SEIFHENNERSDORF. Die Oberlausitz kennt Strukturwandel meist aus einer anderen Richtung: Betriebe schließen, junge Fachkräfte ziehen fort, traditionelle Industriezweige kämpfen um ihre Zukunft. In Seifhennersdorf setzt ein Unternehmen nun ein gegenteiliges Signal.

Der Fallschirmhersteller Spekon Sächsische Spezialkonfektion GmbH erweitert seine Produktion. Rund 8,3 Millionen Euro sollen in neue und modernisierte Produktionsflächen fließen. Am Freitag wurde der Grundstein für das Vorhaben gelegt.

Der Standort profitiert dabei von einer Branche, deren Bedeutung in Europa derzeit wächst: der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie.

Sachsen unterstützt Ausbau mit 2,8 Millionen Euro

Nach aktuellen Angaben wird die Investition vom Freistaat Sachsen mit rund 2,8 Millionen Euro unterstützt.

Mit dem Ausbau sollen mehr als 40 bestehende Arbeitsplätze und zwei Ausbildungsstellen gesichert werden. Zusätzlich soll mindestens ein weiterer Arbeitsplatz entstehen. Die neuen beziehungsweise modernisierten Produktionsflächen sollen bis Ende 2027 fertiggestellt werden.

Für eine vergleichsweise kleine Stadt wie Seifhennersdorf ist das keine unbedeutende Größenordnung.

Industriearbeitsplätze haben gerade in den ländlichen Regionen der Oberlausitz eine besondere Bedeutung – nicht nur unmittelbar im Unternehmen, sondern auch für Zulieferer, Handwerk und Dienstleistungen.

Fallschirme aus Seifhennersdorf gehen in mehr als 30 Länder

Spekon ist auf Fallschirmtechnik für militärische und zivile Anwendungen spezialisiert.

Neben Fallschirmsystemen fertigt das Unternehmen technische Textilien und Faserverbundprodukte. Nach aktuellen Unternehmensangaben werden Produkte in mehr als 30 Länder exportiert.

Das sächsische Wirtschaftsministerium zählt das Unternehmen bei Fallschirmsystemen zu den international führenden Anbietern. Neben militärischer Technik gehören auch Sportfallschirme zum Sortiment.

Zu den Kunden zählt auch die Bundeswehr.

Unternehmen erwartet Wachstum im Militärgeschäft

Besonders deutlich ist die Perspektive, die Spekon selbst für die kommenden Jahre beschreibt.

Das Unternehmen rechnet nach eigenen Angaben insbesondere bei Fallschirmen für militärische Anwendungen mit einem hohen Wachstumspotenzial.

Damit erreicht die zunehmende Nachfrage im Sicherheits- und Verteidigungsbereich auch einen Mittelständler unmittelbar an der deutsch-tschechischen Grenze.

Die Entwicklung steht zugleich exemplarisch für eine Frage, die immer mehr Unternehmen in Ostdeutschland betrifft: Welche wirtschaftlichen Auswirkungen haben die stark gestiegenen Verteidigungsausgaben auf mittelständische Industriebetriebe?

Der MDR beschreibt Spekon als Beispiel dafür, dass höhere Verteidigungsausgaben mittelständischen Unternehmen neue Nachfrage verschaffen können, weist aber zugleich darauf hin, dass sich daraus nicht automatisch für jeden Betrieb ein Wachstumsmarkt ergibt.

Tradition reicht bis ins Jahr 1842 zurück

Bemerkenswert ist die Geschichte des Unternehmens.

Die industriellen Wurzeln am Standort reichen bis 1842 zurück. Fallschirme werden in Seifhennersdorf seit 1953 gefertigt. Damit verbindet der heutige Betrieb eine lange Textiltradition mit moderner Spezialproduktion.

Gerade für die Oberlausitz ist diese Verbindung bemerkenswert. Die Region gehörte über Generationen zu den wichtigsten Textilstandorten Deutschlands. Viele klassische Betriebe verschwanden nach 1990 oder mussten ihre Produktion grundlegend verändern.

Spekon hat sich dagegen auf einen hochspezialisierten Bereich konzentriert.

Vom Textilbetrieb zum Spezialisten für Fallschirmsysteme

Fallschirmtechnik ist dabei weit mehr als das Zusammennähen großer Stoffbahnen.

Materialien, Nähte, Gurtsysteme und Konstruktionen müssen erheblichen Belastungen standhalten. Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums verfügt Spekon über eine komplette Fertigungskette – vom Design und Zuschnitt bis zur Endmontage. Eine eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung gehört ebenfalls zum Unternehmen.

Damit befindet sich in einer Kleinstadt im südlichen Landkreis Görlitz ein hochspezialisierter Industriestandort mit internationaler Kundschaft.

Mehr Aufträge – aber kein Massenarbeitsmarkt

Der Ausbau zeigt zugleich, wie sich moderne Industrie verändert.

8,3 Millionen Euro Investition bedeuten nicht automatisch Hunderte neue Arbeitsplätze. Geplant ist zunächst die Sicherung der vorhandenen Stellen sowie ein zusätzlicher Arbeitsplatz.

Das ist ein Hinweis auf die hohe Spezialisierung und Automatisierung moderner Produktion.

Wirtschaftlich kann der Effekt dennoch erheblich sein: Ein Unternehmen bleibt am Standort, investiert in seine Wettbewerbsfähigkeit und sichert qualifizierte Industriearbeit in einer Region, die seit Jahrzehnten mit demografischen Veränderungen und Abwanderung zu kämpfen hat.

Ein kleines Unternehmen in einem großen Markt

Spekon ist kein Rüstungskonzern mit Tausenden Beschäftigten.

Gerade deshalb ist der Ausbau interessant.

Er zeigt, dass die wachsende Nachfrage nach Verteidigungstechnik nicht ausschließlich Großunternehmen erreicht. Auch spezialisierte Textil-, Metallbau-, Elektronik- oder Maschinenbauunternehmen können Teil entsprechender Lieferketten werden.

Für Seifhennersdorf bedeutet das zunächst ganz konkret: Ein traditionsreicher Industriebetrieb investiert Millionen und plant langfristig am Standort.

Ob daraus weitere Arbeitsplätze entstehen, hängt davon ab, wie sich die Auftragslage in den kommenden Jahren entwickelt.

Fest steht bereits: Der wirtschaftliche Wandel der Verteidigungsindustrie ist inzwischen auch in der Oberlausitz angekommen.