CHEMNITZ. Bisherige Anwendungen zur akustischen Artenbestimmung waren häufig auf eine stabile Internetverbindung angewiesen. In abgelegenen Wäldern, Gebirgsregionen oder Schutzgebieten war eine unmittelbare Auswertung deshalb oft nicht möglich.
Bei „BirdNET Live“ laufen die KI-Modelle vollständig auf dem mobilen Gerät. Dafür wurden sie nach Angaben der TU Chemnitz verkleinert, beschleunigt und für Smartphones optimiert. Aufnahmen müssen für die Analyse nicht erst an einen externen Server übertragen werden.
App erkennt 8.927 Vogelarten
Die Anwendung kann derzeit die Stimmen von 8.927 Vogelarten erkennen. Hinzu kommen die Laute von:
- 268 Säugetierarten,
- 254 Insektenarten,
- 340 Amphibienarten.
Insgesamt kann die App damit fast 10.000 Tierarten akustisch unterscheiden. Nach Angaben des leitenden Entwicklers Dr. Stefan Kahl von der Professur Medieninformatik der TU Chemnitz erreicht derzeit keine andere Offline-App eine vergleichbare Artenzahl. Die nächstbeste Anwendung komme auf rund 2.300 Arten.
Die Artenbestimmung erfolgt in Echtzeit. Die Bedienelemente stehen aktuell in sieben Sprachen zur Verfügung, die Tiernamen werden in 25 Sprachen angezeigt. Das Projekt wird als Open-Source-Anwendung entwickelt.
Für Ranger, Wissenschaft und Bürgerforschung
„BirdNET Live“ ist nicht nur für die gelegentliche Bestimmung eines Vogels im Garten gedacht. Die App verfügt über spezielle Funktionen für systematische Erhebungen in der Natur.
Sie kann Tierlaute automatisch erfassen und mit Orts- und Zeitangaben verknüpfen. Die Ergebnisse werden lokal auf dem Smartphone gespeichert und lassen sich später überprüfen, exportieren oder mit Fachleuten teilen.
Im sogenannten Transect-Modus läuft die App während einer festgelegten Route über einen längeren Zeitraum mit. Dadurch können erkannte Tierstimmen einzelnen Punkten entlang des zurückgelegten Weges zugeordnet werden. Diese Funktion ist besonders für Nationalparks, ökologische Untersuchungen und regelmäßige Kontrollgänge interessant.
Smartphone kann im Rucksack bleiben
Für längere Aufzeichnungen lässt sich das Smartphone mit einem externen Mikrofon verbinden. Das Gerät kann dann geschützt im Rucksack verbleiben, während die Anwendung im Hintergrund kontinuierlich Geräusche aufzeichnet und analysiert.
Damit soll die App auch unter rauen Bedingungen im Gelände einsetzbar sein. Gerade Ranger und Forschende arbeiten häufig in Regionen, in denen Mobilfunkempfang fehlt oder Geräte vor Regen und Feuchtigkeit geschützt werden müssen.
Technologischer Fortschritt steckt im KI-Modell
Dass die Analyse direkt auf einem Smartphone erfolgt, klingt zunächst nach einer überschaubaren Weiterentwicklung. Nach Einschätzung von Entwickler Stefan Kahl steckt dahinter jedoch erheblicher technischer Aufwand.
„Dahinter steckt jedoch ein enormer technologischer Fortschritt bei der Optimierung unserer KI-Modelle.“
Entscheidend war demnach, die Modelle so effizient zu gestalten, dass sie trotz der begrenzten Rechenleistung und Speicherkapazität eines Mobiltelefons eine große Zahl von Arten zuverlässig verarbeiten können.
Vier Partner entwickelten die Anwendung
Die App entstand im Projekt „RangerSound“, das von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt gefördert wurde. Beteiligt waren:
- die TU Chemnitz mit ihrer KI- und Medieninformatik-Kompetenz,
- die Universität Würzburg mit Fachwissen aus Naturschutzbiologie und Waldökologie,
- das Ranger-Team des Nationalparks Bayerischer Wald,
- das Freiburger Unternehmen Oekofor als Spezialist für Aufzeichnungstechnik.
Die Verbindung von Forschung, praktischer Naturschutzarbeit und Hardwareentwicklung sollte sicherstellen, dass die Anwendung nicht nur unter Laborbedingungen funktioniert.
Einsatz auch in Studium und Regenwald geplant
Die Universität Würzburg will „BirdNET Live“ künftig in der Lehre einsetzen. Studierende sollen damit bei Geländekursen und Abschlussarbeiten standardisierte akustische Daten erheben können.
Auch bei Forschungsarbeiten im Tieflandregenwald Ecuadors soll die App zum Einsatz kommen. Dort ist die Artenvielfalt besonders hoch, eine Mobilfunkverbindung jedoch häufig nicht vorhanden.
BirdNET hat bereits Millionen Nutzer
„BirdNET Live“ ist eine Weiterentwicklung des bestehenden BirdNET-Systems. Dieses Gemeinschaftsprojekt der TU Chemnitz und des Cornell K. Lisa Yang Center for Conservation Bioacoustics gilt als eine der führenden Technologien zur automatischen Erkennung von Vogelstimmen.
Nach Angaben der TU Chemnitz zählt BirdNET weltweit mehr als zwei Millionen aktive Nutzer und mehr als sechs Millionen App-Downloads. Über das Projekt wurden bereits mehr als 250 Millionen bestätigte Naturbeobachtungen gesammelt. Die Daten werden teilweise auch für wissenschaftliche Untersuchungen genutzt.
Mehr als eine Bestimmungs-App
Die neue Anwendung verbindet mehrere Funktionen: Sie hilft beim Lernen von Tierstimmen, unterstützt Bürgerforschung und ermöglicht Fachleuten standardisierte Erhebungen.
Der entscheidende Unterschied liegt in der Unabhängigkeit vom Netz. Wo bislang Aufnahmen gespeichert und später ausgewertet werden mussten, liefert „BirdNET Live“ unmittelbar vor Ort Ergebnisse.
Damit bringt die TU Chemnitz professionelle Bioakustik auf ein Gerät, das die meisten Menschen ohnehin bei sich tragen.
Quellen
- Technische Universität Chemnitz: „Vögel offline mit KI bestimmen: Neue App erfasst Tierlaute direkt auf dem Smartphone“, veröffentlicht am 27. Juli 2026.
- Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald: Informationen zu „BirdNET Live“, dem Transect-Modus und dem Projekt RangerSound.