Neue Forschungszentren, geförderte Unternehmensansiedlungen und große Versprechen für die Zeit nach der Kohle sollen der Lausitz eine wirtschaftliche Zukunft geben. Dennoch bleiben politische Konflikte scharf und das Misstrauen gegenüber Institutionen hoch. Forschende der Hochschule Zittau/Görlitz sehen darin keinen kurzfristigen Stimmungsausschlag, sondern das Ergebnis mehrerer Umbrüche, die sich seit 1990 überlagern.

Am 13. Juli diskutierten Wissenschaftler der Hochschule Zittau/Görlitz am Campus Sachsendorf der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus über Transformation, demografischen Wandel und politische Polarisierung in der Lausitz.

Im Mittelpunkt stand die Frage, wie die gegenwärtigen Konflikte aus einer langfristigen Perspektive verstanden werden können. Prof. Raj Kollmorgen vom TRAWOS-Institut beschrieb Transformationen dabei als komplexe gesellschaftliche Prozesse, die von historischen Erfahrungen, regionalen Bedingungen und unterschiedlichen Generationen geprägt werden.

Für Görlitz ist diese Debatte unmittelbar relevant. Die Stadt und der Landkreis stehen erneut vor einem tiefen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbau. Der Kohleausstieg, neue Forschungsprojekte, die Suche nach Fachkräften und der demografische Wandel treffen auf eine Bevölkerung, die bereits den Umbruch nach 1989 erlebt hat.

Ein Strukturbruch ist noch nicht verarbeitet

Die politischen Spannungen in der Lausitz beginnen nicht mit dem aktuellen Kohleausstieg. Viele Familien haben bereits nach 1990 erlebt, wie Betriebe geschlossen, Berufsabschlüsse entwertet und vertraute Lebensläufe unterbrochen wurden.

Arbeitsplätze verschwanden, junge Menschen zogen fort und ganze Regionen verloren Einwohner. Für einen Teil der Bevölkerung bedeutete die deutsche Einheit Freiheit und neue Möglichkeiten. Für andere war sie zugleich mit sozialem Abstieg, Kontrollverlust oder dem Gefühl verbunden, dass über ihre Zukunft von außen entschieden wurde.

Diese Erfahrungen wirken weiter, auch wenn sie nicht in jeder Familie gleich bewertet werden.

Die Forschenden nennen mehrere Entwicklungen, die sich heute gegenseitig verstärken:

  • die langfristigen Folgen des Systemumbruchs von 1989 und 1990,
  • der aktuelle wirtschaftliche Wandel durch den Kohleausstieg,
  • Abwanderung und Alterung der Bevölkerung,
  • Veränderungen von Dörfern und kleineren Städten,
  • politische Polarisierung,
  • unterschiedliche Erwartungen zwischen den Generationen.

Das TRAWOS-Institut betrachtet diese Faktoren nicht als voneinander getrennte Einzelprobleme. Sie bilden vielmehr einen gemeinsamen Erfahrungshintergrund, vor dem aktuelle politische Entscheidungen beurteilt werden.

Fördergeld ersetzt keine erkennbare Perspektive

Für den Strukturwandel in der Lausitz stehen erhebliche öffentliche Mittel bereit. Neue Forschungsstandorte, Verkehrsvorhaben und Unternehmensprojekte sollen Arbeitsplätze schaffen und die Region wirtschaftlich neu ausrichten.

Doch Förderbescheide allein verändern noch keinen Alltag. Für Einwohner zählt, ob angekündigte Projekte tatsächlich umgesetzt werden, ob Arbeitsplätze dauerhaft entstehen und ob sie für Menschen aus der Region erreichbar sind.

Entscheidend sind konkrete Fragen:

  • Entstehen reguläre Arbeitsplätze oder vor allem befristete Projektstellen?
  • Profitieren regionale Unternehmen und Handwerker?
  • Werden kleinere Orte besser angebunden?
  • Können junge Menschen in der Region eine Familie gründen?
  • Bleiben Schulen, Ärzte und Nahverkehr erreichbar?
  • Werden Einwohner frühzeitig an Entscheidungen beteiligt?

Bleiben diese Fragen unbeantwortet, können selbst große Investitionen als abstrakt oder fremdbestimmt wahrgenommen werden.

Die Lausitz wird einerseits als Problemregion mit wirtschaftlicher Stagnation, demografischen Verlusten und einem Erstarken extremistischer Kräfte beschrieben. Andererseits gilt sie als mögliche Modellregion für den Wandel von der Kohle hin zu Wissenschaft, Technologie und neuen Industrien. Genau zwischen diesen widersprüchlichen Bildern entsteht zusätzlicher Erwartungsdruck.

„Transformationen sind langfristige und komplexe gesellschaftliche Re-Konfigurationsprozesse.“

Mit diesem Ansatz warnt die Forschung vor der Vorstellung, wirtschaftlicher Wandel lasse sich allein durch einzelne Investitionen oder politische Programme steuern. Veränderungen betreffen auch Anerkennung, Identität, soziale Beziehungen und das Vertrauen in Institutionen.

Görlitz zwischen Wissenschaftsstandort und Stimmungskrise

Görlitz besitzt reale Chancen. Das Deutsche Zentrum für Astrophysik, die Hochschule Zittau/Görlitz und weitere Forschungs- und Technologieprojekte können die Stadt stärker als Wissenschaftsstandort profilieren.

Der Soziologe Raj Kollmorgen hält grundsätzlich eine Entwicklung für möglich, bei der Görlitz langfristig eine ähnliche Verbindung von Wissenschaft, Stadt und Wirtschaft aufbaut, wie sie in anderen erfolgreichen Hochschulstandorten besteht. Zugleich verweist die Debatte auf gesellschaftliche Verunsicherung und politische Polarisierung.

Ein Forschungszentrum entfaltet jedoch nicht automatisch Wirkung in allen Stadtteilen. Zwischen wissenschaftlicher Spitzenforschung und dem Alltag eines älteren Einwohners, eines Handwerksbetriebes oder einer Verkäuferin besteht zunächst eine große Distanz.

Diese Distanz kann kleiner werden, wenn Projekte:

  • Ausbildungs- und Praktikumsplätze anbieten,
  • regionale Betriebe als Zulieferer einbinden,
  • Schulen und Öffentlichkeit beteiligen,
  • verständlich über Fortschritte und Verzögerungen informieren,
  • dauerhafte Arbeitsplätze statt kurzfristiger Erwartungen schaffen.

Fehlt diese Verbindung, entsteht leicht der Eindruck zweier Welten: auf der einen Seite Förderpolitik und Zukunftssprache, auf der anderen Seite steigende Kosten, fehlende Fachärzte, ausgedünnte Buslinien oder unsichere Arbeitsplätze.

Polarisierung ist mehr als ein Wahlergebnis

Politische Polarisierung wird häufig allein anhand von Wahlergebnissen beschrieben. Das greift zu kurz.

Polarisierung zeigt sich auch darin, dass gesellschaftliche Gruppen dieselben Entwicklungen völlig unterschiedlich wahrnehmen. Was die einen als notwendige Modernisierung verstehen, erleben andere als erneuten Verlust. Was für die einen internationale Öffnung bedeutet, löst bei anderen Angst vor Konkurrenz oder kultureller Veränderung aus.

Aktuelle Krisen wie Krieg, Inflation, Migration und wirtschaftliche Unsicherheit erhöhen zusätzlich den politischen Druck. Nach Einschätzung Kollmorgens mobilisieren solche Konflikte mehr Menschen zur Wahl, führen aber zugleich zu einer stärkeren Zuspitzung zwischen politischen Lagern.

In der Lausitz kommen regionale Erfahrungen hinzu. Viele Menschen haben gelernt, dass politische Versprechen und tatsächliche Entwicklungen weit auseinanderliegen können. Neue Ankündigungen werden deshalb nicht automatisch mit Hoffnung aufgenommen, sondern zunächst auf ihre Glaubwürdigkeit geprüft.

Misstrauen ist dabei nicht immer Ausdruck einer geschlossenen politischen Haltung. Es kann aus unterschiedlichen Erfahrungen entstehen:

  • nicht eingehaltenen Versprechen,
  • fehlender Beteiligung,
  • wirtschaftlicher Unsicherheit,
  • mangelnder Anerkennung ostdeutscher Lebensleistungen,
  • dem Eindruck, öffentlich nur als Problemregion dargestellt zu werden.

Problematisch wird es, wenn berechtigte Kritik in pauschale Feindbilder, Menschenfeindlichkeit oder die Ablehnung demokratischer Institutionen umschlägt.

Strukturwandel braucht echte Beteiligung

Die Hochschule untersucht deshalb auch, welche Rolle Soziale Arbeit und gesellschaftliche Einrichtungen bei Veränderungsprozessen spielen können. Gemeint sind nicht nur klassische Beratungsangebote, sondern Räume, in denen Konflikte sichtbar und verhandelbar werden.

Beteiligung darf allerdings nicht erst beginnen, wenn wesentliche Entscheidungen bereits getroffen wurden. Informationsabende, bei denen fertige Pläne vorgestellt werden, schaffen nur begrenzt Vertrauen.

Glaubwürdige Beteiligung verlangt:

  • frühzeitige und verständliche Informationen,
  • nachvollziehbare Entscheidungsspielräume,
  • Einbindung kleinerer Gemeinden und Ortsteile,
  • Rückmeldungen dazu, welche Vorschläge übernommen wurden,
  • offene Kommunikation über Kosten, Risiken und Verzögerungen,
  • Ansprechpartner, die auch nach Veranstaltungen erreichbar bleiben.

Nicht jeder Konflikt lässt sich dadurch lösen. Unterschiedliche Interessen bleiben bestehen. Doch Menschen akzeptieren Entscheidungen eher, wenn sie den Weg dorthin verstehen und ihre Einwände ernst genommen werden.

Rechtsextremismus wird zum eigenen Forschungsthema

Im Wintersemester 2026/27 soll die Veranstaltungsreihe unter anderem mit den Themen Strukturwandel im ländlichen Raum, Systemumbruch 1989/90, Rechtsextremismus und sozial-ökologische Transformation fortgesetzt werden.

Die Verbindung dieser Themen ist wichtig. Rechtsextremismus lässt sich nicht allein mit wirtschaftlichen Problemen erklären. Arbeitslosigkeit oder Abwanderung führen nicht zwangsläufig zu radikalen Einstellungen.

Gleichzeitig können Unsicherheit, Kontrollverlust und schwaches Vertrauen in Institutionen ein Umfeld schaffen, in dem einfache Schuldzuweisungen leichter verfangen. Rechtsextreme Akteure greifen reale Sorgen auf, verbinden sie jedoch mit Ausgrenzung, Verschwörungserzählungen und einem Angriff auf demokratische Regeln.

Eine demokratische Strukturpolitik muss deshalb zweierlei leisten: Sie muss wirtschaftliche und infrastrukturelle Probleme ernsthaft bearbeiten und zugleich klare Grenzen gegenüber menschenfeindlichen Positionen ziehen.

Die Lausitz darf nicht erneut zum Versuchsraum werden

Seit Jahren wird die Lausitz als Modell-, Zukunfts- oder Transformationsregion bezeichnet. Darin liegt eine Chance, aber auch ein Risiko.

Wer eine Region fortwährend zum Versuchsfeld erklärt, kann bei ihren Einwohnern den Eindruck erzeugen, dass andere über sie forschen, planen und entscheiden. Die Menschen vor Ort dürfen nicht nur Gegenstand des Wandels sein. Sie müssen selbst Einfluss auf dessen Richtung erhalten.

Für Görlitz bedeutet das: Neue Forschungsprojekte und Investitionen sind wichtig. Ebenso wichtig ist aber, ob sie in der Stadtgesellschaft ankommen.

Der Erfolg des Strukturwandels wird sich nicht allein an Fördersummen, Institutsgründungen oder eröffneten Gebäuden messen lassen. Er zeigt sich daran, ob Menschen Vertrauen zurückgewinnen, berufliche Perspektiven erkennen und das Gefühl haben, dass ihre Erfahrungen ernst genommen werden.

Politische Polarisierung verschwindet nicht durch einen weiteren Förderbescheid. Sie wird dort schwächer, wo Veränderungen nachvollziehbar, gerecht und gemeinsam gestaltet werden.

Quellen und Datenbasis

  • TRAWOS-Institut der Hochschule Zittau/Görlitz: Bericht „Transformation und die Lausitz“ vom 17. Juli 2026.
  • GAT-Institut der Hochschule Zittau/Görlitz: Informationen zum TransformationsLABOR und zur geplanten Veranstaltungsreihe im Wintersemester 2026/27.
  • Hochschule Zittau/Görlitz: Beiträge zur gesellschaftlichen Verunsicherung, politischen Polarisierung und Entwicklung von Görlitz als Wissenschaftsstandort.