BARUTH/MARK. Es ist eines jener Industrieprojekte, bei denen wirtschaftliche Chancen und ökologische Sorgen unmittelbar aufeinandertreffen. In Baruth/Mark im Landkreis Teltow-Fläming soll der bestehende Produktionsstandort von Rauch und Red Bull erheblich erweitert werden. Kernstück ist ein neues Dosenwerk, in dem die bislang angelieferten Getränkedosen künftig direkt am Standort hergestellt werden sollen.

Am Donnerstagabend, dem 17. September, hat die Stadtverordnetenversammlung den dafür neu aufgestellten Bebauungsplan beschlossen. Zwölf Stadtverordnete stimmten dafür, zwei dagegen, hinzu kam eine Enthaltung.

Damit ist eine wichtige planungsrechtliche Hürde genommen. Gebaut werden kann jedoch nicht sofort: Für das eigentliche Dosenwerk stehen weitere behördliche Genehmigungen aus.

Hunderte Millionen Euro sollen nach Baruth fließen

Für Baruth ist das Vorhaben wirtschaftlich von erheblicher Bedeutung. Rauch und Red Bull sprechen von Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe.

Nach Abschluss der Erweiterung sollen auf dem gesamten Produktionsgelände bis zu 600 Menschen beschäftigt werden. Bereits heute laufen dort große Mengen Getränke vom Band: Nach Angaben des Projekts können mehr als 400.000 Dosen und über 100.000 PET-Flaschen pro Stunde abgefüllt werden.

Die Stadt selbst begründet ihre Planung ausdrücklich auch mit der Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen. In den Planungsunterlagen ist von zusätzlich rund 300 bis 400 Stellen infolge der Erweiterung die Rede.

Für eine Stadt mit nur rund 4.000 Einwohnern ist das eine erhebliche Größenordnung.

Dosen sollen künftig direkt neben der Abfüllung entstehen

Bislang müssen leere Getränkedosen mit Lastwagen zum Werk gebracht werden. Künftig sollen sie unmittelbar am Standort produziert und anschließend ohne lange Transportwege abgefüllt werden.

Die Unternehmen rechnen dadurch mit rund 12.000 weniger Lkw-Fahrten pro Jahr.

Das Argument gehört zu den zentralen Punkten der Befürworter: Mehr Produktion und mehr Arbeitsplätze sollen mit kürzeren Transportwegen verbunden werden.

Doch der zusätzliche Platzbedarf hat seinen Preis.

17 Hektar Kiefernwald sollen verschwinden

Für die Erweiterung sollen rund 17 Hektar Kiefernwald in unmittelbarer Nähe des bestehenden Industrieareals gerodet werden.

Genau daran entzündet sich seit Monaten Widerstand.

Umweltverbände und lokale Initiativen kritisieren nicht nur die Rodung. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung steht inzwischen vor allem eine andere Ressource, die in Brandenburg zunehmend sensibel betrachtet wird: Grundwasser.

Baruth liegt im Baruther Urstromtal und verfügt über bedeutende Grundwasservorkommen. Gerade diese Vorkommen sind seit Jahrzehnten Grundlage der Getränkeproduktion am Standort.

Bis zu 2,35 Millionen Kubikmeter Grundwasser im Jahr

Rauch und Red Bull haben mit der Übernahme des früheren Getränkeherstellers Brandenburger Urstromquelle auch bestehende Wasserentnahmerechte übernommen.

Nach aktuellen Angaben können rund 2,35 Millionen Kubikmeter Grundwasser pro Jahr entnommen werden.

Projektkoordinator Björn Hofbauer bezifferte das genehmigte Kontingent zuletzt mit etwa 6.500 Kubikmetern pro Tag. Tatsächlich wolle das Unternehmen voraussichtlich zwischen 5.500 und 6.000 Kubikmeter täglich nutzen.

Das entspricht bei 6.000 Kubikmetern rund sechs Millionen Litern Wasser pro Tag.

Genau diese Dimension sorgt bei Gegnern des Projekts für Sorgen.

Das Ressourcenbündnis Baruth fordert ein neues und unabhängiges Gutachten über die Grundwasservorräte. Kritisiert wird insbesondere, dass wesentliche Grundlagen zur Bewertung des Vorkommens bereits viele Jahre alt seien.

Landesumweltamt sieht derzeit keine Übernutzung

Die Einschätzungen zur Wassersituation gehen allerdings auseinander.

Nach Angaben der Stadt werden in der Region derzeit höchstens rund 25 Prozent des verfügbaren Wassers genutzt. Die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung habe außerdem Vorrang vor der Versorgung industrieller Betriebe.

Auch das Landesumweltamt sieht nach bisherigem Stand keine Übernutzung des für die Förderung maßgeblichen Grundwasserleiters. Dieser sei trotz mehrerer trockener Jahre stabil geblieben.

Die Kritiker überzeugt das bislang nicht.

Ihre Sorge: Neben der Erweiterung des Getränkeproduktionsstandorts könnten künftig weitere Großprojekte zusätzlichen Wasserbedarf verursachen. In der Region steht unter anderem auch ein großes Rechenzentrum von Amazon Web Services im Raum.

Damit geht die Debatte längst über die Frage eines einzelnen Dosenwerks hinaus.

Gericht hatte ersten Bebauungsplan gestoppt

Dass Baruth überhaupt erneut über den Bebauungsplan abstimmen musste, hat eine längere Vorgeschichte.

Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg hatte den bisherigen Plan Anfang des Jahres vorläufig außer Vollzug gesetzt. Erfolgreich dagegen vorgegangen war die Grüne Liga.

Entscheidend waren dabei formelle beziehungsweise planungsrechtliche Probleme bei der Ausgestaltung des Industriegebietes und den Lärmvorgaben.

Die Stadt reagierte mit einem neuen Planverfahren.

Am Donnerstag folgte nun der Satzungsbeschluss für den zweiten Anlauf.

Noch ist keine Rodung beschlossen

Mit dem Beschluss dürfte sich die Diskussion nun auf die nächsten Genehmigungsschritte verlagern.

Von Umweltseite kommt bereits die Forderung, mit der Rodung des Waldes erst dann zu beginnen, wenn sämtliche notwendigen Genehmigungen vorliegen und die planungsrechtlichen Voraussetzungen zweifelsfrei erfüllt sind.

Ob und wann die ersten Bäume tatsächlich fallen, ist derzeit offen.

Auch der geplante Produktionsbeginn liegt noch in der Zukunft. Nach bisherigen Angaben soll das neue Dosenwerk 2028 seinen Betrieb aufnehmen.

Baruth steht vor einer Entscheidung mit langfristigen Folgen

Für Baruth geht es um weit mehr als um eine neue Produktionshalle.

Auf der einen Seite stehen Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe, zusätzliche Arbeitsplätze, die langfristige Sicherung eines großen Industriestandorts und weniger Lastwagenverkehr durch eine Produktion der Dosen direkt vor Ort.

Auf der anderen Seite stehen der Verlust von 17 Hektar Wald und die Frage, wie stark ein wertvolles Grundwasservorkommen dauerhaft industriell genutzt werden kann.

Mit dem neuen Bebauungsplan hat die Mehrheit der Stadtverordneten ihren Kurs festgelegt.

Die zentrale Auseinandersetzung ist damit jedoch nicht beendet. Sie verlagert sich nun auf Genehmigungen, Wasserfragen, mögliche Rodungen – und auf die Frage, wie Industrieentwicklung und Ressourcenschutz in einer zunehmend trockenen Region miteinander vereinbart werden können.