Wer durch die tief eingeschnittenen Täler des Thüringer Schiefergebirges nach Lauscha (Bundesland: Thüringen, Landkreis Sonneberg) fährt, betritt die Heimat des gläsernen Weihnachtstraums. Die dicht verschachtelten Häuser schmiegen sich an die steilen Hänge, und aus vielen Werkstätten steigt bis heute der charakteristische Duft von erwärmtem Glas und Bunsenbrenner-Gas auf.
Hier begründeten Hans Greiner und Christoph Müller im Jahr 1597 mit der ersten Dorfglashütte ein Handwerk, das Lauscha weltweit berühmt machen sollte.
Inhaltsübersicht
Not macht erfinderisch: Die Geburt der Weihnachtskugel
Der Durchbruch nach Übersee: Woolworth entdeckt Lauscha
Meisterwerke für das Auge: Das Lauschaer Kunstauge
Von der Schauglashütte zum VEB Thüringer Glasschmuck
Ortspunkt Lauscha: Wo du das Glasfeuer hautnah erlebst
Leser-Aufruf: Hängt an deinem Weihnachtsbaum echter Lauschaer Schmuck?
Not macht erfinderisch: Die Geburt der Weihnachtskugel
Mitte des 19. Jahrhunderts war es Brauch, den Weihnachtsbaum mit Äpfeln, Nüssen und Zuckerwerk zu behängen. Doch in bitterarmen Wintern konnten sich viele Thüringer Glasbläserfamilien das teure Obst nicht leisten.
Ein verarmter Glasbläser kam um 1847 auf die erlösende Idee: Er blies vor der Lampe hohle Glaskugeln, spiegelte sie im Inneren mit einer Schicht aus Zinn und Blei (später durch ungiftiges Silber ersetzt) und hängte den glänzenden Ersatz an den Tannenbaum. Ein altes Auftragsbuch von 1848 belegt erstmals die Bestellung von sechs Dutzend „Marmeln“ (Glaskugeln) – der Siegeszug des gläsernen Baumschmucks war nicht mehr aufzuhalten.
Der Durchbruch nach Übersee: Woolworth entdeckt Lauscha
Der endgültige Weltruhm stellte sich in den 1880er-Jahren ein. Der amerikanische Kaufmann Frank Winfield Woolworth entdeckte den Lauschaer Baumschmuck bei einer Deutschlandreise und kaufte die feinen Glaskugeln, Tannenzapfen und Weihnachtsmänner auf.
Er importierte sie in seine rasch wachsenden Woolworth-Kaufhäuser in den USA. Binnen weniger Jahre schiffte Lauscha Jahresproduktionen von Millionen Christbaumkugeln über den Atlantik – die Thüringer Heimarbeit eroberte die amerikanischen Wohnzimmer.
Meisterwerke für das Auge: Das Lauschaer Kunstauge
Lauschaer Glasbläser glänzten nicht nur mit Dekoration. 1835 erfand Ludwig Müller-Uri in Lauscha das künstliche Menschenauge aus Glas.
Durch die Entwicklung eines speziellen, kryolithhaltigen Glases („Kryolithglas“) gelang es, Augenprothesen herzustellen, die in Farbe, Glanz und biologischer Verträglichkeit menschlichen Augen verblüffend ähnlich waren. Bis heute ist Lauscha ein Zentrum für medizinische Ocularistik.
Von der Schauglashütte zum VEB Thüringer Glasschmuck
In der DDR-Zeit wurden die Kleinbetriebe im VEB Thüringer Glasschmuck Lauscha gebündelt. Mit maschineller Unterstützung, aber weiterhin hohem Handarbeitsanteil, belieferte der Betrieb den gesamten Ostblock und war ein verlässlicher Devisenbringer.
Nach 1990 besannen sich die Glasbläser wieder auf traditionelle Handarbeit. Heute fertigen Manufakturen in Lauscha mundgeblasene, handbemalte Unikate in historischen Formen, die Sammler auf der ganzen Welt schätzen.
Ortspunkt Lauscha: Wo du das Glasfeuer hautnah erlebst
Wer auf den Spuren der Glasbläser in Thüringen unterwegs ist, findet faszinierende Erlebnispunkte:
Farbglashütte Lauscha: Die historische Glashütte bietet Schauvorführungen am Hüttenofen und Einblicke in die traditionsreiche Herstellung von Farbglasstäben.
Deutsches Museum für Glaskunst (Lauscha): Zeigt die komplette Geschichte des Thüringer Glases – vom Hüttenglas des 16. Jahrhunderts über feinsten Christbaumschmuck bis hin zur modernen Glaskunst und Augenprothetik.
Leser-Aufruf: Hängt an deinem Weihnachtsbaum echter Lauschaer Schmuck?
Besitzt du noch vererbelte Weihnachtskugeln aus Thüringen, hast du den Glasbläsern in Lauscha schon einmal über die Schulter geschaut oder fasziniert dich die Handwerkskunst?
Schickt uns eure Fotos und Geschichten per E-Mail an redaktion@ostdeutsche-zeitung.de oder teilt eure Anekdoten unten in den Kommentaren!