BERLIN. Kein Großschadensereignis, keine sichtbare Katastrophe und dennoch Tausende Tote: Der Sommer 2026 hat nach Berechnungen des Robert Koch-Instituts außergewöhnlich viele Menschenleben gefordert.

Bis einschließlich der ersten Septemberwoche schätzt das RKI die Zahl der hitzebedingten Sterbefälle in Deutschland auf rund 16.000.

Das statistische Prädiktionsintervall reicht von etwa 14.300 bis 17.600 Fällen. Die Zahl von 16.000 ist deshalb keine exakte Zählung einzelner Todesfälle, sondern das Ergebnis eines wissenschaftlichen Berechnungsmodells.

Doch selbst mit dieser Einschränkung ist die Größenordnung außergewöhnlich.

Eine Woche kostete schätzungsweise 9.600 Menschen das Leben

Besonders dramatisch war die Kalenderwoche 26 Ende Juni.

Allein auf diese extreme Hitzeperiode entfallen nach Berechnungen des RKI rund 9.600 hitzebedingte Todesfälle.

Weitere etwa 4.200 Todesfälle werden den heißen Wochen von Ende Juli bis Mitte August zugerechnet.

Damit konzentriert sich ein großer Teil der gesamten Hitzemortalität des Jahres auf wenige außergewöhnlich heiße Wochen.

Besonders Menschen über 85 Jahre betroffen

Der Blick auf die Altersgruppen zeigt deutlich, wen Hitze besonders gefährdet.

Von den geschätzten 16.000 Todesfällen entfielen laut RKI etwa:

1.500 auf Menschen unter 65 Jahren, • 2.510 auf die Altersgruppe von 65 bis 74 Jahren, • 3.890 auf Menschen zwischen 75 und 84 Jahren, • rund 8.100 auf Menschen ab 85 Jahren.

Damit war mehr als die Hälfte der geschätzten Todesfälle in der ältesten Altersgruppe zu verzeichnen.

Das RKI weist darauf hin, dass insbesondere ältere Menschen und Personen mit Vorerkrankungen gefährdet sind.

Warum steht auf dem Totenschein meist nicht „Hitze“?

Die Zahl der Hitzetoten lässt sich nicht einfach aus Sterbeurkunden zusammenzählen.

Nur in vergleichsweise seltenen Fällen führt ein klassischer Hitzschlag unmittelbar zum Tod.

Sehr viel häufiger wirkt Hitze zusammen mit bestehenden Erkrankungen. Herz-Kreislauf-Probleme, Erkrankungen der Atemwege oder andere gesundheitliche Belastungen können sich während extremer Temperaturen verschärfen.

Hitze wird deshalb normalerweise nicht als zugrunde liegende Todesursache auf dem Totenschein angegeben.

Das RKI muss die Zahl statistisch bestimmen.

So berechnet das RKI die Zahl

Grundlage sind Sterbefallzahlen des Statistischen Bundesamtes sowie Temperaturdaten von 52 Wetterstationen des Deutschen Wetterdienstes.

Die Wissenschaftler vergleichen, wie viele Menschen bei bestimmten Temperaturen statistisch zu erwarten wären und wie viele tatsächlich sterben.

Ab einer Wochenmitteltemperatur von ungefähr 20 Grad Celsius lässt sich laut RKI typischerweise ein hitzebedingter Anstieg der Gesamtsterblichkeit erkennen. Mit weiter steigenden Temperaturen nimmt dieser Effekt deutlich zu.

Die 16.000 Todesfälle sind also keine Liste eindeutig diagnostizierter Hitzeopfer, sondern eine Schätzung des zusätzlichen Sterbegeschehens, das dem Einfluss hoher Temperaturen zugerechnet wird.

Der Sommer 2026 fällt deutlich aus der Reihe

Ein Vergleich mit den vergangenen Jahren zeigt das ungewöhnliche Ausmaß.

Seit 2016 lagen selbst die bisherigen besonders starken Hitzejahre deutlich niedriger. Das RKI nennt für 2018 und 2019 jeweils Größenordnungen von 7.000 und mehr hitzebedingten Todesfällen.

2026 werden bislang rund 16.000 geschätzt.

Und selbst diese Zahl ist noch nicht endgültig.

Der aktuelle Bericht umfasst die Zeit bis zur Kalenderwoche 36, also bis zum 6. September. Das RKI weist ausdrücklich darauf hin, dass die Schätzung für das Jahr 2026 noch unvollständig ist.

Rund 8.100 Tote waren mindestens 85 Jahre alt

Besonders eindrücklich ist die Situation bei Hochbetagten.

Für Menschen ab 85 Jahren errechnet das RKI rund 250 hitzebedingte Todesfälle je 100.000 Einwohner dieser Altersgruppe.

Zum Vergleich: Bei Menschen unter 65 Jahren liegt die geschätzte Rate lediglich bei etwa 2,4 Fällen je 100.000 Einwohner.

Damit wird deutlich, warum Hitze vor allem für Pflegeeinrichtungen, Krankenhäuser, ambulante Dienste und Familien mit älteren Angehörigen zu einem Gesundheitsrisiko wird.

Berlin und Brandenburg besonders betroffen

Auch im Osten Deutschlands sind die Auswirkungen sichtbar.

Nach den aktuellen RKI-Auswertungen werden für Berlin rund 220 und für Brandenburg rund 200 hitzebedingte Todesfälle im Jahr 2026 angegeben. Damit kommen allein beide Länder zusammen auf mehr als 400 geschätzte Todesfälle. Für beide Länder liegt die Zahl deutlich über dem Vorjahr.

In Berlin waren es 2025 demnach rund 40, in Brandenburg etwa 30.

Allerdings gab es in beiden Ländern in früheren besonders heißen Jahren bereits noch höhere Werte.

Hitze trifft Stadt und Land unterschiedlich

Die Gefahren sehen dabei nicht überall gleich aus.

In dicht bebauten Städten speichern Asphalt, Beton und Gebäude tagsüber Wärme und geben sie nachts wieder ab. Fehlen Grünflächen, Schatten und Luftbewegung, können sich sogenannte Wärmeinseln bilden.

Auf dem Land kommen andere Probleme hinzu: längere Wege zu medizinischer Versorgung, eine ältere Bevölkerung und teilweise weniger Unterstützungsangebote.

Gerade alleinlebende ältere Menschen können während längerer Hitzeperioden besonders gefährdet sein.

Es geht nicht nur um Temperaturen am Nachmittag

Entscheidend sind nicht ausschließlich maximale Tageswerte.

Auch warme Nächte belasten den Körper, weil die notwendige Erholung ausbleibt. Bleiben Wohnungen über mehrere Tage aufgeheizt, kann die körperliche Belastung kontinuierlich zunehmen.

Das gilt besonders für ältere und chronisch kranke Menschen.

Das RKI betrachtet deshalb bei seinen Berechnungen nicht lediglich einzelne Spitzenwerte, sondern Wochenmitteltemperaturen aus Tages- und Nachtwerten.

Die Katastrophe, die kaum jemand sieht

Hitzebedingte Todesfälle unterscheiden sich von vielen anderen Katastrophen.

Es gibt keinen einzelnen Unfallort. Keine zerstörten Häuser. Keine gemeinsame Todesursache auf Tausenden Sterbeurkunden.

Die Folgen verteilen sich auf Wohnungen, Pflegeheime und Krankenhäuser im ganzen Land.

Genau deshalb kann das Ausmaß leicht unterschätzt werden.

Die aktuelle RKI-Bilanz macht sichtbar, was während eines Extremsommers ansonsten weitgehend verborgen bleibt: Hitze ist nicht nur unangenehmes Wetter. Für Tausende Menschen kann sie zu einem erheblichen Gesundheitsrisiko werden.