Webseiten, Flyer, Radiospots und Hinweise im öffentlichen Nahverkehr sollen Menschen vor den Gefahren extremer Hitze schützen. Doch ob diese Kampagnen tatsächlich Wissen, Risikowahrnehmung und Verhalten verändern, wird in Europa nur selten systematisch geprüft. Zu diesem Ergebnis kommt eine internationale Studie unter Leitung der Universität Erfurt.

Elf Kampagnen aus mehreren Ländern analysiert

Das Forschungsteam untersuchte elf Kommunikationsmaßnahmen aus Deutschland, Frankreich, Griechenland und den Niederlanden. Zusätzlich wurden Initiativen europäischer und internationaler Organisationen wie der Weltgesundheitsorganisation und der Weltorganisation für Meteorologie einbezogen.

Grundlage waren außerdem drei Treffen mit jeweils rund 20 Fachleuten aus Gesundheitsbehörden und Forschungseinrichtungen. Diese fanden zwischen Mai 2024 und Juni 2025 statt.

Untersucht wurden unter anderem:

  • Webseiten,
  • Beiträge in sozialen Netzwerken,
  • Flyer,
  • Radiospots,
  • Videos,
  • Warnhinweise im öffentlichen Nahverkehr.

Die Angebote richten sich sowohl an die Allgemeinbevölkerung als auch an besonders gefährdete Gruppen. Dazu gehören ältere und wohnungslose Menschen sowie Besucher großer Veranstaltungen.

Meist fehlen Vorabtests und Wirkungskontrollen

Die meisten Kampagnen orientieren sich laut Studie grundsätzlich an bewährten Regeln der Gesundheitskommunikation. Trotzdem werden nur wenige Maßnahmen vor ihrer Veröffentlichung getestet.

Auch nach dem Start findet häufig keine umfassende Auswertung statt. Die Erfolgskontrolle beschränkt sich teilweise auf einfache Kennzahlen wie die Zahl der Webseitenaufrufe.

Damit bleibt häufig unklar, ob die Kampagne tatsächlich:

  • das Wissen über Hitzerisiken verbessert,
  • besonders gefährdete Menschen erreicht,
  • die persönliche Risikowahrnehmung verändert,
  • zu konkreten Schutzmaßnahmen führt.

Die Forscher fordern deshalb einen grundlegenden Wandel bei der Entwicklung und Bewertung solcher Kampagnen.

Frankreich setzt auf positive Botschaften

Als besonders gelungen bewertet die Studie eine Kampagne der französischen Gesundheitsbehörde Santé publique France. Sie setzt nicht ausschließlich auf Risiken und Gefahren, sondern zeigt konkrete Vorteile von Schutzmaßnahmen.

Thematisiert werden beispielsweise:

  • das Kühlen von Wohnräumen,
  • ein besserer Schlaf während Hitzeperioden,
  • leicht umsetzbare Maßnahmen im Alltag.

Mehr als 3.000 Menschen wurden vor und nach der Kampagne befragt. Das positive und nutzenorientierte Vorgehen führte zu mehr Aufmerksamkeit als klassische Warnbotschaften.

Fast die Hälfte der Befragten gab an, mindestens eine empfohlene Maßnahme umgesetzt zu haben. Mehr als 70 Prozent erklärten, dies künftig tun zu wollen.

Niederlande ändern ihre Strategie

Auch das niederländische Institut für öffentliche Gesundheit und Umwelt überprüfte seinen Hitzeaktionsplan 2024 und 2025 erstmals seit 20 Jahren umfassend.

Die Ergebnisse führten zu einer veränderten Kommunikationsstrategie. Statt allein über persönlichen Selbstschutz zu informieren, wird nun stärker dazu aufgerufen, bei Hitze auch auf andere Menschen zu achten.

Damit richtet sich die Kampagne besonders an:

  • Angehörige,
  • Pflegende,
  • Nachbarn,
  • Betreuungspersonen,
  • Menschen mit Kontakt zu gefährdeten Gruppen.

In vielen anderen Ländern dominierten dagegen weiterhin angst- und verlustorientierte Botschaften.

Zielgruppen werden selten gezielt angesprochen

Nach Angaben der Forscher fehlt es häufig an einer differenzierten Ansprache einzelner Bevölkerungsgruppen. Dabei benötigen verschiedene Menschen unterschiedliche Informationen.

Besondere Risiken bestehen unter anderem für:

  • alleinlebende ältere Menschen,
  • Menschen ohne festen Wohnsitz,
  • chronisch Erkrankte,
  • Beschäftigte im Freien,
  • Touristen,
  • Besucher von Großveranstaltungen.

Allgemeine Warnungen erreichen diese Gruppen nicht automatisch. Die Forschenden empfehlen deshalb, Kommunikationsmaterialien stärker auf konkrete Lebenssituationen und Bedürfnisse abzustimmen.

Zwei Drittel kennen ihr eigenes Risiko nicht

Das vom Bundesgesundheitsministerium geförderte Projekt HEATCOM erhebt in Deutschland regelmäßig repräsentative Daten zu Hitzewissen, Risikowahrnehmung und Schutzverhalten.

Die Daten zeigen laut Pressemitteilung, dass rund zwei Drittel der Menschen aus besonders gefährdeten Gruppen ihr erhöhtes persönliches Risiko nicht erkennen.

Dieser Befund macht aus Sicht der Forscher deutlich, dass allgemeine Warnungen allein nicht genügen.

Europaweite Datenbank gefordert

Das Forschungsteam empfiehlt vier zentrale Veränderungen:

  • Kommunikationsmaterialien sollen vor der Veröffentlichung systematisch getestet werden.
  • Nach dem Start soll eine verpflichtende Wirkungskontrolle erfolgen.
  • Eine europaweite Datenbank soll bereits geprüfte Materialien zugänglich machen.
  • Gesundheitsbehörden sollen enger zusammenarbeiten und Erfahrungen austauschen.

Bislang gebe es zwischen den europäischen Ländern nur wenig Austausch über erfolgreiche Kampagnen, Evaluationsverfahren und geeignete Materialien.

Warnungen und Schutztipps allein reichen nicht aus – ihre tatsächliche Wirkung muss ebenfalls nachgewiesen werden.

Die Studie wurde im Fachjournal „Nature Health“ veröffentlicht.

Quellen und Datenbasis

  • Universität Erfurt, Pressemitteilung Nr. 10/2026 vom 16. Juli 2026: „Hitzewarnungen in Europa“.
  • Projekt HEATCOM am Institute for Planetary Health Behaviour der Universität Erfurt.
  • Studie „Evidence-based communications for extreme heat and health“, veröffentlicht in Nature Health.