Eine regelmäßige digitale Rückmeldung kann bei schwer erkrankten Brustkrebspatientinnen einen spürbaren Unterschied machen. Frauen, deren Beschwerden einmal pro Woche per App erfasst und bei Auffälligkeiten medizinisch bewertet wurden, berichteten über weniger Erschöpfung und mussten seltener stationär behandelt werden.

Das belegt eine deutschlandweite Studie der Charité – Universitätsmedizin Berlin und der Deutschen Krebsgesellschaft. Untersucht wurde das Behandlungskonzept „PRO B“, das gemeinsam mit den Krankenkassen BARMER, DAK-Gesundheit und mkk – meine krankenkasse umgesetzt wurde.

Der Gemeinsame Bundesausschuss hat aufgrund der medizinischen und wirtschaftlichen Ergebnisse empfohlen, die neue Versorgungsform in die reguläre Versorgung gesetzlich Versicherter zu überführen.

App fragt wöchentlich nach Beschwerden

Im Mittelpunkt des Behandlungskonzepts steht eine App, die den teilnehmenden Frauen einmal pro Woche bis zu 52 Fragen stellt. Erfasst werden körperliche Beschwerden, Einschränkungen im Alltag und die emotionale Verfassung.

Gefragt wird unter anderem nach Schmerzen, Müdigkeit, Kurzatmigkeit und der Fähigkeit, alltägliche Tätigkeiten auszuführen. Ein Algorithmus wertet die Antworten aus und meldet relevante Veränderungen unmittelbar an das zuständige Behandlungsteam.

Nach einer solchen Warnung nehmen die medizinischen Fachkräfte innerhalb von 48 Stunden Kontakt zur Patientin auf. In einem persönlichen Gespräch wird geklärt, ob eine Behandlung angepasst, ein Medikament verändert oder eine Untersuchung in der Klinik notwendig ist.

Moderne Krebstherapie findet häufig zu Hause statt

Nach Angaben der Pressemitteilung leben in Deutschland rund 68.000 Frauen mit Brustkrebs, der bereits Metastasen gebildet hat. Der Tumor hat sich in diesem Stadium in andere Organe oder Körperbereiche ausgebreitet.

Metastasierter Brustkrebs gilt in der Regel als nicht heilbar. Moderne Medikamente können die Erkrankung jedoch über längere Zeit kontrollieren und die Lebenserwartung teilweise um mehrere Jahre verlängern.

Viele dieser Arzneimittel müssen nicht mehr in einer Klinik verabreicht werden. Die Patientinnen können sie zu Hause einnehmen und müssen deshalb seltener persönlich im Brustzentrum erscheinen.

Diese Entwicklung erleichtert zwar den Alltag, kann aber auch dazu führen, dass Nebenwirkungen oder Veränderungen später auffallen. Das digitale Konzept soll diese Lücke zwischen den Klinikterminen schließen.

Mehr als 900 Patientinnen nahmen an Studie teil

An der deutschlandweiten Untersuchung beteiligten sich 52 Brustkrebszentren. Insgesamt wurden 909 Frauen mit metastasiertem Brustkrebs im Alter zwischen 19 und 81 Jahren ein Jahr lang begleitet.

Etwa die Hälfte erhielt zusätzlich zur medikamentösen Tumorbehandlung die vollständige digitale und persönliche Betreuung nach dem PRO-B-Konzept.

Die Frauen der Vergleichsgruppe wurden nur einmal in drei Monaten nach ihrem Befinden gefragt. Bei auffälligen Angaben erfolgte in dieser Gruppe keine automatische Kontaktaufnahme durch das Behandlungsteam.

Durch diesen Vergleich konnten die Forschenden untersuchen, welchen zusätzlichen Nutzen die wöchentliche Erfassung und die schnelle Reaktion auf gesundheitliche Veränderungen haben.

Weniger Fatigue und weniger Krankenhausaufenthalte

Die Patientinnen mit der intensiveren digitalen Begleitung berichteten nach Angaben der Forschenden über deutlich weniger Fatigue.

Damit wird ein körperlicher, geistiger oder emotionaler Erschöpfungszustand bezeichnet, der weit über gewöhnliche Müdigkeit hinausgeht. Betroffene können dadurch bei der Arbeit, im Haushalt und bei sozialen Aktivitäten erheblich eingeschränkt sein.

Zudem bewerteten die Teilnehmerinnen der PRO-B-Gruppe ihre körperliche Funktionsfähigkeit besser. Sie mussten während des Studienzeitraums auch seltener im Krankenhaus behandelt werden.

Die Studienergebnisse zeigen damit nicht nur medizinisch messbare Veränderungen. Die digitale Betreuung wirkte sich auch auf den Alltag und die Selbstständigkeit der betroffenen Frauen aus.

Warnsystem kann schwere Nebenwirkungen früher erkennen

Ein wichtiger Bestandteil des Konzepts ist die schnelle Reaktion auf zunächst harmlos wirkende Beschwerden.

Starke Müdigkeit, Atemnot oder Veränderungen des Allgemeinzustands können auf Nebenwirkungen der Krebsmedikamente oder auf eine Verschlechterung der Erkrankung hinweisen. Werden solche Symptome früh erkannt, kann das medizinische Team schneller reagieren.

In den Telefonaten werden beispielsweise Dosierungen von Medikamenten gegen Übelkeit besprochen oder Hinweise zum Umgang mit bestimmten Beschwerden gegeben. Bei ernsthaften Auffälligkeiten können die Patientinnen kurzfristig in die Klinik bestellt werden.

Die App ersetzt damit nicht den persönlichen Kontakt. Sie dient vielmehr als wöchentliches Sicherheitsnetz zwischen den regulären Behandlungsterminen.

Mehr als 90 Prozent wünschen Fortsetzung

Nach Abschluss der Untersuchung wurden die Teilnehmerinnen zur digitalen Betreuung befragt. Mehr als 90 Prozent der Frauen aus der PRO-B-Gruppe sprachen sich dafür aus, das Konzept dauerhaft in die Routineversorgung zu übernehmen.

Eine der Teilnehmerinnen beschreibt die App als wichtige Hilfe bei Beschwerden und Unsicherheiten. Sie konnte dort fachlich geprüfte Informationen abrufen und auch außerhalb der üblichen Sprechzeiten besser einschätzen, ob ein Symptom eine dringende medizinische Behandlung erforderte.

Nach Angaben der Studienleitung gibt es außerdem Hinweise darauf, dass die engmaschige Betreuung bei einem Teil der Patientinnen die verbleibende Lebenszeit verlängern könnte. Diese Aussage wird in der Pressemitteilung als Hinweis formuliert und nicht als abschließend nachgewiesenes Ergebnis dargestellt.

Gemeinsamer Bundesausschuss empfiehlt Übernahme

Der Gemeinsame Bundesausschuss empfahl im Juni 2026, das Behandlungskonzept in die Regelversorgung zu überführen. Der Innovationsausschuss fasste seinen Beschluss am 19. Juni.

Damit soll die digitale Begleitung künftig grundsätzlich allen gesetzlich versicherten Frauen mit einer entsprechenden Diagnose zur Verfügung stehen können. Die konkrete Umsetzung muss jedoch noch durch die zuständigen Akteure des Gesundheitswesens erfolgen.

Die am Projekt beteiligten Krankenkassen planen bereits eine Weiterentwicklung. Betroffene Versicherte sollen das Konzept voraussichtlich ab Herbst nutzen können, noch bevor es vollständig in die allgemeine Regelversorgung aufgenommen wird.

Das Angebot wird künftig unter dem Namen „ida“ beziehungsweise „ida care“ fortgeführt. Entwickelt wird es weiterhin von Prof. Maria Karsten und ihrem Team.

Projekt erhielt rund 4,8 Millionen Euro

PRO B steht für „Patient-Reported Outcomes bei Brustkrebs“. Gemeint sind Angaben zum Gesundheitszustand, die unmittelbar von den Patientinnen selbst gemacht werden.

Das Projekt wurde zwischen 2020 und 2024 mit rund 4,8 Millionen Euro aus dem Innovationsfonds gefördert. Geleitet wurde es von Maria Karsten von der Charité.

Zu den beteiligten Partnern gehörten die Deutsche Krebsgesellschaft, BARMER, DAK-Gesundheit, mkk – meine krankenkasse und OnkoZert. Die wissenschaftlichen Ergebnisse wurden am 6. August 2026 im Fachjournal „JAMA Oncology“ veröffentlicht.

Quellen

• Charité – Universitätsmedizin Berlin, Deutsche Krebsgesellschaft, BARMER, DAK-Gesundheit und mkk – meine krankenkasse: Gemeinsame Pressemitteilung „Enge digitale Begleitung hilft Frauen mit Brustkrebs“, veröffentlicht am 6. August 2026.

• JAMA Oncology: Wissenschaftliche Veröffentlichung „Electronic PRO monitoring with alert-based interventions in metastatic breast cancer: Primary results of the multicenter randomized PRO B trial“, veröffentlicht am 6. August 2026.

• Gemeinsamer Bundesausschuss, Innovationsausschuss: Beschluss zum Projekt „PRO B – PROM bei Brusterkrankungen – neue Wege in der Versorgung bei metastasiertem Brustkrebs“, beschlossen am 19. Juni 2026.