Berlin/München. Als Schiedsrichter Benjamin Brand am Freitagabend in München abpfiff, war aus einer erwartbar schweren Auswärtsaufgabe ein historischer Abend für den 1. FC Union Berlin geworden – allerdings einer, auf den die Köpenicker gern verzichtet hätten. Mit 0:7 verlor Union beim FC Bayern München. Es war die höchste Niederlage des Vereins seit dem Bundesliga-Aufstieg 2019. Nach vier Spieltagen wartet die Mannschaft von Trainer Mauro Lustrinelli weiterhin auf den ersten Sieg.

Dabei hatte der Abend zunächst nicht nach einem völligen Zusammenbruch ausgesehen. Union verteidigte in der Anfangsphase kompakt und versuchte, den Münchner Angriff vom eigenen Strafraum fernzuhalten. Doch nach 18 Minuten traf Jamal Musiala zum 1:0. Harry Kane erhöhte per Strafstoß in der 39. Minute, Michael Olise machte noch vor der Pause das 3:0 perfekt.

Nach der Pause brechen bei Union alle Dämme

Kurz nach Wiederbeginn hatte Union sogar seine beste Phase. Die Berliner kamen zu zwei Möglichkeiten, doch Bayern-Torwart Manuel Neuer verhinderte einen Anschlusstreffer. Was danach folgte, wurde für die Eisernen zunehmend bitter.

Kane traf in der 54. Minute zum 4:0. Der eingewechselte Ismael Saibari erhöhte auf 5:0, anschließend schlug Olise innerhalb weniger Minuten zweimal zu. Mit seinen drei Treffern wurde der Franzose zum prägenden Spieler des Abends. Nach 76 Minuten stand das spätere Endergebnis von 7:0 fest.

Das Ergebnis ist umso bemerkenswerter, weil Union noch wenige Monate zuvor deutlich konkurrenzfähiger gegen die Münchner aufgetreten war. Nun steht die Mannschaft nach dem vierten Spieltag bei einem Punkt und 4:17 Toren. Der einzige Zähler stammt aus dem 3:3 zum Saisonauftakt gegen Eintracht Frankfurt. Danach folgten Niederlagen in Leverkusen, gegen Schalke und nun in München.

Trimmel: Die Höhe der Niederlage tut weh

Kapitän Christopher Trimmel versuchte nach dem Abpfiff, die Partie einzuordnen. Union habe versucht, Bayern vom eigenen Strafraum fernzuhalten. Gerade in der ersten Halbzeit sei manches durchaus gelungen.

Doch Trimmel machte auch deutlich, was das Ergebnis mit der Mannschaft macht:

> „Trotzdem tut die Höhe der Niederlage am Ende weh.“

Auch Tom Rothe sprach anschließend von einem bitteren Abend. Union habe den Ball zu schnell wieder verloren und sei dadurch immer wieder unter Münchner Druck geraten.

Gerade diese Aussage beschreibt eines der derzeit größten Probleme der Berliner. Die Mannschaft kann Phasen eines Spiels durchaus kontrollieren, verliert nach Rückschlägen aber zu schnell ihre Stabilität.

Lustrinelli muss eine Mannschaft im Umbruch stabilisieren

Trainer Mauro Lustrinelli steht damit früh in seiner ersten Bundesliga-Saison mit Union vor einer schwierigen Aufgabe. Der Schweizer versucht, die Mannschaft spielerisch weiterzuentwickeln und offensiver auszurichten. Bislang funktioniert dieser Umbau jedoch nur phasenweise.

In München verteidigte Union lange ordentlich. Nach dem Seitenwechsel häuften sich jedoch individuelle Fehler. Genau dort setzte auch Lustrinellis Analyse an.

Der Trainer erklärte nach der Partie, dass es nun nur einen Weg gebe: weitermachen. In der ersten Hälfte habe seine Mannschaft lange wenig zugelassen, nach dem Seitenwechsel seien jedoch zu viele individuelle Fehler hinzugekommen.

Das 0:7 darf deshalb nicht isoliert betrachtet werden. Schon beim 0:4 in Leverkusen hatte Union große defensive Probleme. Eine Woche später folgte die 1:3-Heimniederlage gegen Aufsteiger Schalke 04. Aus den vergangenen drei Ligaspielen ergibt sich damit eine Bilanz von 1:14 Toren.

Die lange Pause kommt Union zur richtigen Zeit

Für Union könnte der Spielplan nun ungewöhnlich hilfreich sein. Wegen der anstehenden Abstellungsperiode findet das nächste Bundesligaspiel erst am 10. Oktober statt. Dann empfängt Union den SV Elversberg im Stadion An der Alten Försterei.

Zuvor steht am 26. September ein Testspiel beim kroatischen Klub HNK Rijeka auf dem Programm. Die kommenden Wochen geben Lustrinelli damit Zeit, an Abstimmung, Defensive und Selbstvertrauen zu arbeiten.

Nach einem 0:7 kann eine solche Pause Fluch und Chance zugleich sein. Die Niederlage bleibt länger im Gedächtnis, gleichzeitig bietet sich eine seltene Gelegenheit, ohne unmittelbaren Bundesliga-Druck an den Problemen zu arbeiten.

Gegen Elversberg beginnt die Saison beinahe neu

Spätestens gegen Elversberg wird es für Union darum gehen, aus dieser Pause sichtbare Konsequenzen zu ziehen. Ein weiterer Auftritt wie in München würde die Diskussion über den Saisonstart erheblich verschärfen.

Von einem verlorenen Spiel bei Bayern München allein hängt keine Saison ab. Doch die Zahlen der ersten vier Spieltage lassen sich nicht wegdiskutieren: kein Sieg, nur ein Punkt und bereits 17 Gegentore.

Union muss deshalb nicht nur das 0:7 aus den Köpfen bekommen. Die Berliner müssen in den kommenden Wochen vor allem wieder jene Eigenschaften finden, die den Verein über Jahre ausgezeichnet haben: defensive Stabilität, Geschlossenheit und die Fähigkeit, auch schwierige Spiele lange offen zu halten.

Die nächste Gelegenheit kommt erst in drei Wochen.

Dann wird sich zeigen, ob das Münchner 0:7 nur ein außergewöhnlich schlechter Abend war – oder der Moment, an dem Union Berlin erkannte, wie dringend sich etwas ändern muss.