Auf dem deutschen Ausbildungsmarkt treffen zwei Entwicklungen aufeinander, die auf den ersten Blick kaum zusammenpassen: Das Angebot an Ausbildungsplätzen schrumpft, gleichzeitig suchen mehr junge Menschen eine Lehrstelle – und dennoch bleibt ein erheblicher Teil der angebotenen Plätze unbesetzt. Besonders auffällig ist ein Wandel bei der Berufswahl: Klassische Handwerksberufe gewinnen bei jungen Männern gegenüber IT-Berufen an Boden. Für Ostdeutschland bleibt zugleich die Frage der Ausbildungsvergütung relevant, denn in mehreren Branchen bestehen weiterhin deutliche Unterschiede zum Westen.

Ausbildungsangebot geht zurück

Die jüngsten verfügbaren Zahlen zeigen eine spürbare Abschwächung auf dem Ausbildungsmarkt. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden 2025 rund 461.900 neue duale Ausbildungsverträge abgeschlossen. Das entsprach einem Rückgang von 2,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Der Berufsbildungsbericht 2026 kommt aufgrund einer etwas anderen statistischen Abgrenzung auf rund 476.700 Neuverträge im dualen System. Auch nach dieser Berechnung ging die Zahl zurück – um 2,1 Prozent. Das gesamte Ausbildungsstellenangebot sank demnach um 4,6 Prozent auf rund 530.300 Stellen.

Auf der anderen Seite nahm die Zahl junger Menschen zu, die am Ende des Berichtszeitraums noch keinen Ausbildungsplatz gefunden hatten. Rund 84.000 Bewerberinnen und Bewerber waren weiterhin auf der Suche – mehr als 19 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Gleichzeitig blieben rund 54.400 Ausbildungsstellen unbesetzt.

Die Zahlen machen deutlich, dass das Problem nicht allein in einem Mangel an Ausbildungsplätzen liegt. Angebot und Nachfrage finden regional, beruflich oder hinsichtlich der Erwartungen von Unternehmen und Bewerbern häufig nicht zusammen.

Jeder dritte Ausbildungsplatz bleibt unbesetzt

Auch Untersuchungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung weisen auf diese widersprüchliche Lage hin. Auf Betriebsebene lag der Anteil nicht besetzter Ausbildungsplätze zuletzt bei rund 30 Prozent. Damit blieb etwa jede dritte angebotene Lehrstelle ohne Nachwuchs.

Besonders groß sind die Schwierigkeiten im Baugewerbe. Dort erreichte die Nichtbesetzungsquote nach den ausgewerteten Daten 49 Prozent.

Gleichzeitig ziehen sich Teile der Wirtschaft bei der Ausbildung zurück. Nach Ergebnissen der DIHK-Ausbildungsumfrage 2026 wollen 29 Prozent der befragten Unternehmen weniger Ausbildungsplätze anbieten als im Vorjahr. Lediglich 13 Prozent planen eine Ausweitung.

Unternehmen mit schlechten Geschäftsaussichten reagieren besonders vorsichtig. Rund vier von zehn Betrieben mit negativen Erwartungen reduzieren nach der DIHK-Befragung ihr Ausbildungsangebot.

Hinzu kommt die Suche nach geeigneten Bewerbern. Jeder vierte Betrieb, der sein Angebot reduziert, nennt fehlende passende Kandidaten als einen Grund. Auch schlechte Erfahrungen mit früheren Auszubildenden spielen eine Rolle.

Handwerksberufe überholen die IT

Bei der Berufswahl junger Männer zeichnet sich zugleich eine bemerkenswerte Verschiebung ab. Der Kraftfahrzeugmechatroniker bleibt mit rund 22.300 neuen Verträgen der am häufigsten gewählte Ausbildungsberuf.

Auf Platz zwei rückte der Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik mit rund 13.900 Neuverträgen. Dahinter folgt der Elektroniker mit etwa 13.800 neuen Verträgen.

Der Fachinformatiker verlor dagegen an Boden. Nachdem dieser Beruf 2024 noch auf Rang zwei gelegen hatte, fiel er in der jüngsten Auswertung auf Platz vier. Die Zahl der neuen Verträge ging um rund 2.300 zurück.

Damit gewinnen klassische technische und handwerkliche Berufe in der Rangfolge gegenüber der IT-Ausbildung. Gerade angesichts des Fachkräftemangels im Handwerk ist diese Entwicklung für Betriebe von Bedeutung. Anlagenmechaniker und Elektroniker werden unter anderem für Gebäudesanierung, Heizungsumbau, Energieversorgung und die technische Infrastruktur benötigt.

Bei jungen Frauen blieb das Bild weitgehend stabil. Besonders häufig wurden Ausbildungsverträge zur Medizinischen Fachangestellten, Kauffrau für Büromanagement und Zahnmedizinischen Fachangestellten abgeschlossen.

Ost-West-Gefälle bei Ausbildungsvergütungen bleibt

Auch die Bezahlung von Auszubildenden entwickelt sich insgesamt nach oben. Nach Auswertungen des WSI-Tarifarchivs stiegen die tarifvertraglich geregelten Ausbildungsvergütungen in mehr als 20 untersuchten Branchen für 2025/2026 durchschnittlich um 3,9 Prozent.

In vielen Tarifbereichen erhalten Auszubildende bereits im ersten Ausbildungsjahr mehr als 1.000 Euro monatlich. Besonders hohe Vergütungen werden unter anderem in der Pflege im öffentlichen Dienst sowie im Versicherungs- und Bankgewerbe gezahlt.

Für Auszubildende in Ostdeutschland bleibt das Bild jedoch differenziert. In neun untersuchten Branchen bestehen weiterhin Ost-West-Unterschiede.

Besonders groß fallen diese nach der Auswertung in der Textilindustrie mit bis zu 140 Euro monatlich, im Kfz-Gewerbe mit rund 130 Euro sowie im Gastgewerbe mit etwa 105 Euro aus. Im Friseurhandwerk und in der Floristik fehlen in Ostdeutschland teilweise entsprechende Tarifverträge, sodass dort die gesetzliche Mindestausbildungsvergütung eine größere Rolle spielt.

Das ist auch deshalb relevant, weil Wohnen, Mobilität und Lebenshaltungskosten darüber entscheiden können, ob sich Jugendliche eine Ausbildung fern vom Elternhaus überhaupt leisten können.

Ausländische Auszubildende werden wichtiger

Eine weitere Entwicklung gewinnt für die Fachkräftesicherung an Bedeutung. Während die Zahl deutscher Auszubildender mit neuem Vertrag zurückging, nahm die Zahl ausländischer Auszubildender deutlich zu.

2025 wurden rund 82.400 neue Verträge mit Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit gezählt. Das waren etwa 18 Prozent mehr als im Vorjahr. Innerhalb von zehn Jahren hat sich ihre Zahl damit mehr als verdoppelt.

Besonders kräftig nahm die Zahl ukrainischer, vietnamesischer, türkischer und afghanischer Auszubildender zu.

Für viele Betriebe wird die Gewinnung junger Menschen aus dem Ausland damit zu einem wichtigen Bestandteil der Nachwuchssicherung. Gerade Regionen mit sinkenden Schulabgängerzahlen können davon profitieren – vorausgesetzt, Sprachförderung, Berufsschulen, Wohnraum und betriebliche Integration funktionieren.

Fachkräftemangel beginnt schon bei der Ausbildung

Der Ausbildungsmarkt 2026 zeigt damit keine einfache Krise von zu wenigen oder zu vielen Stellen. Vielmehr treffen wirtschaftliche Zurückhaltung, regionale Unterschiede, Berufswünsche der Jugendlichen und Anforderungen der Unternehmen aufeinander.

Die zentrale Herausforderung besteht darin, vorhandene Bewerber und Ausbildungsbetriebe besser zusammenzubringen. Dass gleichzeitig Zehntausende Jugendliche keinen Platz finden und Zehntausende Lehrstellen frei bleiben, zeigt die Größe dieser Aufgabe.

Für Ostdeutschland kommt eine weitere Dimension hinzu: Handwerk und technische Berufe sind für Infrastruktur, Energiewende, Industrie und Mittelstand von großer Bedeutung. Gelingt es nicht, ausreichend Nachwuchs auszubilden, verschärft sich der bereits bestehende Fachkräftemangel in den kommenden Jahren weiter.

Quellen

Personalwirtschaft – Auswertung zum Ausbildungsmarkt 2026

Deutsche Industrie- und Handelskammer – Ausbildungsumfrage 2026

Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung – Untersuchungen zum betrieblichen Ausbildungsmarkt

Statistisches Bundesamt – Berufsbildungsstatistik

Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend – Berufsbildungsbericht 2026

WSI-Tarifarchiv der Hans-Böckler-Stiftung – Ausbildungsvergütungen 2025/2026