Unternehmen investieren rund ein Viertel weniger
Auch bezogen auf die Zahl der Erwerbstätigen fällt der Abstand deutlich aus. Unternehmen im Osten investieren nach Berechnungen des ifo-Instituts ungefähr ein Viertel weniger als westdeutsche Firmen.
Investitionen entscheiden darüber, ob Betriebe neue Maschinen anschaffen, Produktionshallen erweitern, Software einführen oder neue Produkte entwickeln können.
Bleiben solche Ausgaben aus, altern Anlagen und Verfahren. Die Beschäftigten können dann trotz guter Ausbildung weniger produktiv arbeiten als in Unternehmen mit moderner Technik.
Langfristig wirkt sich das auf Löhne, Gewinne und Steuereinnahmen aus.
Öffentliche Förderung kann privates Kapital nicht ersetzen
Seit der Wiedervereinigung flossen erhebliche öffentliche Mittel in Straßen, Schienen, Hochschulen, Gewerbegebiete und kommunale Infrastruktur.
Diese Investitionen waren notwendig und haben die Voraussetzungen für neue Unternehmen deutlich verbessert. Sie reichen allein jedoch nicht aus.
Wirtschaftliches Wachstum entsteht dauerhaft vor allem dann, wenn private Unternehmen eigene Mittel einsetzen, zusätzliche Beschäftigte einstellen und neue Produkte auf den Markt bringen.
Eine staatlich finanzierte Straße schafft noch keine Wertschöpfung, wenn sich entlang dieser Straße keine Firmen ansiedeln oder bestehende Betriebe nicht expandieren.
EU-Förderung brachte messbare Erfolge
Der Osten hat in besonderem Maß von der europäischen Strukturförderung profitiert. Von den knapp 21 Milliarden Euro, die Deutschland in der Förderperiode von 2014 bis 2020 erhielt, gingen fast zwei Drittel in strukturschwächere ostdeutsche Regionen.
Die geförderten Investitionen erreichten dort rund 700 Euro je Einwohner. In Westdeutschland waren es etwa 150 Euro. Nach Berechnungen des ifo-Instituts führte ein Euro EU-Förderung langfristig zu ungefähr zwei Euro zusätzlicher Wirtschaftsleistung. Besonders wirksam waren Investitionen in Forschung, Wissenstransfer und Innovation.
Die Zahlen zeigen, dass Förderpolitik Wirkung entfalten kann. Sie zeigen aber auch, wie stark viele Regionen weiterhin von öffentlichen Programmen abhängen.
Die Wirtschaft braucht mehr eigene Stärke
Eine dauerhaft wettbewerbsfähige Region darf nicht darauf angewiesen sein, dass jede größere Investition durch Fördermittel ausgelöst wird.
Unternehmen müssen auch investieren, weil sie gute Absatzchancen, verlässliche Energiepreise, verfügbare Fachkräfte und schnelle Genehmigungsverfahren erwarten.
Genau hier liegen viele Schwierigkeiten. Hohe Baukosten, langwierige Verfahren, unsichere Energiepreise und eine schwache Konjunktur bremsen Investitionsentscheidungen.
Hinzu kommt, dass ostdeutsche Firmen im Durchschnitt kleiner sind und weniger eigenes Kapital besitzen als viele westdeutsche Unternehmen.
Zu wenige Unternehmenszentralen im Osten
Viele große Produktionsstandorte befinden sich inzwischen in Ostdeutschland. Die Unternehmenszentralen und strategischen Entscheidungen liegen jedoch häufig weiterhin in Westdeutschland oder im Ausland.
Das hat Folgen. Forschung, Verwaltung, Einkauf, Finanzierung und hoch bezahlte Führungspositionen befinden sich oft nicht am ostdeutschen Produktionsstandort.
Wird in einem Konzern über neue Werke oder Kürzungen entschieden, konkurriert eine ostdeutsche Niederlassung mit anderen Standorten. Sie besitzt dabei häufig weniger politischen und wirtschaftlichen Einfluss als der Hauptsitz.
Der Osten braucht deshalb nicht nur verlängerte Werkbänke, sondern mehr Unternehmen, deren Eigentümer und Entscheidungszentren tatsächlich in der Region sitzen.
Mittelstand stößt bei Finanzierung an Grenzen
Viele ostdeutsche Betriebe sind familiengeführt und wirtschaftlich gesund. Dennoch fällt es ihnen schwer, große Investitionen aus eigener Kraft zu finanzieren.
Die Eigenkapitalbasis ist häufig geringer, weil nach der Wiedervereinigung weniger Zeit zum Aufbau von Vermögen zur Verfügung stand.
Banken verlangen bei riskanteren Projekten Sicherheiten, die kleinere Firmen nicht immer anbieten können. Beteiligungskapital ist außerhalb der großen Städte nur begrenzt verfügbar.
Dadurch können gute Ideen scheitern, obwohl Nachfrage und fachliches Können vorhanden sind.
Fachkräftemangel verschärft das Problem
Investitionen lohnen sich nur, wenn Unternehmen ausreichend Beschäftigte finden, die neue Anlagen bedienen und weiterentwickeln können.
Das ifo-Institut erwartet, dass die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter in Ostdeutschland bis 2035 um etwa sieben Prozent sinkt. In Sachsen-Anhalt und Thüringen könnte der Rückgang noch stärker ausfallen.
Gleichzeitig verlassen weiterhin junge Menschen und Hochschulabsolventen manche ostdeutschen Regionen.
Das führt zu einem Kreislauf: Fehlende Fachkräfte bremsen Investitionen. Ausbleibende Investitionen wiederum verringern das Angebot attraktiver und gut bezahlter Arbeitsplätze.
Produktivität wird zum entscheidenden Faktor
Wenn künftig weniger Menschen arbeiten, muss jeder Beschäftigte im Durchschnitt mehr Wertschöpfung erzielen.
Das gelingt nur mit moderner Technik, Automatisierung, Digitalisierung und einer besseren Organisation der Arbeit.
Gerade kleine und mittlere Unternehmen benötigen Unterstützung beim Technologietransfer. Gute Forschungsergebnisse aus Universitäten und Instituten müssen schneller in Produkte und Produktionsverfahren gelangen.
Das ifo-Institut sieht darin einen zentralen Ansatz, um die strukturelle Innovationsschwäche vieler ostdeutscher Unternehmen zu überwinden.
Nicht jede Region entwickelt sich gleich
Ostdeutschland ist wirtschaftlich kein einheitlicher Raum.
Dresden, Leipzig, Jena, Potsdam und das Berliner Umland entwickeln sich anders als ländliche Gebiete in Vorpommern, der Altmark oder im südlichen Sachsen-Anhalt.
In einigen Regionen entstehen Halbleiterfabriken, Forschungszentren und Logistikstandorte. Andere verlieren Einwohner, Einzelhandel und mittelständische Betriebe.
Wirtschaftspolitik darf deshalb nicht ausschließlich nach Bundesländern unterscheiden. Sie muss stärker auf konkrete Regionen, Branchen und vorhandene Stärken zugeschnitten werden.
Großprojekte allein reichen nicht
Milliardenschwere Ansiedlungen sorgen für Aufmerksamkeit und können Tausende Arbeitsplätze schaffen.
Sie bergen jedoch Risiken, wenn ein Standort zu stark von einem einzelnen Unternehmen oder einer Branche abhängig wird.
Zudem fließen große Fördersummen häufig an internationale Konzerne, während kleine heimische Unternehmen Schwierigkeiten haben, eine neue Maschine oder Betriebserweiterung zu finanzieren.
Eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik muss beides verbinden: große industrielle Ansiedlungen und die dauerhafte Stärkung des regionalen Mittelstands.
Schnellere Genehmigungen sind wichtiger als neue Programme
Unternehmer kritisieren seit Jahren komplizierte Anträge, wechselnde Förderbedingungen und langsame Genehmigungen.
Ein weiteres Förderprogramm hilft wenig, wenn Betriebe monatelang auf Bau-, Netz- oder Umweltgenehmigungen warten.
Behörden benötigen ausreichend qualifiziertes Personal und digitale Verfahren. Gleichzeitig müssen Zuständigkeiten eindeutig sein.
Investoren brauchen frühzeitig Klarheit darüber, ob ein Projekt genehmigungsfähig ist und wann eine Entscheidung fällt.
Planungssicherheit ist häufig wichtiger als der letzte zusätzliche Prozentpunkt Förderung.
Energiepreise belasten industrielle Investitionen
Ostdeutschland besitzt eine starke chemische, metallverarbeitende und energieintensive Industrie.
Hohe Strom- und Gaspreise gefährden dort Investitionen besonders. Unternehmen können neue Anlagen verschieben oder Standorte im Ausland bevorzugen, wenn die langfristigen Betriebskosten nicht kalkulierbar sind.
Der Ausbau erneuerbarer Energien bietet dem Osten zwar große Chancen. Wind- und Solarstrom müssen aber auch zuverlässig bei den Betrieben ankommen.
Dafür braucht es Netze, Speicher und wettbewerbsfähige Strompreise.
Die Politik darf private Investitionen nicht verdrängen
Die geplanten hohen Staatsausgaben für Infrastruktur und öffentliche Einrichtungen können die Wirtschaft beleben.
Sie dürfen jedoch nicht dazu führen, dass Baukapazitäten, Fachkräfte und Kapital vollständig durch staatliche Projekte gebunden werden.
Wenn öffentliche Aufträge Preise weiter nach oben treiben, werden private Bau- und Erweiterungsvorhaben möglicherweise noch unattraktiver.
Staatliche Investitionen sollten deshalb gezielt Bedingungen schaffen, unter denen zusätzliche private Investitionen folgen.
Ostdeutschland besitzt weiterhin große Chancen
Die Lage ist ernst, aber nicht aussichtslos.
Der Osten verfügt über leistungsfähige Hochschulen, verfügbare Industrieflächen, vergleichsweise starke Kinderbetreuung und hohe Kompetenzen in Halbleitern, Optik, Chemie, Energie und Maschinenbau.
Die ostdeutsche Wirtschaft wuchs 2025 nach Berechnungen des IWH um 0,4 Prozent und damit etwas stärker als Deutschland insgesamt. Für 2026 erwartet das Institut ein Wachstum von 0,7 Prozent.
Von einem allgemeinen wirtschaftlichen Niedergang kann deshalb keine Rede sein. Der entscheidende Punkt ist, ob aus einzelnen erfolgreichen Standorten eine breitere wirtschaftliche Dynamik entsteht.
Förderpolitik muss stärker auf Wachstum ausgerichtet werden
Öffentliche Mittel sollten sich auf Bereiche konzentrieren, die dauerhaft private Investitionen auslösen.
Dazu gehören Forschung, Wissenstransfer, digitale Infrastruktur, berufliche Bildung und die Erschließung geeigneter Gewerbeflächen.
Weniger sinnvoll sind Projekte, die nach Ablauf der Förderung keine eigenständige wirtschaftliche Perspektive besitzen.
Jede größere Förderung sollte deshalb daran gemessen werden, wie viele zusätzliche private Investitionen, dauerhafte Arbeitsplätze und regionale Aufträge sie auslöst.
Der Aufholprozess ist kein Selbstläufer
Ostdeutschland hat seit 1990 eine enorme wirtschaftliche Transformation bewältigt. Viele Städte wurden saniert, Unternehmen modernisiert und neue Industrien aufgebaut.
Doch die Angleichung an den Westen setzt sich nicht automatisch fort.
Fehlen privates Kapital, Fachkräfte und unternehmerische Entscheidungszentren, kann der Abstand wieder größer werden.
Die nächste Phase der deutschen Einheit entscheidet sich deshalb nicht allein an staatlichen Förderbescheiden. Sie entscheidet sich daran, ob Unternehmer Vertrauen in die ostdeutschen Standorte haben und dort dauerhaft eigenes Geld investieren.
Quellen
ifo Institut, „Ostdeutschlands Aufholprozess ist in Gefahr“, veröffentlicht am 28. Mai 2026
ifo Niederlassung Dresden, „Wettbewerbsreport Ostdeutschland 2026“, veröffentlicht im Mai 2026
ifo Institut, „EU-Förderung sorgt für Wachstum in strukturschwachen Regionen“, veröffentlicht am 21. April 2026
Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle, Prognose zur Entwicklung der ostdeutschen Wirtschaft 2026, veröffentlicht am 1. April 2026
Bundesregierung, Bericht der Ostbeauftragten „35 Jahre: Aufgewachsen in Einheit?“, veröffentlicht am 1. Oktober 2025