber nicht automatisch, dass ein konventioneller Krieg zwischen Russland und NATO unmittelbar bevorsteht.

Weitere Zwischenfälle an der Ostflanke

Mitte September kam es zusätzlich zu mehreren Vorfällen im Ostseeraum.

Ein russisches Kriegsschiff feuerte Signalmunition in Richtung eines dänischen Hubschraubers. Über Litauen schoss ein italienisches NATO-Kampfflugzeug eine Drohne mit Sprengsatz ab.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bezeichnete die Vorgänge als Teil eines breiteren Musters russischer Provokationen.

Die NATO verstärkt deshalb seit Jahren ihre Präsenz entlang der Ostflanke.

Für Russland wiederum gilt die militärische Unterstützung der Ukraine durch westliche Staaten als Beleg dafür, dass NATO-Länder faktisch immer stärker in den Konflikt eingebunden seien. Moskau hat wiederholt erklärt, westliche Waffen, Geheimdienstinformationen und militärische Unterstützung verschärften den Konflikt.

Zwischen Abschreckung und Eskalationsgefahr

Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie reagiert die NATO auf Provokationen, ohne selbst eine Eskalationsspirale auszulösen?

Die westliche Strategie setzt bisher auf Abschreckung.

Militärische Präsenz, Luftverteidigung und Übungen sollen Russland deutlich machen, dass ein Angriff auf Bündnisgebiet erhebliche Konsequenzen hätte.

Gleichzeitig versuchen Regierungen, zwischen einer tatsächlichen militärischen Bedrohung und Aktionen zu unterscheiden, die bewusst unterhalb der Schwelle eines offenen Angriffs bleiben.

Genau darin liegt das Problem hybrider Kriegsführung: Sie soll Unsicherheit darüber erzeugen, wann ein Vorfall noch Spionage oder Sabotage ist – und wann daraus ein militärischer Konflikt wird.

Kein Beleg für bevorstehenden großen Russland-NATO-Krieg

Bei aller Schärfe der derzeitigen Warnungen gibt es derzeit keinen belastbaren öffentlichen Beleg dafür, dass Russland einen groß angelegten Angriff auf NATO-Staaten unmittelbar vorbereitet.

Baltische Geheimdienstchefs weisen ausdrücklich darauf hin, dass Moskau erhebliche militärische Ressourcen weiterhin in der Ukraine bindet und ein Teil der russischen Strategie gerade darin bestehen könnte, Angst in Europa zu erzeugen.

Gleichzeitig wären die zunehmenden Drohnen- und Sabotagefälle falsch eingeordnet, wenn man sie als bedeutungslos abtun würde.

Die Lage ist deshalb komplizierter als die einfache Alternative „Krieg kommt“ oder „alles Panikmache“.

Europa steht vielmehr vor einer Phase, in der Russland und NATO ihre Grenzen gegenseitig sehr genau beobachten – und in der einzelne Vorfälle erhebliches Eskalationspotenzial besitzen können.

Für Deutschland stellt sich damit eine doppelte Aufgabe: Sicherheitsbehörden müssen tatsächliche Bedrohungen ernst nehmen. Zugleich sollte die öffentliche Debatte zwischen belegten Vorgängen, Geheimdienstszenarien und Spekulation unterscheiden.