JENA. Verschwörungstheorien werden meist mit Misstrauen, Radikalisierung und gesellschaftlicher Spaltung verbunden. Eine neue Forschungsgruppe mit Beteiligung der Friedrich-Schiller-Universität Jena will den Blick nun erweitern und eine ungewöhnliche Frage stellen: Können Verschwörungsüberzeugungen unter bestimmten Umständen auch Funktionen für Menschen oder Gesellschaften erfüllen?
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das Verbundprojekt in den kommenden vier Jahren mit rund vier Millionen Euro. Geleitet wird die Forschungsgruppe von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Neben Jena sind sechs weitere Forschungseinrichtungen aus Deutschland und Dänemark beteiligt.
Eine Verlängerung der Förderung um weitere vier Jahre ist möglich.
Nicht nur nach den Schäden fragen
Koordinator der Forschungsgruppe ist der Mainzer Sozial- und Rechtspsychologe Prof. Dr. Roland Imhoff.
Bislang konzentriere sich die Forschung vor allem auf die negativen Auswirkungen von Verschwörungstheorien. Das neue Projekt will zusätzlich untersuchen, welche psychologischen, sozialen und gesellschaftlichen Funktionen solche Überzeugungen unter bestimmten Bedingungen übernehmen können.
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, Verschwörungstheorien als harmlos oder positiv einzuordnen.
Vielmehr wollen die Forschenden verstehen, warum sie für Menschen attraktiv werden können und welche Mechanismen dahinterstehen.
So können entsprechende Erzählungen beispielsweise kurzfristig Orientierung vermitteln, Zugehörigkeitsgefühle stärken oder das Gefühl erzeugen, komplexe Vorgänge besser verstehen zu können.
Gleichzeitig können dieselben Mechanismen langfristig Misstrauen gegenüber Institutionen, gesellschaftliche Spaltung oder Radikalisierung fördern.
Politik, soziale Medien und psychologische Bedürfnisse
Die Forschungsgruppe trägt den Titel „Jenseits des Wahnsinns: Die Analyse von Verschwörungsüberzeugungen unter Berücksichtigung von deren Vorteilen“.
Wissenschaftler aus Psychologie und Kommunikationswissenschaft wollen drei große Bereiche untersuchen.
Ein Schwerpunkt liegt auf der Politik. Hier geht es unter anderem darum, welchen Einfluss Verschwörungsüberzeugungen auf politische Einstellungen, politisches Engagement und die Ausbildung von Identitäten haben.
Dabei soll auch untersucht werden, wie solche Vorstellungen mit Misstrauen gegenüber politischen und gesellschaftlichen Institutionen oder mit Radikalisierungsprozessen zusammenhängen.
Warum soziale Medien eine besondere Rolle spielen
Ein zweiter Schwerpunkt betrifft soziale Netzwerke.
Dort können sich Verschwörungserzählungen besonders schnell verbreiten. Gleichzeitig entstehen Gemeinschaften, in denen Menschen ihre Überzeugungen gegenseitig bestätigen und weiterentwickeln können.
Die Wissenschaftler wollen deshalb genauer untersuchen, welche Rolle digitale Kommunikation bei Entstehung, Verbreitung und Stabilisierung solcher Vorstellungen spielt.
Der dritte Forschungsbereich beschäftigt sich mit psychologischen Motiven.
Dazu gehören unter anderem das Bedürfnis nach Kontrolle, die Suche nach Zugehörigkeit sowie der Wunsch nach einfachen Erklärungen für komplizierte Ereignisse.
Jena stellt eine besonders ungewöhnliche Frage
Das Teilprojekt an der Friedrich-Schiller-Universität Jena wird von Prof. Dr. Tobias Rothmund geleitet. Der Kommunikations- und Medienpsychologe beschäftigt sich seit Jahren mit dem Erleben von Ungerechtigkeit und der Frage, wie Menschen versuchen, Gerechtigkeit wiederherzustellen.
Sein Team untersucht eine besonders ungewöhnliche Hypothese:
Kann der Glaube an Verschwörungen dazu beitragen, tatsächliche Verschwörungen unwahrscheinlicher zu machen?
Die Forscher wollen prüfen, ob Verschwörungsüberzeugungen Menschen unter bestimmten Bedingungen dazu motivieren, sich gegen wahrgenommene Ungerechtigkeit aufzulehnen.
Rothmund hält zudem einen weiteren möglichen Mechanismus für untersuchenswert: Wenn Verschwörungserzählungen öffentlich sichtbar sind und Menschen stärker auf mögliche geheime Absprachen achten, könnte dies theoretisch dazu führen, dass tatsächliche Verschwörungen schwieriger umzusetzen sind.
Ob dieser Effekt tatsächlich existiert, ist bislang offen.
Genau das soll wissenschaftlich untersucht werden.
Experimente sollen mögliche Wirkungen sichtbar machen
Dafür wollen die Jenaer Wissenschaftler unter anderem experimentelle Spielsituationen nutzen.
In kontrollierten Versuchsanordnungen sollen Situationen simuliert werden, in denen Menschen Ungerechtigkeit wahrnehmen, geheime Absprachen vermuten oder auf mögliche Verschwörungen reagieren.
So wollen die Forscher herausfinden, ob und unter welchen Bedingungen Verschwörungsüberzeugungen tatsächlich bestimmtes Verhalten auslösen.
Entscheidend ist dabei die Trennung zwischen kurzfristigem Nutzen für Einzelne und möglichen langfristigen Schäden für die Gesellschaft.
Eine Überzeugung kann einem Menschen beispielsweise das Gefühl vermitteln, Zusammenhänge zu verstehen oder einer Gruppe anzugehören – und gleichzeitig gesellschaftliches Misstrauen verstärken.
Acht Forschungseinrichtungen arbeiten zusammen
Neben der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Friedrich-Schiller-Universität Jena sind an dem Projekt beteiligt:
• Ludwig-Maximilians-Universität München • Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg • Universität Mannheim • University of Southern Denmark in Odense • Rheinland-Pfälzische Technische Universität Kaiserslautern-Landau • Leibniz-Institut für Psychologie in Trier
Durch die Zusammenarbeit von Psychologie und Kommunikationswissenschaft soll ein umfassenderes Bild darüber entstehen, warum Verschwörungstheorien entstehen, wie sie verbreitet werden und welche Folgen sie haben.
Forschung ohne vorschnelle Antworten
Die zentrale Idee des Projekts besteht darin, Verschwörungsüberzeugungen nicht ausschließlich anhand ihrer offensichtlichen Risiken zu erklären.
Stattdessen wollen die Wissenschaftler untersuchen, warum diese Erzählungen für manche Menschen überhaupt attraktiv sind.
Gerade darin könnte ein Schlüssel für den gesellschaftlichen Umgang mit Verschwörungstheorien liegen: Wer versteht, welche Bedürfnisse, Erfahrungen und sozialen Mechanismen Menschen zu solchen Überzeugungen führen, kann möglicherweise auch besser verstehen, wie Misstrauen und Radikalisierung entstehen.
Ob Verschwörungsglaube tatsächlich in bestimmten Situationen eine abschreckende Wirkung auf reale geheime Absprachen haben kann, gehört dabei zu den ungewöhnlichsten Fragen des neuen Forschungsprojekts.
Eine Antwort darauf gibt es bislang nicht.
In Jena soll nun genau danach gesucht werden.