Weißwasser/O.L. Der wirtschaftliche Strukturwandel in der Lausitz stellt Handwerk und Mittelstand weiterhin vor große Herausforderungen. Bei einem Besuch des sächsischen Staatsministers für Wirtschaft, Arbeit, Energie und Klimaschutz, Dirk Panter, haben Unternehmer und Vertreter der Region am Freitag deutlich gemacht, wo sie politischen Handlungsbedarf sehen.
Das Treffen fand in den Hallen der SPIEGEL ART Steffen Noack GmbH & Co. KG in Weißwasser statt. Neben Unternehmern nahmen Vertreter der Handwerkskammer, der Wirtschaftsförderung und des Landkreises Görlitz teil.
Im Mittelpunkt stand die Frage, welche Rahmenbedingungen Unternehmen benötigen, um auch während des wirtschaftlichen Umbaus dauerhaft in der Oberlausitz investieren und Arbeitsplätze sichern zu können.
Weißwasser fordert konkrete Vorteile für Neuansiedlungen
Oberbürgermeisterin Katja Dietrich richtete mehrere Forderungen direkt an den Wirtschaftsminister.
Kritik gab es unter anderem am bisherigen Konzept des Net Zero Valley. Aus Sicht der Region bietet es bislang zu wenige konkrete Vorteile für Unternehmen, die sich in der Lausitz ansiedeln könnten.
Gefordert werden deshalb greifbare Ansiedlungsanreize und feste Ansprechpartner im zuständigen Ministerium.
Ein weiteres Thema ist die zukünftige Nutzung von Industrieflächen der LEAG. Die Region erwartet vom Freistaat stärkere Unterstützung dabei, diese Flächen nach dem Strukturwandel für neue wirtschaftliche Aktivitäten zu erschließen.
Damit verbindet sich eine der zentralen Fragen des Lausitzer Strukturwandels: Ob es gelingt, nicht nur bestehende Arbeitsplätze zu ersetzen, sondern neue industrielle Wertschöpfung dauerhaft in der Region anzusiedeln.
Unterrichtsausfall wird zum Problem für Unternehmen
Bemerkenswert ist, dass beim Wirtschaftstreffen auch die Situation an den Schulen eine wichtige Rolle spielte.
Nach Angaben der Stadt und beteiligter Wirtschaftsvertreter belastet der hohe Unterrichtsausfall inzwischen auch die Unternehmen.
Fällt Unterricht kurzfristig aus, müssen Eltern teilweise ihre Arbeitszeit reduzieren, um die Betreuung ihrer Kinder sicherzustellen. Gleichzeitig befürchten Unternehmen langfristige Auswirkungen auf die Ausbildung der Fachkräfte von morgen.
Auch eine mögliche Zentralisierung der Berufsbildung wurde kritisch angesprochen.
Für Betriebe im ländlichen Raum kann eine größere Entfernung zur Berufsschule die Ausbildung zusätzlich erschweren. Gerade kleinere Handwerksunternehmen sind jedoch darauf angewiesen, junge Menschen für eine Ausbildung in der Region zu gewinnen.
Energiepreise bleiben eine zentrale Forderung
Deutlich wurden die Wirtschaftsvertreter auch beim Thema Energie.
Der Mittelstand in der Lausitz fordert langfristig verlässliche politische Rahmenbedingungen und international wettbewerbsfähige Energiepreise.
Gerade für energieintensive Unternehmen können Strom- und Energiekosten darüber entscheiden, ob Produktion am Standort wirtschaftlich bleibt oder Investitionen an anderen Standorten erfolgen.
Damit bleibt die Energiefrage unmittelbar mit dem Strukturwandel verbunden.
Die Lausitz soll sich in den kommenden Jahren wirtschaftlich neu aufstellen. Unternehmen machen jedoch deutlich, dass neue Investitionen nur entstehen werden, wenn die Kosten und politischen Bedingungen langfristig kalkulierbar sind.
Sorge vor Belastungen bei Unternehmensnachfolge
Auch die Zukunft familiengeführter Betriebe wurde diskutiert.
Vertreter der Wirtschaft äußerten Sorge vor möglichen zusätzlichen Belastungen durch Veränderungen bei der Erbschaftsteuer. Aus ihrer Sicht könnten höhere Belastungen insbesondere bei Unternehmensübergaben problematisch werden.
Stattdessen wünschen sich die Unternehmen stärkere Unterstützung bei der Unternehmensnachfolge.
Das Thema gewinnt zunehmend an Bedeutung: Viele mittelständische und handwerkliche Betriebe stehen in den kommenden Jahren vor einem Generationswechsel. Wird kein Nachfolger gefunden, können auch wirtschaftlich gesunde Unternehmen verschwinden.
Zusätzlich wurden stärkere Anreize für Existenzgründungen gefordert.
Als Beispiel nannten die Teilnehmer die in Brandenburg bestehende Meistergründungsprämie.
Panter will Brandenburger Modell prüfen
Wirtschaftsminister Dirk Panter zeigte nach Angaben der Stadt Verständnis für die angesprochenen Probleme.
Er kündigte an, die Impulse aus Weißwasser in die weitere Regierungsarbeit mitzunehmen.
Die Brandenburger Meisterförderung sei ihm in dieser konkreten Form bislang nicht bekannt gewesen. Panter sagte zu, sich über das Modell zu informieren und mögliche Optionen für Sachsen zu prüfen.
Der Minister betonte zugleich die Bedeutung regional verwurzelter Unternehmen – vom Handwerksbetrieb über Industrieunternehmen bis hin zu jungen Start-ups.
Region will Forderungspapier vorlegen
Für Weißwasser und die Wirtschaftsvertreter soll das Treffen nicht bei einem Gedankenaustausch bleiben.
Die Ergebnisse sollen nun in einem Forderungspapier zusammengefasst und dem Wirtschaftsministerium übergeben werden.
Die Erwartungen sind entsprechend hoch.
Für die Unternehmen in der Oberlausitz geht es um konkrete Standortbedingungen: bezahlbare Energie, Fachkräfte, funktionierende Ausbildung, attraktive Bedingungen für Investitionen und Unterstützung beim Generationswechsel.
Die Stadt und die Wirtschaftsvertreter machten zum Abschluss deutlich, dass aus ihrer Sicht nun konkrete Maßnahmen folgen müssen, damit Industrie und Handwerk während des Strukturwandels dauerhaft in der Region bleiben.