MEISSEN. Telefonzellen kehren auf den Meißner Marktplatz zurück – allerdings nicht, um dort ganz gewöhnliche Gespräche zu führen. Am 24. und 25. September verwandelt das Projekt „THE COCKPIT COLLECTIVE – TACHELES REDEN“ den öffentlichen Raum in eine ungewöhnliche Bühne.

Drei Fernsprecher ermöglichen Besuchern scheinbar direkte Gespräche mit Menschen aus vergangenen Zeiten. Hinter den historischen Persönlichkeiten stehen Schauspielerinnen und Schauspieler, die aus ihrer jeweiligen Rolle heraus auf die Fragen der Besucher reagieren.

Geschichte soll plötzlich antworten können

Die Grundidee ist einfach und ungewöhnlich zugleich: Was würde man Menschen aus einer anderen Epoche fragen, wenn ein Gespräch tatsächlich möglich wäre?

Auf diese Frage baut das Theaterformat auf. Besucher werfen 50 Cent in die dafür vorgesehene Vorrichtung der Telefonzelle. Anschließend wird per Videotelefonie eine Verbindung zu den Schauspielern im Theater Meißen hergestellt.

Dabei soll kein vorgefertigtes Gespräch abgespielt werden. Die Darsteller reagieren unmittelbar auf die Fragen der Menschen auf dem Marktplatz und antworten aus Sicht ihrer historischen Figur. Auch Kinder können Fragen stellen. Für Gespräche, die sich stärker mit dem historischen Zusammenhang beschäftigen, wird ein Alter ab zwölf Jahren empfohlen.

Kafka, Bismarck und Gerda Taro am Telefon

Die Auswahl der Gesprächspartner reicht über unterschiedliche Epochen und politische Erfahrungen hinweg.

Zu den Figuren gehören die Fotografin und Antifaschistin Gerda Taro, der Jurist und Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, die Philologin Hadwig Klemperer, Reichskanzler Otto von Bismarck und der Schriftsteller Franz Kafka.

Damit verbindet das Projekt bekannte Namen mit der Möglichkeit, Geschichte nicht nur anzusehen oder nachzulesen, sondern in Form eines persönlichen Dialogs zu erleben.

Klara Linke verbindet das Projekt unmittelbar mit Meißen

Eine der Geschichten führt direkt nach Meißen.

Klara Linke wurde 1901 in Meißen geboren. Im Jahr 1925 heiratete sie hier Martin Riesenburger, der später als jüdischer Seelsorger und Prediger bekannt wurde.

Riesenburger überlebte den Holocaust in Berlin nur knapp. Nach Angaben des Theaters spielte Klara Linkes Mut und ihre Verbundenheit dabei eine entscheidende Rolle. Ihre eigene Geschichte ist dokumentiert, blieb jedoch deutlich weniger bekannt als die ihres Mannes.

Gerade diese Verbindung macht das Projekt für Meißen mehr als zu einem allgemeinen historischen Theaterexperiment.

Marktplatz wird für zwei Tage zur „Theater-Zeit-Maschine“

Das Format wurde ursprünglich im Frühjahr 2020 von der Schaubühne Lindenfels entwickelt. Ziel ist es, Vergangenheit und Gegenwart miteinander ins Gespräch zu bringen.

Statt Geschichte als abgeschlossenes Kapitel zu präsentieren, sollen Besucher eigene Fragen stellen und dadurch auch einen neuen Blick auf ihre Gegenwart bekommen. Das Theater bezeichnet das Format selbst als eine Art „Theater-Zeit-Maschine“. Die Aktion gehört zum sächsischen Themenjahr „TACHELES – Jahr der Jüdischen Kultur in Sachsen 2026“ und ist eine Kooperation der Schaubühne Lindenfels mit dem Theater Meißen.

Zwei Tage lang Gespräche mitten in der Stadt

Die Telefonzellen stehen am 24. und 25. September jeweils von 11 bis 19 Uhr auf dem Meißner Marktplatz.

Ein Gespräch kostet symbolische 50 Cent.

Damit wird der zentrale Platz der Stadt für zwei Tage zu einem Ort, an dem Passanten nicht nur Zuschauer sind. Sie entscheiden mit ihren eigenen Fragen selbst darüber, wohin die Reise in die Vergangenheit führt.