Hakenkreuze, antisemitische Äußerungen und volksverhetzende Parolen beschäftigen zunehmend auch Thüringens Schulen. Das Bildungsministerium will deshalb sogenannte Verfassungs-Coaches einführen. Sie sollen Lehrkräfte unterstützen, feste Ansprechpartner bieten und dabei helfen, antidemokratischen Tendenzen im Schulalltag entschlossener zu begegnen.

101 mutmaßliche Delikte innerhalb eines Jahres

Im Jahr 2025 meldeten Thüringer Schulen 101 mutmaßliche Straftaten mit rechtsextremem oder antisemitischem Hintergrund. Dabei ging es unter anderem um Hakenkreuze, Kennzeichen verfassungswidriger oder terroristischer Organisationen sowie volksverhetzende Äußerungen.

Im Jahr 2024 wurden 120 derartige Fälle registriert. Zwei Jahre zuvor waren es 73. Die Zahlen gehen auf Antworten des Bildungsministeriums an die Linke-Landtagsabgeordnete Katharina König-Preuss zurück.

Die Statistik erfasst lediglich gemeldete Fälle. Wie groß das tatsächliche Problem ist, lässt sich daraus nicht vollständig ableiten. Klar ist jedoch: Lehrer und Schulleitungen werden immer häufiger mit Situationen konfrontiert, die pädagogische, rechtliche und teilweise auch polizeiliche Reaktionen verlangen.

Universität Jena soll das Projekt begleiten

Der Einsatz der Verfassungs-Coaches wird nach Angaben des Ministeriums gemeinsam mit der Universität Jena vorbereitet. Die Coaches sollen Schulen bei der Demokratiebildung unterstützen und ihnen im Umgang mit extremistischen Vorfällen zur Seite stehen.

Konkrete Angaben zur Zahl der Stellen, zu Qualifikationen, Finanzierung und Einsatzbeginn machte das Ministerium zunächst nicht. Genau davon wird jedoch abhängen, ob aus der Ankündigung eine spürbare Hilfe für die Schulen wird.

Ein einzelner Ansprechpartner für zahlreiche Einrichtungen könnte kaum die notwendige Präsenz entwickeln. Wirkung entfaltet das Modell nur, wenn die Coaches kurzfristig erreichbar sind, Unterricht und Schulalltag kennen und auch bei konkreten Konflikten unterstützen können.

Verfassungsviertelstunde soll ausgeweitet werden

Zusätzlich will das Land die sogenannte Verfassungsviertelstunde ausbauen. Das Format wurde Anfang 2026 zunächst an ausgewählten Schulen eingeführt. Dabei sprechen Schüler anhand eigener Alltagserfahrungen über Grundrechte und demokratische Werte.

Langfristig soll es die Verfassungsviertelstunde an allen Thüringer Schulen geben. Außerdem stellt das Ministerium eine Übersicht kostenloser Beratungs- und Präventionsangebote bereit. Lehrkräfte und pädagogische Teams sollen so schneller geeignete Hilfe finden.

Schulleitungen sind bereits verpflichtet, verfassungsfeindliche Äußerungen, entsprechende Symbole und gewalttätige Übergriffe als besondere Vorkommnisse an das Ministerium zu melden. Je nach Einzelfall entscheiden sie über pädagogische Maßnahmen, Ordnungsmaßnahmen oder eine Anzeige bei der Polizei.

Schulen brauchen mehr als ein neues Etikett

Die Einführung von Verfassungs-Coaches kann sinnvoll sein. Sie darf jedoch nicht zum Ersatz für ausreichend ausgebildete Lehrer, Schulsozialarbeiter und eine handlungsfähige Schulverwaltung werden.

Politische Bildung funktioniert nicht allein über eine zusätzliche Unterrichtsviertelstunde. Entscheidend ist, wie eine Schule im Alltag mit Ausgrenzung, Gewalt und menschenfeindlichen Äußerungen umgeht. Dazu braucht es klare Regeln, Rückhalt für Lehrkräfte und schnelle Unterstützung in schwierigen Situationen.

Das Ministerium hat eine Richtung vorgegeben. Nun muss es offenlegen, wie viele Coaches tatsächlich eingesetzt werden, welche Befugnisse sie besitzen und wie ihr Erfolg überprüft werden soll.