Klimaschutz gilt als Zukunftsmarkt, doch die wirtschaftliche Entwicklung in Sachsen-Anhalt zeigt in die entgegengesetzte Richtung: Der Umsatz mit Umweltschutzgütern und entsprechenden Dienstleistungen ist innerhalb eines Jahres um fast 16 Prozent gefallen. Auch die Zahl der Beschäftigten ging zurück. Ausgerechnet das Baugewerbe bildet die Ausnahme.
Die aktuellen Zahlen wurden im Juli 2026 veröffentlicht, beziehen sich jedoch auf das Geschäftsjahr 2024. Demnach erzielten Unternehmen in Sachsen-Anhalt rund 2,44 Milliarden Euro Umsatz mit Gütern und Leistungen, die dem Umwelt- oder Klimaschutz dienen.
Ein Jahr zuvor waren es noch 2,901 Milliarden Euro. Binnen zwölf Monaten gingen damit 461 Millionen Euro Umsatz verloren. Das entspricht einem Minus von 15,9 Prozent.
Auch die Beschäftigung entwickelte sich rückläufig. In den erfassten 280 Betrieben arbeiteten 12.157 Menschen in diesem Bereich. Im Vorjahr waren es noch 12.616 Beschäftigte gewesen – ein Rückgang um 3,6 Prozent.
Die Zahlen zeigen einen deutlichen Widerspruch: Während Politik und Wirtschaft hohe Investitionen in Energiewende, Ressourcenschonung und klimafreundliche Produktion erwarten, schrumpft der damit verbundene Umsatz im Land.
Klimaschutz verliert mehr als ein Fünftel
Der Klimaschutz blieb mit einem Umsatz von rund 1,61 Milliarden Euro der mit Abstand bedeutendste Umweltbereich. Er stand für 66 Prozent aller erfassten Umweltschutzumsätze in Sachsen-Anhalt.
Gegenüber 2023 ging dieser Umsatz allerdings um 22,3 Prozent zurück. Rechnerisch fehlten damit mehrere Hundert Millionen Euro gegenüber dem Vorjahr.
„Klimaschutz umsatzstärkster Umweltbereich.“
So fasst das Statistische Landesamt die Bedeutung des Sektors zusammen. Der Satz verdeckt jedoch nicht, dass gerade dieser wichtigste Teil der Umweltwirtschaft den stärksten Einfluss auf den Gesamtrückgang hatte.
Auch andere Bereiche verloren deutlich:
- Klimaschutz: rund 1,61 Milliarden Euro, minus 22,3 Prozent
- Abfallwirtschaft: 127 Millionen Euro, minus 24,3 Prozent
- Luftreinhaltung: 38 Millionen Euro, minus 30,3 Prozent
- Abwasserwirtschaft: 430 Millionen Euro, plus 4,2 Prozent
- Lärmbekämpfung: 114 Millionen Euro, plus 12,1 Prozent
Die amtliche Statistik benennt keine konkreten Ursachen für die Rückgänge. Aus den Zahlen allein lässt sich deshalb nicht ableiten, ob einzelne Großaufträge ausgelaufen sind, Investitionen verschoben wurden oder Unternehmen unter schwacher Nachfrage und hohen Kosten litten.
Gerade bei industriellen Klimaschutzprodukten können wenige große Projekte den Jahresumsatz stark verändern. Der Rückgang bedeutet deshalb nicht automatisch, dass sämtliche Umweltunternehmen im Land in einer Krise stecken. Er ist aber ein deutliches Warnsignal.
Industrie bleibt das wirtschaftliche Rückgrat
Den größten Teil der Umweltumsätze erwirtschaftete weiterhin das Verarbeitende Gewerbe. Industrieunternehmen kamen auf insgesamt 1,717 Milliarden Euro und damit auf 70,4 Prozent des gesamten erfassten Umsatzes.
Besonders wichtig waren:
- Herstellung chemischer Erzeugnisse: 566 Millionen Euro
- Herstellung von Gummi- und Kunststoffwaren: 389 Millionen Euro
- Glas, Keramik, Steine und Erden: 307 Millionen Euro
- Maschinenbau: 245 Millionen Euro
Damit zeigt sich, dass Umweltwirtschaft nicht nur aus Windrädern, Solaranlagen oder Recyclingbetrieben besteht. Sie reicht tief in die klassische industrielle Struktur Sachsen-Anhalts hinein.
Chemieunternehmen stellen beispielsweise Materialien für effizientere Produktionsverfahren, Dämmstoffe oder Komponenten für Umwelttechnik her. Der Maschinenbau liefert Anlagen zur Abwasserbehandlung, Luftreinigung oder energieeffizienten Produktion. Hersteller von Glas, Keramik und Baustoffen profitieren von Investitionen in Gebäudesanierung und neue Umweltstandards.
Gerade deshalb ist der Umsatzrückgang wirtschaftlich relevant. Schwächelt die Nachfrage nach Umweltschutzprodukten, trifft das nicht nur spezialisierte grüne Start-ups, sondern auch etablierte Industriebetriebe und deren Zulieferer.
Baugewerbe wächst gegen den Trend
Ein deutlich anderes Bild zeigt das Baugewerbe. Insgesamt 118 Betriebe erzielten dort 405 Millionen Euro Umsatz mit Umweltleistungen. Das waren 9,2 Prozent mehr als im Vorjahr, als 371 Millionen Euro erreicht wurden.
Zu solchen Leistungen gehören unter anderem:
- energetische Gebäudesanierung,
- Wärmedämmung und Fensteraustausch,
- Bau und Erneuerung von Abwasseranlagen,
- Lärmschutzmaßnahmen,
- umweltschonende Heiz- und Gebäudetechnik,
- Arbeiten zum Boden- und Gewässerschutz.
Der Zuwachs zeigt, dass sich Umweltinvestitionen stärker in praktische Bauvorhaben verlagert haben könnten. Während industrielle Lieferungen schwächer ausfielen, blieb die Nachfrage nach konkreten Sanierungs- und Infrastrukturarbeiten offenbar stabiler.
Das dürfte auch daran liegen, dass Kommunen, Wohnungsunternehmen und private Eigentümer Investitionen in Gebäude, Abwasserleitungen oder Energieeffizienz nicht unbegrenzt aufschieben können. Verschärfte Vorgaben und hohe Energiekosten können zusätzliche Nachfrage erzeugen.
Weniger Umsatz bedeutet nicht automatisch weniger Umweltschutz
Die Statistik erfasst Umsätze mit bestimmten Gütern, Bauleistungen und Dienstleistungen, die dem Umweltschutz dienen. Dazu zählen unter anderem Klimaschutz, Abfall- und Abwasserwirtschaft, Luftreinhaltung, Lärmschutz, Bodensanierung sowie Natur- und Landschaftsschutz. Die Erhebung erfolgt jährlich über einen Onlinefragebogen bei den entsprechenden Betrieben und Einrichtungen.
Die Zahlen bilden damit einen wichtigen Teil der Umweltwirtschaft ab, aber nicht automatisch jede wirtschaftliche Tätigkeit mit positivem Umwelteffekt. Auch Schwankungen bei Preisen, Aufträgen oder großen Industrieprojekten beeinflussen den Umsatz.
Der Rückgang darf deshalb nicht mit einem gleich großen Rückgang des praktischen Umweltschutzes gleichgesetzt werden. Dennoch bleibt die wirtschaftliche Entwicklung problematisch: Weniger Umsatz und weniger Beschäftigte bedeuten, dass ein politisch als strategisch wichtig bezeichneter Markt in Sachsen-Anhalt zuletzt an Kraft verloren hat.
Zukunftsmarkt braucht verlässliche Nachfrage
Unternehmen investieren nur dann dauerhaft in neue Produktionslinien, Maschinen und Beschäftigte, wenn sie mit einer verlässlichen Nachfrage rechnen können. Häufig wechselnde Förderprogramme, lange Genehmigungsverfahren und unklare politische Vorgaben erschweren diese Planung.
Für Sachsen-Anhalt ist das besonders wichtig. Das Land verfügt mit seiner Chemieindustrie, dem Maschinenbau, der Baustoffproduktion und vielen mittelständischen Handwerksbetrieben grundsätzlich über gute Voraussetzungen, um von Umwelttechnik und energetischer Modernisierung zu profitieren.
Die Statistik zeigt aber, dass politische Klimaziele allein noch keinen wirtschaftlichen Aufschwung garantieren.
Entscheidend wird sein, ob aus Ankündigungen tatsächlich Aufträge entstehen – für heimische Unternehmen, regionale Handwerker und industrielle Standorte. Gelingt das nicht, droht Sachsen-Anhalt zwar die Kosten der Transformation zu tragen, ohne in gleichem Maße von deren Wertschöpfung zu profitieren.
Quellen und Datenbasis
- Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt: Pressemitteilung vom 17. Juli 2026 zu Umsätzen mit Gütern und Leistungen für den Umweltschutz im Berichtsjahr 2024.
- Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt: Definitionen und Methodik der Erhebung zu Umweltgütern und Umweltleistungen.
- Umweltbundesamt: Untersuchung zur statistischen Erfassung und wirtschaftlichen Bedeutung der deutschen Umweltwirtschaft.